S. 90-99


Über die Veränderung im Gefühle. Die erste Beschränkung A [...] ist eine ursprüngliche Beschränkung meiner Natur. Aus ihr allein folgt gar nichts, denn es folgt nicht einmal die Anschauung des Ich. Ich kann aber meine Natur durch freies Handeln ausdehnen, und dann möchte etwas folgen. Aber ich kann nicht frei handeln, ehe ich für mich Ich bin; wenigstens die Möglichkeit da ist, Ich sein zu können. Zu dieser Möglichkeit gehört, dass in meiner Natur eine Veränderung vorgehe, dass auf mich gewirkt, dass meine Natur affiziert werde. Die Anlage kann im Ich liegen, man braucht nicht aus ihm herauszugehen. Im gemeinen Bewusstseins muss sichs erklären durch das Vorhandensein von etwas außer mir.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 96


Nota. - Der reale Ausgangspunkt der Ichwerdung – nicht ihrer idealen Darstellung in der Wissenschaftslehre – ist für Fichte die Naturgegebenheit der Beschränktheit der Individuen: ein Faktisches. Trieb und, tiefer, Wollen sind hernach die Erklärungsgründe  –  und nur als solche 'das Erste'.
JE 




Ist kein Ich für das Ich, so ist kein NichtIch und kein Bewusstsein. Aber die Anschauung und der Begriff des Ich sind nicht möglich ohne Veränderung des Gefühls: Wechsel des Gefühls ist sonach Bedingung des Selbst-bewusstseins und talis qualis zu postulieren. Ein solcher Wechsel des Gefühls, den wir oben problematisch an-genommen haben, muss also notwendig angenommen werden.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 96


Nota. – Ist das trivial? – Es ist heute immer weniger selbstverständlich, dass sich ein Student der Philosophie selbst damit beschäftigt, was vor seiner eignen Ankunft auf der Welt schon gedacht wurde. Es könnte ihm zu Ohren gekommen sein, dass 'der Idealismus alles auf das Denken zurückführt'. Ja, und dann erscheint ihm obige Stelle nicht trivial, sondern sehr verwunderlich.
JE





Ich bin beschränkt, zuförderst praktisch. Diese Beschränktheit ist wieder beschränkt durch die im Zustande des Gefühls vorgegangene Veränderung; auf diese kann ich reflektieren oder nicht. Diese Reflexion ist die bisher[so] genannte Anschauung X; reflektiere ich aber einmal, so kann ich mich nicht allein beschränkt setzen, sondern ich muss auch noch ein / Beschränkendes hinzusetzen, dies ist die Anschauung Y. Reflektiere ich nicht, so bin ich für mich nicht da, und sonach ist auch außer mir für mich nichts da. 

Indem ich nun den geschilderten freien Akt vollziehe, werde ich mir meiner unmittelbar bewusst. Mit jeder Reflexion auf meinen Zustand und dem daraus folgenden Schlusse auf etwas außer mir ist eine Reflexion auf mich unmittelbar verknüpft, nicht in zwei besonderen Akten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 98f. 


Nota.  Die erste Realität ist das Gefühl. Es ist in jedem Falle ein Gefühl des Beschränktseins. Daraus schließt die Wissenschaftslehre auf das Vorhandensein von etwas Beschränkendem - einem Objekt außer mir - und auf das Vorhandensein von etwas, das sich nicht beschränken lassen will: Trieb, Streben, Wollen. Nur so kann Bewusstsein zustande gekommen sein; Selbstbewusstsein und Gegenstandsbewusstsein mit einem Mal.
JE








Auf die Anschauung Y soll ich reflektieren in X; soll diese Anschauung Y meine sein, so muss ich darauf re-flektieren in Z, auf diese in einer Anschauung V. Dies ist nun wichtig, so gewiss eine freie Anschauung ist, so gewiss ist Anschauung des Ich mit verknüpft. 

Ich schaue mich an als anschauend; dadurch werde ich mir selbst ich [sic]; dies kann nun nicht sein, ohne dass ich mich auch setze als gebunden, denn dadurch erhalte ich erst Haltbarkeit für mich; und so sieht man die Notwendigkeit ein, mit der Anschauung X die Anschauung Y zu verbinden. 

So erhält alles bisher Gesagte erst durch die Freiheit Verständlichkeit und Haltbarkeit: an die Freiheit nur lässt sich etwas anknüpfen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S.  99


Nota.  'Erst durch die Freiheit': Frei ist immer das Reflektieren. Das, worauf reflektiert wird, ist gegeben, ist das, was an (der Tätigkeit des) Ich das Begrenzte und Gebundene ist; und dies auf jeder Stufe der Reflexion neu. Freiheit ist kein Zustand, sondern der Modus des Tätigseins – welcher immer wieder unterbrochen, welches immer wieder aufgehalten wird durch die immer wieder neuen Widerstände von Seiendem.
JE







Eine ideale Tätigkeit, die dem Ich zugeschrieben wird, die mit dem Bewusstsein der Freiheit gesetzt wird, ist einBegriff, sonach ist das, was wir bisher bloß als Anschauung charakterisiert haben, ein Begriff, die Anschauung. 

Der Charakter des Begriffs von der Anschauung wäre der: dass in der Anschauung das Ich gesetzt werde als gebunden, im Begriff aber als frei. Daher die Anschauung an sich nichts oder, wie Kant sagt, / blind ist, der Begriff aber leer an sich, wenn sich das Ich nicht beschränkt findet in der Anschauung.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S.  99f.


Nota. - Was in realer Tätigkeit Gefühl ist, wird in der idealen Tätigkeit – Reflexion erster Stufe – Anschauung; in der erst 'erscheint' sich das Ich, und zwar als begrenzt oder 'gebunden'. Die ideale Tätigkeit ist ungebunden und fährt fort: Reflexion zweiter Stufe. So wird die Anschauung Begriff und das Ich erscheint ungebunden. 
(Ergibt das einen Sinn?) JE

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