S. 50-59

Der gemeine Menschenverstand erkennt //50// dies an, wenn er sagt: Ich bin mir etwas bewusst. Würde das Ich nur als Subjekt gedacht, so würde nichts erklärt, man müsste wieder ein neues Subjekt zu diesem Subjekt suchen und so in das Unendliche, es muss daher als Subjekt-Objekt gedacht werden.

Aber ein solches ideales Subjekt-Objekt erklärt wieder nichts, es muss noch etwas hinzukommen, welches in Beziehung auf dieses Subjekt bloß Objekt sei, dessen ich mir bewusst bin. Woher soll dies kommen? Der Dogmatiker sagt: Das Objekt wird gegeben, oder, wenn er den Kritizismus mit dem Dogmatismus verbinden will, so sagt er, der Stoff wird gegeben, aber dies erklärt nichts, es ist bloß ein leeres Wort anstatt des Begriffs.

Der Idealist sagt: Das Objekt wird gemacht. Diese Antwort aber, so aufgestellt, löst auch nichts. Denn wenn auch das Objekt Produkt des Ich als realtätiges Wesen ist, so ist das Ich, inwiefern es real tätiges Wesen ist, kein ideales; dies Produkt, das das wirkende Ich hervorbrächte, wäre dem Vorstellenden gegeben, und wir wäre wieder bei dem Vorigen. –

Die Frage kann nur so beantwortet werden: Das Anschauende und das Machende sind unmittelbar eins und dasselbe. Das Anschauende sieht seinem Machen zu. Es ist kein Objekt als Objekt unmittelbar Gegenstand des Bewusstseins, sondern nur das Machen, die Freiheit. Der Satz: Das Ich setzt sich selbst, hat zwei unzertrennliche Bedeutungen, eine ideale und eine reale, welche beide in dem Ich schlechthin vereinigt sind. Kein ideales Setzen ohne reales Selbstanfangen, und umgekehrt. Kein Selbstanschauen ohne Freiheit et wice versa. – Ohne  Selbstanschauung auch kein Bewusstsein. –

Vor dem Akte der Freiheit ist nichts, mit ihm wird alles, was da ist; aber diesen Akt können wir nicht anders denken denn als ein Übergehen von einer vorhergehenden Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. – So kommt nun vorwärts und rückwärts dasselbe, nur unter zwei Ansichten, und der Akt der Freiheit ists, um welchen sich alles herum dreht. Der Akt ist nun nicht möglich, wenn ihm nichts zur Rechten liegt, die Bestimmbarkeit, das unmittelbare Bewusstsein. Auf der Linken liegt das, was hervorgebracht werden soll, das angeschaute Ich, beides ist nicht von einander zu trennen, beides hängt ab von der absoluten Freiheit.

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Kein Mensch kann den ersten Akt seines Bewusstseins aufzeigen, weil jeder Moment ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit ist, und daher immer wieder einen anderen voraussetzt.

Das eigentlich realiter Erste ist die Freiheit, aber im Denken kann sie nicht zuerst aufgestellt werden, darum mussten wir erst die Untersuchungen aufstellen [sic], wodurch wir darauf gekommen sind.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 51





Aber die ideale Tätigkeit ist ihrem Charakter zufolge gebunden und gehalten, nur einer realen nachgehend. Dieser idealen Tätigkeit muss etwas entgegengesetzt sein, von dem sie gehalten werde, dies ist ein Reelles und insofern Etwas als das Bestimmte. (Wie das Bestimmte zu einem Etwas werde, gehört noch nicht hieher.) Die-ses  Etwas heiße x, es bedeutet ein Sein, welches die ideale Tätigkeit nur nachmacht, etwas, was die eigentliche Tätigkeit vernichtet.

Es wird sich zeigen, dass dieses Sein in einem anderen Sinne müsse genommen werden als das, welches die reelle Tätigkeit aufhebt. Wir werden zwei Bedeutungen von Sein erhalten, das, wovon wir hier reden, wird sich zeigen als ein Begriff vom Zwecke. 

Dieses x ist nun selber ein Postulat der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt etwas in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht etwa (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen. ...

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da sei, teils, dass es so bestimmt ist. Insofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzugedacht werden, was sie binde und gerade an x binde, das ist x nicht selbst, / sondern die Freiheit, diese hat x selber hervorgebracht, dies heißt nun: die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, welches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, weil es nur kennt, was in ihm ist. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 52f.


Nota. – Für die ideale Tätigkeit – in Summa: für die Reflexion – ist der Begriff ein Sein; denn die Begriffe überhaupt sind allezeit Abkömmlinge (=mannigfaltige Bestimmungen) des Zweckbegriffs.

(Das heißt aber nur: Die ideale Tätigkeit muss nicht jedesmals aufs Neue deliberieren, welche Richtung sie einschlagen soll: Die schwebt ihr ihr als 'einmal gegeben' stets vor.
JE




Das Ideale* ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, da es nur kennt, was in ihm ist. - Es ist bildend, es muss das Praktische sonach auch setzen als bildend. Es sieht gleichsam ein Bilden in das Praktische hinein, und dies Bild ists, wodurch das Praktische dem Idealen zu sich selbst wird. Die Zuschreibung der Anschauung ist der Punkt, der es vereinigt. Nun aber ist das Praktische als frei anfangend kein Nachbilden, jenes Bild des Praktischen ist daher kein Nachbild, sondern ein Bild.

*) [=die ideale Tätigkeit]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 53 




Es* ist bildend, es muss also das Praktische auch setzen als bildend. Es sieht gleichsam ein Bilden in das Prakti-sche hinein, und dies Bild ists, wodurch das Praktische dem Idealen zu sich selbst wird. Das Zuschreiben der Anschauung ist der Punkt, der es vereinigt. Nun ist aber das Praktische als frei Anfangen kein Nachbild, sondern ein Vorbild.

*) [das Ideale]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53








Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem andern nach, das realiter Tätige ist absolut frei, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt einen Zweckbegriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. 

Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines entworfenen Begriffes vom Han-deln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelli-genz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso Zusprechen des Bewusstseins und Zusprechen der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 53


Nota. - Ich mag mein ganzes Leben mit Bestimmen und unendlichem Annähern verbracht haben – so weit die Strecke immer sei, die ich selber zurückgelegt habe, so wenig näher ist mir das Unendliche gerückt, so wenig bestimmter ist mir das Unbestimmbare geworden.

Hier hat Fichte das andre Ende seines 'Systems' bereits ausgemacht und 'bestimmt': bestimmt nämlich als unbe-stimmtunendlich bestimmbar und eo epso unbestimmbar. Das System ist keine geschlossenen Kugel, sondern ein dynamische Prozess (von procedere), er hat seinen Anfang in der 'intellektuell angeschauten' Tat-handlung und seinen schlechthin unerreichbaren Fluchtpunkt im Ideal eines Zweckes-überhaupt, eines Zwecks der Zwecke; ein dynamischer Prozess ohne Ende.

Fichtes nachgeschobener Einfall von einem erfüllten Endzweckeinem gedachten Zustand, in dem 'alle pflichtgemäßen Handlungen getan' wären, indem das Wollen beendet ist und der uns an eine göttliche Weltregierung glauben lassen soll, ist in seinem System ein absoluter Widersinn. Er ist eine 'abgeschlossene Freiheit' – das ist nicht paradox, sondern absurd. Recht hat Fichte nur in diesem Punkt: Da endigt sich alles Wissen, da müsste man (mit Augustinus) glauben.
JE





Das Ich der bisherigen Philosophen ist ein Spiegel, nun ab er sieht der Spiegel nicht, darum wird bei ihnen das Anschauen, das Sehen nicht erklärt, es wird bei ihnen nur der Begriff des Abspiegelns gesetzt. Dieser Fehler kann nur gehoben werden durch den richtigen Begriff vom Ich.

Das Ich der Wissenschaftslehre ist kein Spiegel, es ist ein Auge. Alles innere Geistige hat ein äußeres Bild. Wer das Ich nicht kennt, weiß auch nicht, was ein Auge ist. In der gewöhnlichen Ansicht soll das Auge nicht sehen, etwas durch das Auge [Gesehenes?] ist ein sich selbst abspiegelnder Spiegel. Das Wesen des Auges ist: ein Bild für sich sein, und ein Bild für sich ist das Wesen der Intelligenz. Durch sein eigenes Sehen wird das Erste und das Letzte sich zum Bilde; was in der Intelligenz ist, ist Bild und nichts andres.

Aber ein Bild bezieht sich auf eine Objekt; wo ein Bild ist, muss etwas sein, das abgebildet wird. So ist auch die ideale Tätigkeit geschildert worden, als ein Nachmachen, ein Nachbilden. Wird ein Bewusstsein angenommen, so wird auch ein Objekt desselben angenommen. Dies kann nur Handeln des Ich sein, denn alles Handeln des Ich ist nur unmittelbar anschaubar, alles Übrige nur mittelbar; wir sehen alles in uns nur als handelnd, nur als übergehend vom Bestimmbaren zum Bestimmten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 54




Das Ich ist weder Intelligenz noch praktisches Vermögen, sondern beides zugleich. Wollen wir das Ich fassen, so müssen wir beides fassen; beide getrennt sind sie gar nichts.

In das praktische Ich ist nun alles hineingelegt; Praxis und Anschauung dazu. Wir haben nun ein reelles Ich und die bloße Idee [des Ich]; wir müssen von Realität [sic] ausgehen, wir sehen von nun an wirklichem Handeln zu, einem wirklichen Ich. Es ist ein wirkliches Faktum da, das Ich bestimmt sich selbst ver-/möge eines Begriffs.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 54 


Nota. - Das reine Ich ist und bleibt Noumenon; es ist weder praktisch noch ist es Intelligenz; es ist gar nicht. Realist immer nur das praktische Ich, es ist selber praktisch und intelligent zugleich; nicht sowohl als auch oder einerseits andererseits, sondern eben - zugleich.
JE 






Die Selbstbestimmung durch Freiheit ist nur als Bestimmen  zu etwas anschaubar, von welchem das sich selbst Bestimmende oder Praktische einen Begriff habe - der der Begriff vom Zwecke heißt. Sonach werde dem Anschauenden das Subjekt des praktischen Vermögens [=es selbst] zugleich zu einem Vermögen der Begriffe, so wie umgekehrt das Subjekt des Begriffs oder die Intelligenz praktisch sein muss. Beides, praktisches Vermögen und Intelligent, ist unzertrennlich. Eins lässt sich ohne das andre nicht denken. Die Identität beider ist sonach der Charakter des Ich.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 55 





Man denke das Bestimmbare als Etwas. Dieses Prädikat kommt ihm zu, denn es ist anschaubar. Unter diesem Etwas, welches in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, wählt die absolute Freiheit. Sie kann in ihrer Wahl nicht gebunden sein, denn sonst wäre sie nicht Freiheit. Sie kann ins Unendliche mehr oder weniger wählen, kein Teil ist ihr als der letzte vorgeschrieben. Aus dieser Teilbarkeit ins Unendliche wird vieles folgen (der Raum, die Zeit und die Dinge); unendlich teilbar ist alles, weil es eine Sphäre für unsere Freiheit ist.

Hier ist die praktische Tätigkeit nicht gebunden, weil sie sonst aufhören müsste, Freiheit zu sein, aber darin ist sie gebunden, dass sie nur aus dem Bestimmbaren wählen muss. Das Bestimmbare erscheint nicht als hervorgebracht, weder durch ideale noch durch reale Tätigkeit. Es erscheint als gegeben zur Wahl. Es ist gegeben heißt nicht, es ist dem Ich überhaupt gegeben, sondern dem wählenden praktischen Ich. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 57


Nota. - Was immer gegeben ist, ist als bestimmbar gegeben.
JE






Ist einmal das Auffassen nicht möglich, so entsteht ein Staunen, welches der Grund des Erhabenen ist. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 57


Nota. - Bei Kant kam das Erhabene etwas verlegen hinter dem Schönen hergehinkt, Schelling stellte es gleichberechtigt an seine Seite, und bei den Modernen, heißt es seit Adorno, träte es geradezu an seine Stelle. - Da ist was dran, und wenn man das Ästhetische nicht auffasst als etwas, das immer gegeben war, sondern als etwas, das immer erst werden muss, dann könnte man obige Fichte-Stelle als Grund-Satz für eine Theorie der Ästhetik ansehen: im Unterschied nämlich zu einer Theorie des Wissens.

PS. - Dass den Römern der Satz Nil admirari als maßgebende Lebensweisheit galt, weist darauf hin, wieso sie in ästhetischen Dingen nie aus dem Schatten der Griechen heraustreten konnten.

PPS. - Könnte man nicht der Charakter einer Nation danach beurteilen, ob ihre Sprache für das Staunen ein treffendes Wort hat?

PPPS. - ...und verstünde man besser, warum Joh. Fr. Herbart ausgerechnet die 'ästhetische Darstellung der Welt' für die eigentlichste Angelegenheit der Pädagogik nehmen konnte.

PPPPS. - Und schließlich wäre auch der Anfang aller Philosophie ein ästhetischer (und die Römer konnten ihn nie finden).
JE







Die Freiheit ist absolute Selbstaffektation und weiter nichts, sie ist aber kein Mannigfaltiges, also auch nicht anschaubar. Hier soll aber ein Produkt derselben anschaubar sein; dies ist nur unter der Bedingung möglich, dass mehrere Selbstaffektationen gesetzt werden, die als mehrere nur unterscheidbar wären durch das Mannigfaltige des Widerstands, der ihnen entgegengesetzt würde, aber ein Widerstand ist nichts ohne Tätigkeit, und inwiefern er überwunden wird, kommt er ins Ich. 

Das Ich sieht nur sich selbst, nun sieht es sich aber auch nur im Handeln, aber im Handeln ist es frei, also überwindend den Widerstand: die Freiheit wirkt ununterbrochen fort; der Widerstand gibt ununterbrochen nach, dass doch noch immer Widerstand bleibt. (Ein Bild davon ist das Fortschieben eines beweglichen Körpers im Raum.)

In jedem Moment liegt Widerstand und Handeln zugleich. Dieses Handeln geht nicht rückwärts, sondern in einem fort, es ist immer ein und dieselbe Selbstaffektation, die sich immer weiter ausdehnt durch die Anschauung. Der einfache Punkt der Selbstaffektation wird wird ausgedehnt durch die Anschauung zu einer Linie.  
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 59




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