S. 200-209


Die Begriffe Reales und Ideales gelten nur relativ, in den Zwischenräumen liegen Mittelglieder, die ideal und real sind, je nachdem man sie vorwärts oder rückwärts bezieht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 200





Wie bemerke ich mich denn als das im Bestimmen Tätige? Keine Bestimmtheit ohne Bestimmbarkeit. Was ist denn nun das bloß Bestimmbare, das erste Bestimmbare, von welchem erst das Bewusstsein meines Bestim- mens ausgeht? Es ist ein unendlich Teilbares der Handlungsmöglichkeiten; so gewiss es die Handlungsweise eines freien Wesens enthalten soll; dieses [Teilbare] wird aufgefasst durch die soeben beschriebene Einbil- dungskraft, durch das Vermögen, nur Entgegengesetztes aufzufassen. 

Hier ist nicht die Rede von einem Entgegensetzten in Raume und der Zeitmomente, sondern dem Entgegen- gesetzten des reinen Denkens, der reinen Handlungsweise; die Synthesis im Raum ist bloß versinnlichtes reines Denken: Hier vereinigt die Einbildungskraft absolut das ins Unendliche Teilbare der Handlungsmöglichkeiten, sie ist das Vermögen, das Bestimmbare zu fassen, welches das Denken nicht kann, da es bloß diskursiv ist; aber es gibt eine besonderes Vermögen, das Entgegengesetzte zu fassen, die Einbildungskraft.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 202





Alle unsere Vorstellungen sind Vorstellungen von Verhältnissen, aber zuletzt müssen wir doch auf etwas zu Grunde Liegendes kommen. Dies ist aber nicht an dem, wir kommen auf etwas Ursprüngliches, das unendlich auffasst. Also die Intelligenz hat das Vermögen, entgegengesetzte Dinge in einem Akte zu fassen, oder sie hat Einbildungskraft, ursprüngliche Synthesis des Mannigfaltigen. Das Aufgefasste ist nur entgegengesetzt, man kann mit dem Verstand unendlich teilen, aber es wird / doch aufgefasst; in sofern ist die Einbildungskraft produktiv.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 202 


Nota. - Hier sind nun aus den ursprünglich angeschauten singulären Bildern schon Vorstellungen geworden: Sie unterscheiden sich von der Anschauung eben dadurch, dass sie Mannigfaltiges vereinigen. Wenn sie dann auf sich reflektiert, gewahrt sie allerdings nur VerhältnisseAus denen schafft sie Begriffe.Das ist Verstand in specie.(Nie vergessen: Begriffe sind, auch wenn sie noch so bestimmt ausgesprochen werden, keine Sachverhalte, sondern Denkwerkzeuge. Sie auseinanderhalten schafft selber keine Erkenntnis, sondern ist lediglich eine Übung in Scharfsicht.)
JE








Also – und das war der oben aufgestellte synthetische Satz – die Totalität besteht bloß in der vollständigen Relation, und es gibt überhaupt nichts an sich Festes, was dieselbe bestimme. Die Totalität besteht in der Vollständigkeit eines Verhältnisses , nicht aber einer Realität . Die Glieder des Verhältnisses, einzeln betrachtet, sind die Akzidenzen, ihre Totalität ist Substanz, wie schon oben gesagt worden.
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Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 203f.






Wo gehe ich an, und wo mein Machen? Ich finde mich nur als das Bestimmte. Dieses setzt ein Bestimmbares voraus, das uns die Einbildungskraft liefert. Mein Machen setzt immer diese und ihr Produkt vorheraus, und daher kommts, dass uns immer etwas als gegeben erscheint; daher eine Objektivität der Welt.

So erscheint uns die Einbildungskraft notwendig als ein Gegebenes. Das Objekt der Einbildungskraft ist teilbar ins Unendliche. Diese Teilbarkeit ruht nicht als immanente Eigenschaft in dem Bestimmbaren als an sich, denn dieses ist meine Einbildungskraft selbst, welche bloß zusammenfasst. Es heißt also bloß: Das durch die Einbildungskraft Gelieferte wird wird hinterher geteilt durch die Urteilskraft; jedenfalls wird sie [=die Teilung] gesetzt als vorzunehmend. 

Eigentlich ist also eine Wechselwirkung zwischen Einbildungskraft und Urteilskraft. Beide sind nur durch einander zu beschreiben. Man könnte daher sage: Die Einbildungskraft ist Vermögen absoluter Ganzen [sic], die Urteilskraft das Vermögen des Einfachen, beides steht in Wechselwirkung. Kein Einfaches ohne Ganze[s], kein Ganzes ohne unendliches Einfache. Man erinnert sich an den alten Sorites. Wenn man sagt, die Einbil- dungskraft fasst zusammen etwas unendlich Teilbares, so heißt das: teilbar für die Urteilskraft. Es heißt also: Für denselben Geist ist dasselbe ein Ganzes, Eins, was für denselben Geist auch bloße Sammlung des Teilbaren ins Unendliche ist.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 203 






Ich schaue mich an als einbildend, und dahindurch schaue ich ein Bestimmbares. Insofern ist die Einbildungs- kraft absolut produzierend in Rücksicht des Stoffs, so wie überhaupt das Ich produzierend ist; und endlich: Das Objekt der Einbildungskraft ist das Bestimmbare, dasjenige, was alle Tätigkeit im Bestimmen, die doch dem Ich allein zugeschrieben wird, bedingt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 203 





Mit diesem Bestimmbaren wird das Ich vereinigt und angesehen als sein Vermittelndes, das bestimmende Ich. Das bestimmende Ich ist etwas einfaches Absolutes, durch bloße Denken produziertes, ein Noumen; darin wird ja nicht gedacht ein sich wirklich bestimmendes ich, da bloß die Form gedacht wird, das bloße Vermögen. 

Dies ist ein sonderbarer Begriff, da sich nicht verstehen lässt, was ein bloßes Vermögen sein könnte, und doch ists im Bewusstsein gedacht; wenn ein Vermögen gedacht wird, wird die bloße Form gedacht, nicht aber ein bestimmtes Handeln dieser Art…
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 204







... es ist wie mit dem Denken des unendlichen Raumes. Hierbei ist die Schwierigkeit: Wie soll ich zur Erkenntnis der Form kommen, wenn ich sie nicht in etwas Bestimmten schon realisiert gefunden habe? (Gewöhnlich hebt man von bloßer Abstraktion an in der gewöhnlich Formularphilosophie.) Wie ist Abstraktion möglich ohne vorausgegengenes Konkrete[s]? - 

Dies wird angewandt aufs Selbstbestimmen - gerade dadurch ists möglich, dass die Selbstbestimmung durch die das unendliche Mannigfaltige auffassende Einbildungskraft hindurch erblickt wird, welche hier die Vermittelnde ist; so werfe ich beim Linienziehen die Linie durch die unendlichen Punkte hindurch. 

Wie uns zumute ist, wenn wir zweifeln oder wählen, ist jedem bekannt; also der Begriff vom Vermögen, zu wollen, liegt drin, es wird aber nicht gewollt; aber wie wird denn nun ein Begriff der Art möglich? Dadurch, dass man / sich in der Deliberation nicht auf eins beschränkt; dies muss man nur transzendental verstehen, die Vorstellung soll nicht als vorausgesetzt angenommen werden. Es ist allenthalben in der ganzen Sphäre, in der die Einbildungskraft läuft, ein quasi Bestimmen, das immer von einem zum anderen übergehet; es ist eineBestimmtheit und Unbestimmtheit vereinigt. Hier sehen wir, wie der Begriff der Bestimmtheit überhaupt erst entsteht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 204f.


Nota. - [Obiges ist die unmittelbare Fortsetzung des gestrigen Eintrags.]

Nota II. - Im sich-selbst-Bestimmen kreist die Einbildungskraft gewissermaßen um sich selbst: Sie schwebt. Nichts anderes als dieses Schweben ist das 'Ich'.
JE



Im ganzen Bewusstsein komme ich nur immer vor als Vermögen. Wir wollten das Bewusstsein der Agilität des Ich ableiten nicht als etwas, das geschehen ist, sondern als etwas unmittelbar Geschehendes. Oben argumen- tierten wir so: Ich finde meine eigene physische Kraft als bewegt; durch sie hindurch erblicke ich ein Objekt als Resultat meiner Kausalität; aber wie wird die physische Kraft die meinige? 

Ich beziehe diese Bestimmtheit derselben auf mein Selbstbestimmen, welches ich voraussetze als Erklärungs- grund. Demnach entsteht die höhere Frage: Wie werde ich mir meines Selbstbestimmens bewusst? Dies haben wir zuletzt erörtert.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 205



Schon oben wurde gesagt, es sei in der gewöhnlichen kritischen Philosophie eine gewaltige Lücke, dass man zeigte, wie die Zeitmomente aneinandergereiht würden und dadurch eine Dauer entstünde; was doch nicht sein kann, wenn im einzelnen Moment keine Füllung da ist, ist im Ganzen auch keine. Es muss also bewiesen werden, dass / jeder einzelne Moment eine Dauer hat, diese geschieht aus dem Schweben der Einbildungskraft zwischen Entgegengesetzten. Darin besteht die Einbildungskraft, dass ich unendlich Teilbares fasse; erst in diesem Zusammenfassen entsteht der Moment. 

Mach dem Obigen wird nach der Kategorie der Kausalität durch den Zweckbegriff hindurch ein Objekt erblickt; dies Verhältnis ist ganz gleichzeitig, da es unmittelbar verknüpft ist, zwischen Ursache und Bewirken liegt keine Zeit dazwischen. Woher nun Zeitdauer? Oder entsteht sie etwa dadurch, dass mehrere Wirkungen sich an einander anschließen? Aus nichts wird nichts, und wenn eine Wirkung keine [Zeitdauer] einnimmt, nehmen tausend auch keine ein. 

Sie kommt bloß daher: Der Zweckbegriff selbst und sein Entwerfen hat eine Dauer, und erst durch diese entsteht durch sinnliche Vermittlung ein sukzessives Handeln allmähliches Entstehen eines Produkts unseres Handelns. Bei Kant ist dies nicht klar, vid. Jacobi über Idealismus und Realismus, welches fleißig nachzulesen ist.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 205f.







…das ist das Gesetz unseres Denkens, dass wir dem Mittelpunkt manches anknüpfen, das jetzt angeknüpfte ist ja nicht der Mittelpunkt, sondern etwas durch die Kategorien der Substanzialität und Kausalität angeknüpftes. Man beschreibe erst den Mittelpunkt; dieser ist das sich selbst bestimmende Unmittelbare, nicht durch etwas Anderes hindurch Gesehene. Das Bewusstsein ist gleichsam ein Zirkel, das Intelligible der Mittelpunkt; die Peripherie ist nach notwendigen Gesetzen des Denkens an diesen Mittelpunkt angeknüpft, sie enthält alles Empirische, Sinnliche. 

Wir haben uns jetzt in die Peripherie verloren; nun kehren wir wieder in das Zentrum zurück und zeigen, wie eben solche und keine andere Radien beschreiben werden müssen. In diesem Mittelpunkte ist das Bestimmen durch bloßes Denken mit dem Auffassen des Unendlichen durch die Einbildungskraft unzertrennlich vereinigt, es fällt in einen Akt des Bewusstsein.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 207 





Was ist dieses Bestimmte* selbst? Willkürlich als bloßer Akt gesehen. Hier mangelt die Sprache. Sagt man: Es ist ein Beschränken unserer selbst, i. e. unserer Reflexion von dem Mannigfaltigen auf ein einzelnes Bestimmte[s], so habe ich ja das Produkt der Einbildungskraft mit in der Definition. Welches auch nicht wegzuschaffen ist.

Wir können unser Bestimmen nur denken als ein Übergehen oder Schweben zwischen mehreren Entgegen- gesetzten. Nun sollen wir aber diese Tätigkeit ohne Rücksicht auf das beide Entgegengesetzte [sic], zwischen dem sie schwebt, beschreiben. Um dies zu tun, müssten wir ganz andere Denkgesetze haben, oder unser Satz müsste falsch sein.

Es ist also dieses nicht zu leisten, und wir müssen verfahren, wie wir mit jeder Idee verfahren, wir beschreiben nämlich nur das Gesetz, nach dem dieser Begriff zustande kommen müsste. Wir sagen: Sollte die bloße Bestimmung gedacht werden, so müsste das Bestimmbare weggedacht werden. Dies ist nicht möglich, denn dann müsste die bloße Ichheit oder das sich selbst Fassen und Ergreifen gedacht werden, und schon in den letzteren Ausdrücken ist schon [sic] sinnliche Unterscheidung des Ergreifenden vom Ergriffenen. So spricht man z. B. oft von einem unendlichen Raume, da dieser doch undenkbar ist und man sich bloß die Regel denkt, nach der er beschreiben werden müsste, nämlich das beständig währende Fortziehen.Dieses sich Bestimmen ist der absolute Anfang alles Lebens und Bewusstseins, eben deshalb ists unbegreiflich, weil unser Bewusstsein immer etwas voraussetzt. *) [= das durch Selbstbestimmung bestimmte]
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 208




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