S. 80 - 89




In der Anschauung fühlt das Ich sich nur als tätig; das Leiden des Ich wird ausgeschlossen, und so wird ein Objekt möglich.

Ich fühle mich beschränkt; von dieser Beschränktheit reiße ich mich nun los. Das Fühlen und Losreißen vom Gefühl geschieht in demselben ungeteilten Moment. Die ideale Tätigkeit kann nicht beschränkt werden. Wenn nun die reale beschränkt wird, so bleibt die ideale allein. Dieses isolierte Handeln ist Anschauen.

Durch dieses Losreißen wird mein Zustand verändert. Ich werden frei und tätig, da ich im Gefühle leidend bin. Da alles Leiden aber doch bleibt, so wird es ein Objekt. Änderung in diesem Etwas muss sich bloß aus meiner Freiheit erklären lassen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 82






Das Ich verliert sich selbst im Objekte der Anschauung in der Anschauung [sic]. Oder, wie Kant sagt: die Anschauung ist blind. Sonach in der Anschauung schwebt mir etwas unmittelbar vor; ich frage nicht, woher es komme. Das Objekt ist einmal da und ist schlechthin da. Dem Anschauen wird es so, nun kommt das Anschauen nicht zum Bewusstsein, mithin ist das Objekt auf dem gemeinen Standpunkt unmittelbar da. So kommt das Objekt ursprünglich im Bewusstsein vor. Eine Philosophie, die dies leugnet, ist grundlos.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 83


Nota. Natürlich ist Anschauung überhaupt nicht an sich 'blind'. Wie Wissenschaftslehre ist keine statische, dog-matische Konstruktion aus Begriffen, sondern ein dynamische Darstellung der Entwicklung von Vorstellungen. Gegenüber der elementaren Realität des 'Gefühls' ist die Anschauung nicht blind, sondern erscheint der Refle-xion als 'Bild': etwas Sichtbares. Blind ist sie im Vergleich zur nächsthöheren Reflexionsstufe, dem Begriff.
JE






Der Begriff des Ideals ist eine Idee. Sie ist ein Begriff von etwas, das gar nicht begriffen werden kann; z. B. der Begriff von der Unendlichkeit des Raums. Dies scheint ein Widerspruch zu sein, welcher so gelöst wird: Vom Objekte ist kein Begriff möglich, aber von der Regel, nach welcher es durch ein Fortschreiten ins Unendliche hervorgebracht werden müsste, z. B. der unendliche Raum; jeder Raum, der aufgefasst wird, ist endlich, wir geben daher nur acht, wie wir es machen würden, wenn wir den unendlichen Raum auffassen wollten. Man denkt sich die Regel weg, so bleibt das Suchen übrig, und das ist das Objekt der Anschauung, von der hier geredet wird.

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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 84






Das Ich ist ursprünglich in gewisse Schranken eingeschlossen, daraus geht für das Ich hervor eine Welt. Das Ich kann mit absoluter Freiheit diese Schranken erweitern, dadurch verändert sich sein Zustand und auch seine Welt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 88








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