S. 27 - 30


§ 1
Vorläufige Bemerkungen

1. Es ist neuerdings sehr geeifert worden gegen das Aufstellen eines ersten Grundsatzes in der Philosophie; von eini- gen, weil sie etwas dabei denken, von anderen aber, weil sie die Mode mitmachen.
Diejenigen, welche sagen: Sucht keinen ersten Grundsatz, können sagen wollen entweder, Ihr sollt in der Philosophie überhaupt nicht systematisch verfahren, so etwas ist unmöglich – werden widerlegt durch das wirkliche Aufstellen eines Systems.
Oder: Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen; ich leite die Wahrheit eines bekannten Satzes auf einen andern über. Wenn aber dies beweisen heißt, dann muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, die nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles andere abgeleitet wird. Sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
Nota.
Soviel zu unsern heutigen "Systematikern", die nicht wissen, was der Name, den sie gewählt haben, historisch wie semantisch bedeutet.
JE

2. Keine von beiden Meinungen scheinen die Besseren, die sich dagegen auflehnen, zu haben. Prof. Beck eifert auch gegen das Suchen eines ersten Grundsatzes. Er meint, die Philosophie müsse ausgehen von einem Postulate, dieses ist aber auch ein Erstes, das nicht weiter bewiesen werden wird, also auch ein Grundsatz. Grundsatz ist jede Erkenntnis, die nicht weiter bewiesen werden soll. Wer aldso ein Poatulat angibt, gibt auch einen Grundsatz an. 

Der Prof. Beck hat den Akzent auf //28// 'Satz' gelegt, und soll sein etwas Objektives, Gefundenes, aus dem durch Analyse herausgebracht wird. Aber wer hat ihn geheißen, Grundsatz so zu erklären? Die Philosophie soll nicht gefunden werden in einem Gegebenen, sondern durch synthetische Fortschreiten. 

Der Satz des Bewusstseins* ist bei Reinhold ein Faktum; durch bloße Zergliederung dessen, was in diesem Satze liegt, soll nach seiner Behauptung die ganze Philosophie zustande kommen. Ein Verfahren, das mit Recht zu tadeln ist.

*) "Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen." in Eisler, Wörterbuch
 
Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies würde eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstruieren; dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tathandlung aus.

Dies Wort wurde nicht verstanden. Es heißt aber und soll nichts anderes heißen, als man soll innerlich handeln und diesem Handeln zusehen. Wer also einem andern die Philosophie vorträgt, der muss ihn auffordern, diese Handlung vorzunehmen, er muss also postulieren.


Eine Ursache ist etwas nur so Gefundenes, in der Erfahrung mit Notwendigkeit Vorkommendes, und damit kann man nichts anfangen, als es analysieren, wenn man nich unkonsequent [sic] wird und etwas anderes hinzunimmt, wie Reinhold mit seinem Satze des Bewusstseins tat.

Der erste Grundsatz ist ein Postulat. So wie der Unterricht in der Geometrie ausgeht von dem Postulat, den Raum zu beschreiben, so muss auch in der Philosophie der Leser oder Zuhörer so etwas tun. Wer den ersten Satz versteht, der wird in die philosophische Stimmung versetzt.

Postulat.
 
Man denke sich den Begriff Ich und denke dabei an sich selbst. Jeder versteht, was dies heißt, jeder denkt darunter etwas, er fühlt sein Bewusstsein auf eine gewisse Weise bestimmt, //29// dass er sich eines Gewissen bewusst ist. Man bemerke nur, wie man es mache, indem man diesen Begriff denkt.

Man denke sich irgend ein Objekt, z. B. diese Wand, den Ofen. Das Denkende ist das Vernunftwesen, dieses frei Denkende vergisst sich aber dabei, es bemerkt die freie Tätigkeit nicht; dies muss aber geschehen, wenn man sich auf den Gesichtspunkt der Philosophie erheben will: Im Denken des Objekts verschwindet man in demselben, man denkt das Objekt, aber nicht, dass man selbst das Denkende sei. Indem ich z. B. die Wand denke, bin ich das Denkende und die Wand das Gedachte. Ich bin nicht die Wand und die Wand ist nicht Ich, beide - das Denkende und das Gedachte - werden als unterschieden.

Nun soll ich das Ich denken. Ich bin also, wie in allem Denken, das Handelnde. Mit derselben Freiheit, mit der ich die Wand denke, denke ich auch das Ich, beim Denken des Ich wird auch etwas gedacht, es wird aber das Denkende und das Gedachte nicht so unterschieden, wie beim Denken der Wand. Beide sind eins, das Denkende und das Gedachte. Beim Denken der Wand geht meine Tätigkeit auf etwas außer mir, beim Denken des Ich geht sie aber auf Ich zurück. (Der Begriff der Tätigkeit braucht nicht erklärt zu werden, wir sind uns derselben unmittelbar bewusst, sie besteht in einem Anschauen.)

Nota.
- Mit dem Postulat, das Ich zu denken im Unterschied zu allen äußeren Objekten, beginnt das Philosophieren selbst. Ob auch die Darstellung des ganzen Systems einst von einem - und von diesem! - Postulat wird ausgehen müssen, ist eine ganz andere Frage.
JE

Der Begriff oder das Denken des Ich in dem auf-sich-Handeln des Ich selbst und ein Handeln im Handeln auf sich selbst gibt ein Denken des Ich, und nichts anderes. Beide erschöpfen sich gegenseitig. Das Ich ist, was es sich selbst setzt, und weiter nichts, und das, was sich selbst setzt und in sich zurückgeht, wird ein Ich, und nichts anderes.

In sich zurückgehende Tätigkeit und Ich sind eins, beide erschöpfen einander gegenseitig. Dieser Satz könnte Schwie- rigkeiten erregen, wenn man unter dem Ich in dem aufgestellten Satz mehr verstünde, als darunter verstanden wer- den soll.
Nota.
 - Aufmerksamkeit ist gerichtet, sonst wäre sie keine. Richte ich sie auf dieses, ziehe ich sie ab von jenem. Indem ich auf den Gegenstand merke, kann ich nicht auf mich merken, und umgekehrt. Das ist keine Beson-derheit der menschlichen Aufmerksamkeit: Dem Tier geht es nicht anders. Die Besonderheit der menschlichen Aufmerksamkeit ist: Wir können unsere Aufmerksamkeit willkürlich lenken. Das kann das Tier nicht.* Es kann auf sein Ich nicht aufmerksam werden.
*) Es sei denn, wenn es klug ist – wie manche Affen und wohl auch Raben –, im Spiegel.
JE 
Das Ich ist nicht Seele, die Substanz ist; jeder denkt sich bei dem Ich noch etwas im Hinterhalte. Man denkt, ehe ich so und so es machen kann, muss ich sein. Diese Vorstellung muss gehoben werden. Wer dies behauptet, behauptet, dass das Ich unabhängig von seinen Handlungen sei. Oder man sagt ferner: //30// Ehe ich handeln konnte, musste doch ein Objekt sein, auf das ich handelte. 

Aber was will denn dieser Einwurf sagen? Wer macht denn diesen Einwurf? Ich selbst. Ich setzte mich also vorher selbst, und der ganze Einwurf ließe sich auch so ausdrücken: Ich kann das Setzen des Ich nicht vornehmen, ohne eine Gesetztheit des Ich durch sich selbst anzunehmen. 

Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich auf mich zurückgehend handle.

Nota.
 Es ist das Mysterium des AnfangsDer Anfang lässt sich nicht diskursiv denken, nicht begreifen, nämlich nicht auf seine Bedingungen zurückführen, denn die wären 'vor' dem Anfang, was widersinnig ist. Der Anfang lässt sich nur anschauen, nämlich actu: indem ich ihn mache.
Vom Urknall und dem Anfang von Raum und Zeit ist ja hier nicht die Rede. Es geht um den Anfang des Vor- stellens, aus dem Vorstellen tritt die Wissenschaftslehre an keiner Stelle hinaus; sie darf gar nicht anders als immanent argumentieren.
JE
 
Was hat man nun getan, indem man handelte, und wie hat man es getan?

Ich bin mir irgend eines Objekts B bewusst, dessen aber kann ich mir nicht bewusst sein, ohne mir meiner selbst bewusst zu sein, denn B ist nicht Ich, und ich bin nicht B. Ich bin mir aber nur dadurch meines selbst bewusst, dass ich mir des Bewusstseins bewusst bin. Ich muss mir also bewusst sein des Aktes des B, des Bewusstseins vom Bewusstsein. 

Wie werde ich mir dessen bewusst? Dies geht ins Unendliche fort, und auf diese Weise lässt sich das Bewusstsein nicht erklären. Der Hauptgrund ist, dass das Bewusstsein als Zustand des Gemüts, [also] immer als Objekt genommen wurde, wozu es den immer eines anderen Subjektes bedurfte. Wären dies die bisherigen Philosophien inne geworden, so würden sie vielleicht auf den rechten Punkt gekommen sein.

Dieser Einwurf ist nur so zu heben, dass man ein Objekt des Bewusstseins finde, welches zugleich Subjekt wäre; dadurch ein unmittelbares Bewusstsein aufgezeigt würde, ein Objekt, dem man nicht ein neues Subjekt entgegenzusetzen hat.
Nota.
- Bewusst sein ist kein Zustand. 'Sondern ein Akt', müsste hier folgen; actus purus. Aber das ist eher ein Thema der Psychologie und interessiert F. an dieser Stelle nicht. Hier geht es darum: Wenn ich mir das Bewusstsein als einen Zustand vorstelle, erscheint es als ruhendes Objekt eines Vorstellenden und nicht selbst als vorstellend - und folglich als etwas anderes als ich, es kommt niemals in mich hinein und ich nicht in es. Die Vorstellung, dass ich auf bewusste Weise bin, und zwar in der Verlaufsform und nicht als Ruhe, wird so abgeschnitten. Aber dies ist immerhin ein Wink an die empirischen Psychologen, in welcher Richtung sie suchen sollen, und so behauptet die Transzendentalphilosophie immerhin ihren Nutzen als Regulativ der realen Wissenschaften. JE

Antwort auf obige Frage: wie werden wir uns des Handelns bewusst? Wir beobachteten und wurden uns dessen im Handeln bewusst. Ich, der ich handelte, wurde mir bewusst meines Handelns. Das Bewusstsein des Handelns und das Handeln war eins, durch unmittelbares Bewusstsein. In und mit dem Denken wurde ich mir des Denkens bewusst, das heißt ich setze mich als [im] Denken handelnd. Also auch in diesem Bewusstsein setze ich mich selbst als Subjekt und Objekt dasselbe [sic], und dadurch erhielten wir das unmittelbare Bewusst-//31//sein, das wir suchten. Ich setze mich schlechthin. Ein solches Bewusstsein ist Anschauung, und Anschauung ist ein sich-selbst-Setzen, kein bloßes Setzen.





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