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//S. 51//
[§ 4.]

Durch die absolute Freiheit, die eben beschrieben worden ist, bestimme ich mich zu etwas, ich setze, ich habe in der Bestimmtheit einen Begriff. Es wird nur nach einem Begriff gehandelt, ich handle dann frei, wenn ich nur selbsttätig einen Begriff entwerfe. – Es ist uns hier aber um die klare Einsicht der Gründe zu tun.
 
//52// 1) Das bloße Selbstaffizieren wurde im vorigen Paragraphen als reale Tätigkeit aufgefasst, sie wurde nun angeschaut, in ihr lag der eigentliche Akt der realen Tätigkeit. Nun soll die reale Tätigkeit dem Ich in diesem Selbstaffizieren zusehen, aber das kann sie nicht, so wie wir sie bisher kennen. Nur als ein Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit konnte diese Tätigkeit gesehen werden. Nicht Selbstaffektion, sondern Bestimmbarkeit und Bestimmtheit, und beide zugleich. Das Bestimmte lässt sich nur so erkennen, dass es das Bestimmbare nicht ist. –

Das Bestimmte muss anschaubar sein, denn nur unter der Bedingung seiner Anschaubarkeit ist Freiheit möglich, welche Bedingung des Bewusstseins ist.

Aber die ideale Tätigkeit ist ihrem Charakter nach gebunden und gehalten; nur einer realen nachgehend. Dieser idealen Tätigkeit muss etwas entgegengesetzt sein, von der sie gehalten werde, dies ist ein Reelles und insofern etwas Bestimmtes. (Wie das Bestimmte zu Etwas werde, gehört noch nicht hierher.) Dieses Etwas heiße x, es bedeutet ein Sein, welches die ideale Tätigkeit bloß nachmacht, etwas, was die eigentliche Tätigkeit vernichtet. 

Es wird sich zeigen, dass dies Sein in einem anderen Sinne müsse genommen werden, als das, welches die reelle Tätigkeit aufhebt. Wir werden zwei Bedeutungen von Sein erhalten; das, wovon wir hier reden, wird sich zeigen als ein Begriff vom Zwecke.
Nota. 
- Was die reale Tätigkeit aufhebt und vernichtet, ist das NichtIch, ein totes Sein, eine negative Größe. Hier wurde aber gesucht: das, was der idealen Tätigkeit entgegengesetzt wird, um sie als diese zu bestimmen; was sie nicht aufhebt und vernichtet, sondern im Gegenteil hält: das Was der Bestimmung. Dieses ist nun selber kein Reales, keine Tätigkeit, sondern ein bloß Gedachtes, Noumenon, nämlich der Begriff von diesem Zweck. Der ist völlig 'in Ruhe', ist ein Sein ganz neuer, ganz eigener Art.
JE

Das Ich bestimmt sich selbst. Das Wörtchen selbst bezieht sich auf es. Es bestimmt sich, aber indem es sich bestimmt, hat es sich schon; das sich Bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.

2) Dieses x ist nun selbst das Produkt der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt etwas in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen.

(Das Wort Grund muss hier sofern erklärt werden, dass der Sinn deutlich wird; weiter unten wird deduziert, was Grund sei.)

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da ist, teils, dass es so bestimmt ist. In sofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzu gedacht werden, was sie binde und gerade an das x binde, das ist x nicht selbst, //53// sondern die Freiheit, diese hat x selbst hervorgebracht; dies heißt nun: Die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, welches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, da es nur kennt, was in ihm ist. – Es ist bildend, es muss das Praktische sonach auch setzen als bildend. Es sieht gleichsam ein Bilden in das Praktische hinein, und dies Bild ists, wodurch das Praktische dem Idealen zu sich selbst wird. Das Zuschreiben der Anschauung ist der Punkt, der es vereinigt. Nun aber ist das Praktische als frei anfangend kein Nachbilden, jenes Bild des Praktischen ist daher kein Nachbild, sondern ein Vorbild.

Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem anderen nach; das realiter Tätige ist absolut frei, es kann nicht folgen, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt ein Zweckbegriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines freien Begriffes vom Handeln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelligenz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso das Zuschreiben des Bewusstseins und Zuschreiben der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.
Nota I. 
- An anderer Stelle mag es heißen, Freiheit sei der Grund, dass man zu Bewusstsein kommen kann: Es ist beides dasselbe. Wäre das eine Begriffsbestimmung, wäre es tautologisch und leer. Es handelt sich aber um zwei unterschiedliche Vorstellungen, und der Satz sagt nun, dass man sich die eine nicht machen kann, wenn man sich zuvor nicht die andere gemacht hat; wer auf jene verzichten will, muss auch auf diese verzichten. Das ist keine logische, sondern eine genetische, keine formale, sondern eine sachliche Aussage.
 Nota II. 
- Die Wissenschaftslehre handelt nicht von der Welt - und auch nicht von dem Bild, das wir uns von ihr machen: Das ist Gegenstand der reellen Wissenschaften. Sondern davon, dass und wie wir uns ein Bild der Welt machen; und warum wir so gewiss sind, dass es ein Bild von der Welt ist.
JE

Es hat sich; es ist etwas Doppeltes, das aber unzertrennbar ist. So ein unzertrennbar Doppeltes ist aber Subjektobjek- tivität, oder das Bewusstsein. Dies ist das einzige, welches ursprünglich synthetisch vereinigt ist. Alles andere wird erst synthetisch vereinigt. Ein sich Bestimmendes ist für sich, und darum schreibt man der Intelligenz Freiheit zu. 

// 54// Die Intelligenz ist unzertrennlich von dem Praktischen, aber auch die Intelligenz muss praktisch sein. Kein Bewusstsein ist ohne reale Freiheit. Die Vereinigung zwischen Intelligenz und praktischem Vermögen ist notwendiges Bewusstsein (§ 1), ist ein sich selbst idealiter Setzen. Das Ideale heiße einmal ein Setzen. Alles Setzen ist ein sich selbst Setzen und geht davon aus und wird dadurch vermittelt. 

Das Ich der bisherigen Philosophien ist ein Spiegel, nur aber sieht der Spiegel nicht, darum wird bei ihnen das Anschauen, das Sehen nicht erklärt, es wird bei ihnen nur der Begriff des Abspiegelns gesetzt. Dieser Fehler kann nur gehoben werden durch den richtigen Begriff von Ich.

Das Ich der Wissenschaftslehre ist kein Spiegel, es ist ein Auge. Alles innere Geistige hat ein äußeres Bild. Wer das Ich nicht kennt, weiß auch nicht, was ein Auge ist. In der gewöhnlichen Ansicht soll das Auge nicht sehen, etwas durch das Auge [sehen] ist ein sich selbst abspiegelnder Spiegel; das Wesen des Auges ist: ein Bild für sich sein, und ein Bild für sich sein ist das Wesen der Intelligenz. Durch sein eignes Sehen wird das erste und das letzte sich zum Bilde. Auf dem Spiegel liegt das Bild, aber es sieht es nicht. Die Intelligenz wird sich zum Bilde. Was in der Intelligenz ist, ist Bild und nicht anderes. 

Aber ein Bild bezieht sich auf ein Objekt. Wo ein Bild ist, muss etwas sein, das abgebildet wird. So ist auch die ideale Tätigkeit geschildert worden, als ein Nachmachen, ein Nachbilden. Wird ein Bewusstsein angenommen, so wird auch ein Objekt desselben angenommen. Dies kann nur Handeln des Ich sein, denn alles Handeln des Ich ist nur unmit- telbar anschaubar, alles andere nur mittelbar. Wir sehen alles in uns, wir sehen nur uns, nur als handelnd, nur als übergehend vom Bestimmbaren zum Bestimmten. 

Das Ich ist weder Intelligenz noch praktisches Vermögen, sondern beides zugleich. Wollen wir das Ich fassen, so müssen wir beides fassen; beide getrennt sind gar nichts. 

In das praktische Ich ist nun alles hineingelegt; Praxis und Anschauung dazu. Wir haben nun ein reelles Ich und die bloße Idee. Wir müssen von der Realität ausgehen, wir sehen von nun an einem wirklichen Handeln zu eines wirklichen Ich. Es ist ein wirkliches Faktum da, das Ich bestimmt sich selbst ver-// 55//möge seines Begriffs. Es ist ihm zugeschrieben praktisches Vermögen und Intelligenz.
Nota. 
- Was in der Intelligenz ist, ist Bild und nicht anderes. - Wir sehen alles in uns, wir sehen nur uns, nur als handelnd, nur als übergehend vom Bestimmbaren zum Bestimmten.

Das ist die knappste Zusammenfassung der Wissenschaftslehre, die ich mir denken kann.
JE
§ 4 [Zusammenfassung ]
Die Selbstbestimmung durch Freiheit ist nur als Bestimmung zu etwas anschaubar, von welchem das sich selbst Bestimmende oder Praktische einen Begriff habe, der der Begriff vom Zweck heißt. Sonach werde dem Anschauenden das Subjekt des praktischen Vermögens zugleich zu einem Vermögen der Begriffe, so wie umgekehrt das Subjekt des Begriffs oder die Intelligenz notwendig praktisch sein muss. Beides, praktisches Vermögen und Intelligenz, ist unzertrennlich. Eins lässt sich ohne das andere nicht denken. Die Identität beider ist sonach der Charakter des Ich.
Nota. 
- Von Freiheit kann nur die Rede sein, wo es darum geht, etwas zu tun;.nämlich dieses oder etwas anderes. Das setzt voraus das Entwerfen eines Zwecks, und der muss als Begriff gefasst werden. Von Freiheit kann nur die Rede sein, wenn das Ich schlechterdings als wollend angenommen wird; als etwas tun wollend. Der Raum der Freiheit ist außer mir. 
Etwas 'sein' wollen - "sich selbst verwirklichen" - oder etwas haben wollen - Äpfel oder Birnen - führt nicht ins Reich der Freiheit. Es setzt kein Ich, sondern unterhält ein zehrendes Selbst.
JE


[§ 5]

Etwas ist, das anschaubar ist. Etwas und Anschauung sind Wechselbegriffe. Das, wozu sich die Selbsttätigkeit bestimmt, ist Etwas: Was ist es denn? Dies soll unsere Untersuchung sein.

1) Das bis jetzt Reflektierte war ein Zustand der Intelligenz. Es [unleserlich] war Bestimmbarkeit, Übergehen und Bestimmtheit, dies lag im einfachen Faktum. Wie kommt es nun, dass bestimmbar und bestimmt anschaubar ist? Im vorigen Zustand konnte diese Frage nicht aufgeworfen werden, es ist da anschaubar. Wenn ich nun nach der Möglichkeit frage, so gehe ich aus dem Faktum heraus, erhebe mich über dasselbe und mache das zum Objekt, was vorher Reflexion war, einer neuen Reflexion.

Hier bleiben noch die Fragen liegen: Wie ist es möglich, sich über die erste Reflexion zu erheben? Wir nehmen hier die Reflexion mit Freiheit vor; es wird uns dadurch mancherlei entstehen. Wenn nur das, was entsteht, notwendige Bestimmungen des Bewusstseins sind: Wie kommen wir dazu?
Nota. 
- Nur was durch die Anschauung gegeben hat, ist etwas, und wo keine Anschauung ist, ist nichts. Doch etwas ist nicht Sein und nichts ist nicht das Nichts. Etwas ist all das, was in der Schulsprache Phänomen oder Erscheinung heißt. Die einzige Bestimmung daran ist, dass es anschaubar ist; darüberhinaus ist es unbestimmt=bestimmbar.
JE

//56// Zuletzt wird also ein Grund der jetzt zu beschreibenden Reflexion aufgestellt werden müssen, denn sonst wird uns unser Verstehen nichts helfen. Es wird uns hier gehen wie oben: Da wurde erst das unmittelbare Bewusstsein beschrieben als ideales sich selbst Setzen. Dann wurde das Ich in diesen Zustand gesetzt, dies schien Sache der Frei- heit zu sein, aber es wurde gezeigt, dass, wenn ein Ich möglich sein sollte, diese Handlungen [notwendig] vorgenommen werden mussten.
 
2) Die Frage ist, wie wird doch das durch absolute Spontaneität Hervorgebrachte anschaubar, oder was ist es eigentlich?

Wir haben schon oben gesehen, dass die Frage [lautet?], was ein Gegensatz bedeutet. Wenn ich frage: Was ist x? so schwebt mir eine Sphäre von Mannigfaltigem vor, was x sein könnte, ich will wissen, was x unter dem Mannigfaltigen sei, sonach müssen wir wissen, wem das durch Selbstbestimmung Hervorgebrachte entgegengesetzt werden soll.

Bestimmbarkeit und  Bestimmtheit ist bezogen auf ideale Tätigkeit, die gebunden ist, nicht Tat, sondern Zustand des Ich ist. Sonach ist der Charakter des hier Angeschauten ein Haltendes [sic], beziehbar auf die Anschauung. Es wird sich vielleicht zeigen, das alles Anschaubare ein Haltendes ist, weil die ideale Tätigkeit ein solche ist, die bloß folgen kann.

Alle ideale Tätigkeit bezieht sich unmittelbar lediglich auf reale Tätigkeit. Was also das Haltende immer ist, so kann sich die ideale Tätigkeit doch nur mittelbar darauf beziehen. Sonach müsste die praktische Tätigkeit gebunden sein, wenn die ideale erklärt werden sollte, so dass alle Beschränktheit, die im Bewusstsein vorkommt, ausgehen müsste von der praktischen Tätigkeit.
Nota.
-- In der unablässigen Reflexion geschieht ein ununterbrochener Stellungswechsel. Jedes für sich ist nicht - sondern, entweder - oder; doch im Zusammenhang ist das eine nur früher, das andere später, das eine nieder, das andere höher auf der Reflexionsleiter. (Natürlich, denn jedes ist ein weiterer Schritt im Bestimmen: jedesmal steht eine Mannigfaltigkeit zur Auswahl, fortschreiten kann ich aber nur durch alternatives Entgegensetzen. Rückwärts betrachtet erscheint es wie gradueller Aufstieg.)
JE

Um also die Gebundenheit der idealen Tätigkeit zu erklären, müssen wir der realen zusehen.

A) Wie schon oben erwiesen, entwirft sich das praktische Ich einen Begriff von seiner Tätigkeit, welcher der Zweckbegriff heißt.

Die Tätigkeit des Ich ist ein Übergehen von der bloßen Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Die letztere wird aus der //57// Summe der ersten herausgerissen, und der herausgerissene Teil ist der, der begriffen wird.

Das Ich bestimmt sich, heißt, es wählt unter dem Bestimmbaren aus, die Wahl geschieht nach dem Begriffe, sonach war das Ich als Intelligenz nicht frei.

Man denke das Bestimmbare als Etwas. Dieses Prädikat kommt ihm zu, denn es ist anschaubar. Unter diesem Etwas, welches in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, wählt die absolute Freiheit. Sie kann in ihrer Wahl nicht gebunden sein, denn sonst wäre sie nicht Freiheit. Sie kann ins Unendliche mehr oder weniger wählen, kein Teil ist ihr als der letzte vorgeschrieben. Aus dieser Teilbarkeit ins Unendliche wird vieles folgen (der Raum, die Zeit und die Dinge). Unendlich teilbar ist alles, weil es eine Sphäre für unsere Freiheit ist.

Hier ist die praktische Tätigkeit nicht gebunden, weil sie sonst aufhören müsste, Freiheit zu sein, aber darin ist sie gebunden, dass sie nur aus dem Bestimmbaren wählen muss. Das Bestimmbare erscheint nicht als hervor-gebracht, weder durch reale noch durch ideale Tätigkeit; es erscheint als gegeben zur Wahl. Es ist gegeben heißt nicht, es ist dem Ich überhaupt gegeben, sondern dem wählenden, praktischen Ich. Wir haben oben gesehen, dass das Bestimmbare aus den Gesetzen der idealen Tätigkeit hervorkommt. Man kann sagen, es ist durch die Natur der Vernunft gegeben.

Die Freiheit besteht darin, dass unter allem gewählt werden kann; die Gebundenheit darin, dass unter dieser Summe gewählt werden muss. Wir erhalten hier einen Begriff der bestimmten Summe für die Wahl der Freiheit; ein Teil der Summe heißt eine bestimmte Tätigkeit oder Handlung.
Nota. 
- Das ist wieder so eine Kopfnuss: Wie kann etwas Unendliches teilbar sein? Ich greife ein Stück heraus, und übrig bleibt - das Unendliche? Dann habe ich es nicht geteilt.
 So würde der Logiker reden. In der scholastischen Dialektik von Fichtes Nachfolger auf seinem Berliner Katheder stehen sich am Anfang das Sein und das Nichts als schlechthin Entgegengesetzte gegenüber und führen ein Tanz miteinander aus. Bei Fichte aber sind die Dinge nicht entgegengesetzt, sondern werden es: vom tätigen Ich.
 Das unendlich Bestimmbare ist eben nicht nichts. Denn völlig unbestimmt ist es ja nicht: Im Ich ist es - a priori, wenn ich so sagen darf - bestimmt als ein Bestimmbares, als ein Zu-Bestimmendes. Bestimmen ist ein Handeln, das kommt in der Logik gar nicht vor. Nicht um die - ohne Anschauung in der Tat leeren - Begriffe geht es, sondern um das lebendige Vorstellen: "Wenn ich frage: Was ist x?, so schwebt mir eine Sphäre von Mannigfal-tigem vor, was x sein könnte, ich will wissen, was x unter dem Mannigfaltigen sei, sonach müssen wir wissen, wem das durch Selbstbestimmung Hervorgebrachte entgegengesetzt werden soll."
 Nein, logisch sauber ist es nicht, Handeln ist an sich praktisch, 'bestimmend'; wenn ihm nichts "vorschwebte, was sein könnte", hätte es nichts zu wählen. Hier die Einbildungskraft, da das Urteilsvermögen, aber beide uno actu.
JE

Anmerkung 1) Wir erhalten hier eine Summe des Bestimmbaren; dies kommt daher, weil wir über unsere vorige Reflexion wieder reflektieren, sie wird jetzt aufgefasst als ein bestimmter Zustand des Gemüts, aber dadurch wird alles vollendet und ganz, was darin liegt. Im Paragraph 1 war von einer Totalität des Bestimmbaren nicht die Rede und konnte es nicht sein, weil das Anschauende selbst in dem Bestimmbaren sich verlor.
 
//58// 2) Hier haben wir den Begriff einer Handlung erhalten. Die Selbstaffektion (§3) war nur möglich auf eine Art. Nun aber, da sie gesetzt ist als Übergehen von Bestimmbarkeit zu Bestimmtheit, muss sie möglich sein auf mannig- faltige Art. Die Selbstaffektion ist Stoß auf sich selbst; soll Verschiedenheit stattfinden, so muss etwas aus ihr Folgen- des gesetzt werden, wodurch sie als ein Mannigfaltiges erscheint, und dies ist das Handeln.
Nota.
 - Was als Reflexion selber ('ideale') Tätigkeit war, wird als Reflexion auf die Reflexion (endlicher) 'Zustand'. - Nicht Begriffe 'schlagen um', sondern es wird leibhaftig vorgestellt: Die Einbildungskraft ist allezeit produktiv, die Vorstellungen werden - und werden zu etwas, was sie vorher nicht waren: Handlung.
 Der springende Punkt bleibt immer: Wenn die Freiheit sich (zu diesem oder jenem) bestimmt, kann sie es nur so tun.
JE
B) Die gewählte Handlung heiße x, sie ist Teil der soeben aufgezeigten Summe, und ihr muss das Prädikat zukommen, welches der ganzen Summe zukommt, sie muss teilbar sein können ins Unendliche. Aber noch immer ist dieser gewählte Teil x nur charakterisierbar und anschaubar, inwiefern er bestimmt ist. Er muss dem Bestimmbaren entgegengesetzt werden, denn nur unter dieser Bedingung ist das ganze bisher Geforderte möglich. 

Welches ist nun der Charakter des Bestimmten als solchen, wie ist von ihm das Bestimmbare unterschieden? Die reale Tätigkeit bestimmt sich zum Handeln, und diese ist nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, nicht teilbar, sie ist absolut einfach. Das sonach, wozu sich das Ich durch Selbstaffektion bestimmt, müsste anschaubar sein, das Handeln. Dies aber ist nicht möglich, wenn im Handeln der praktischen Tätigkeit die Freiheit nicht gebunden ist. Aber aufgehoben darf sie nicht werden, Tätigkeit muss sie sein und bleiben, sie müsste gebunden und auch nicht gebunden sein, beides müsste stattfinden. 

Ein Handeln würde so etwas sein, in welchem die reale Tätigkeit gebunden und auch nicht gebunden wäre. Das Gebundene soll die reale Tätigkeit sein; also das Leidende bedeutet etwas Aufhaltendes, und nur inwiefern die Freiheit aufgehalten ist, ist Anschauung möglich.

Die Handlung mag x heißen, und dieses x muss anschaubar sein. Nun kommt dem Handeln als einem Bestimmbaren durch Freiheit Bestimmbarkeit ins Unendliche zu, man kann sonach x teilen in A und B, und diese wieder ins Unendliche. Wenn man ins Unendliche mit der Teilung fortginge, so dürfte man keinen einzigen Punkt finden, in welchem nicht //59// läge Tätigkeit und Hindernis der Tätigkeit. Dies ist nun Stetigkeit, eine stetige Linie des Handelns, und so etwas heißt Handeln, welche in einer steten Linie fortgeht. (Von der Zeit ist hier noch nicht die Rede.) 
Nota.
 - Nur was anschaubar ist, ist wirklich. Freiheit, die nicht auf ihre Grenze stößt, um sie zu überschreiten, ist keine. Wirklich ist nichts, was nicht einen Gegenstand hat, der ihm entgegensteht.
* 
Die reale Tätigkeit ist als solche nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, sondern bloßer Gedanke. Anschaubares Etwas wird die Tätigkeit erst, weil und wenn sie auf ein Hindernis stößt, welches sie aufhält. Nicht in ihrer Tätigkeit selbst ist Freiheit anschaubar, sondern erst, wenn sie ein Objekt wählt, das ihr entgegensteht.Freiheit ist dem tätigen Ich als seine Bestimmung zuerst nur zugedacht, ihre Energie heiße reale Tätigkeit; sie 'sind' insofern, als sie den Sinn der Handlung ausmachen, die doch selber das einzig Anschaubare, das real-Reale ist. Sie ist der Ausgangspunkt der Wissenschaftslehre, und nachdem jene sie in ihrem ersten, analytischen Gang als den einzig möglichen Grund der Ichheit bloßgelegt hatte, setzt sie in ihrem zweiten, synthetischen Gang das System er Vernunft aus diesem seinen Grund wieder zusammen.
 JE
 
Die Freiheit ist absolute Selbstaffektion und weiter nichts, sie ist aber kein Mannigfaltiges, also auch nicht anschaubar. Hier soll aber ein Produkt derselben anschaubar sein, sie soll also mittelbar anschaubar sein. 

Dies ist nur unter der Bedingung möglich, dass mehrere Selbstaffektionen gesetzt werden, die als mehrere nur unterscheidbar wären durch das Mannigfaltige des Widerstandes, der ihnen entgegengesetzt würde; aber ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit, und inwiefern er überwunden wird, kommt er ins Ich. 

Das Ich sieht nur sich selbst, nun sieht es sich aber nur im Handeln, aber im Handeln ist es frei, also überwindend den Widerstand: Die Freiheit wirkt ununterbrochen fort, der Widerstand gibt ununterbrochen nach, [so] dass doch immer ein Widerstand bleibt. (Ein Bild davon ist das Fortschieben eines beweglichen Körpers im Raume.)
Nota. 
- Freiheit 'ist' (wie 'Ich') nur als NoumenonWirklich sind sie nur objektiv: als Wirkung, nämlich in ihrer Vereinigung mit dem Widerstand; denn die lässt sich anschauen, sie ist eigentlich alles, was wir 'haben'. Alles weitere wird in der Vorstellung lediglich hinzugedacht: aber dies notwendig, sofern wir einen Sinn darin erkennen wollen.
JE
In jedem Momente liegt Handeln und Widerstand zugleich. Dieses Handeln geht nicht rückwärts, sondern in einem fort, es ist immer ein und dieselbe Selbstaffektion, die sich immer weiter ausdehnt durch die Anschau-ung. Der einfache Punkt der Selbstaffektion wird ausgedehnt durch die Anschauung der Selbstaffektion zu einer Linie. In Verfolgung dieser Linie erhalten wir [eine] Folge bestimmter Teile. 

Dass es Teile sind und als solche aufgefasst werden, dafür liegt der Grund in der Reflexion, dass nämlich in diese Linie A, B, C, D pp. gesetzt wird; aber dass in dieser Ordnung aufgefasst wird, davon liegt der Grund nicht in der Reflexion, denn diese kann nur dem realiter Tätigen folgen, auch liegt der Grund nicht in der realen Tätigkeit, denn dies Mannigfaltige ist ja ein die reale Tätigkeit Verhinderndes, ihr Entgegengesetztes; mithin ist die reale Tätigkeit in Rücksicht der Folgen gebunden, und dies ist der Unterschied zwischen dem Charakter des Bestimmbaren und [des] Bestimmten.
Nota.
- Die - als solche bloß gedachte - reine Tätigkeit geht ins Unendliche fort und erscheint insofern als stetig. Sie stößt - hier tritt das Wirkliche ein! - auf einen Widerstand; sie überwindet ihn und fährt fort. Im Moment des Widerstehens wurde sie anschaulich, ein 'Quantum' der Tätigkeit wendet sich darauf und wird 'ideal'= Reflexion. Rückwärts betrachtet erscheint nun die (für sich genommen stetige) reale Tätigkeit der idealen als inter-punktiert durch A, B, C, D; nämlich durch die anschaulichen Folgen, die sie gezeitigt hat.
JE

Das praktische Ich (denn dadurch erklären wir alles) erscheint im Entwerfen des Begriffs seiner Wirksamkeit frei in Absicht des Zusam-//60//menordnens des Mannigfaltigen; darin besteht die Freiheit der Wahl. Ist aber der Begriff einmal entworfen und wird nach ihm gehandelt, dann hängt die Folge nicht mehr von ihm [=dem praktischen Ich] ab, sondern es ist in Rücksicht derselben gebunden. Die Anschauung, die ihrer Natur nach gebunden ist, wird im ersten Falle, wenn der Begriff entworfen wird, vom Praktischen hin- und hergerissen zwischen Sein und Nichtsein, im Schweben zwischen Entgegengesetzten. Im zweiten Falle, wo gehandelt wird, wird das Angeschaute dadurch, dass das Praktische selbst gebunden ist, mitgebunden; der Grund der Bestimmtheit der Intelligenz hängt ab von der Bestimmtheit des Praktischen.

Im ersten Falle heißt es der Begriff von einer bloß möglichen, im zweiten von einer wirklichen Handlung. Jetzt ist die Fragte, was x sei, beantwortet; x ist eine wirkliche Handlung und einer bloß möglichen entgegengesetzt.

Corollaria: 

1) Diese Begriffe sind besondere Bestimmungen der Intelligenz in Beziehung auf das in ihr notwendig hinzuzuden- kende praktische Vermögen. Wird das praktische Vermögen gesetzt als selbst Begriffe erschaffend, so ist dann die Intelligenz selbst frei, und dann entsteht der Begriff des Möglichen; wird es gesetzt als wirklich handeln, so ist es in Rücksicht der Folge des Mannigfaltigen gebunden, und die Intelligenz mit ihm.

2) Alles Wirkliche und Mögliche ist wirklich und möglich lediglich in Beziehung auf die Handlung des Ich; denn wir haben es von der Anschauung des Handelns abgeleitet. Die Anschauung eines Wirklichen bedingt alle Anschauung, mithin alles Bewusstsein.

Bewusstsein des Wirklichen oder Anschauung des Wirklichen heißt Erfahrung, also geht alles Denken von der Erfahrung aus und ist durch sie bedingt. Nur durch Erfahrung werden wir für uns selbst etwas, hinterher können wir von der Erfahrung abstrahieren.

Anschauung des Wirklichen ist nur möglich durch Anschauung eines wirklichen Handelns des Ich; also jede Erfahrung geht aus vom Handeln, es ist nur durch sie möglich [sic]. Ist kein Handeln, so ist keine Erfahrung, und ist diese nicht, so ist kein Bewusstsein.
Nota.
 - Möglichkeit 'ist' lediglich in der Vorstellung, nämlich sofern der Begriff von einem Zweck gefasst wurde; ist nicht die Latenzform von 'Sein', sondern ein Zweck, der zwar entworfen, aber noch nicht handelnd realisiert wurde. (Zur Erinnerung: Nach Kants Kategorienlehre gehört Möglichkeit neben Wirklichkeit und Notwendigkeit zu den Modalitäten; sie sind a priori.)
JE







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