S. 190-199

Niemand wird sich des Sterbens noch des Geborenwerdens bewusst. Es gibt also keinen Moment des / An-fangens. Dieses synthetische Denken hat zwei Teile; welches ist nun das Verhältnis beider? Ersteres ist das Be-stimmte, letzteres das Bestimmende. Z. B. wie ist denn das Denken einer gegenwärtigen und einer abwesenden Sinnenvorstellung unterschieden, oder wie ist der gegenwärtige Moment von allen vorhergehenden verschie-den? Er ist bloß das Bestimmte, und der vergangene als bestimmend gedacht. Das Gegenwärtige wird bestim-mend werden, wenns einmal das Vergangene sein wird, aber von einer Zukunft weiß ich noch gar nichts, das Vorausgesetzte ist bestimmend und bestimmt.

So ist klar: Der Zweckbegriff soll sein ein Bestimmendes zum wirklichen Wollen, letzteres soll ein Bestimmtes sein, aber wohl kann es ein Bestimmendes werden, davon reden wir aber nicht. – Also der Zweckbegriff ist nichts Wirkliches, sondern bloß gesetzt, das Wollen zu erklären. Das Auswählen des Zweckbegriffs aus dem mannigfaltigen Möglichen wird als das Bestimmende gedacht.
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 S. 189f.



Nota. – So wird es klarer. Der Zweckbegriff wird nicht wirklich entworfen – aus gegebenem Material konstruiert –, sondern es wird gehandelt, als ob aus einem unendlichen Angebot von möglichen Zwecken dieser eine und einzige ausgewählt würde. Den Zweckbegriff 'gibt es' dar nicht, er ist bloß Noumenon und wird gedacht als ob.Tatsächlich wird bloß gehandelt.

Das wirft im Übrigen ein Licht auf Fichtes schwindelerregende Konstruktion eines vernünftigen Endzustandes, in dem 'alle möglichen vernünftigen Zwecke erfüllt' sein würden und der uns zum Glauben an eine göttliche Weltregierung befugte. Erstens sind 'alle möglichen (vernünftigen oder unvernünftigen) Zwecke' lediglich Nou-mena; hier sollen sie aber als realisiert gedacht werden. Und zweitens kann der Endzustand nicht wissen, wel-chen 'als-ob'-gesetzten Zweck das handelnde Ich in jedem Moment seiner realen Tätigkeit frei auswählen würde und wird. Es sei denn, F. hätte eine zweckmäßig wollende übergreifende überirdische Intelligenz heimlich be-reits voraus- und hintangesetzt; und so wird es wohl sein.
JE


Wir wollen zweitens auf das gedachte Denken shen; as Ich soll wählen, wie gesetzt wird, oder (das Ich denkt) unter dem Mannigfaltigen, um sich selbst zu bestimmen [sic], so dass das Objekt seines Willens in der Sinnlichkeit wirklich werde; also das Wählen setzt sich selbst voraus, es weiß schon, dass es wählen kann und Kausalität hat, das Ich ist also mit sich selbst schon vollständig bekannt, es setzt sich in der Entwerfung des Zweckbegriffs voraus, dies ist hier der Hauptpunkt!

Zuvörderst, wie setzt sich das Ich voraus, notwendig voraus in jenem Wählen (Der Form nach nicht, was ist es materialiter?) Das Ich selbst in diesem Akte ist bloß Bestimmbares, nicht Bestimmtheit, es schreibt sich nicht eine bestimmte Kausalität zu dem oder jenem Erfolg zu, sondern setzt eine Kausalität überhaupt voraus.
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S. 190


Nota.  'Woher hat es denn den Begriff von Kausalität-überhaupt?' – Das wäre eine dumme Frage: Obige Stelle zeigt, wie die Vorstellung von Kausalität überhaupt erst entsteht – nämlich indem das Ich so und so handelt. Es setzt sie – und zwar so, als ob sie ihm vorausgesetzt gewesen wäre.
JE


...also der Zweckbegriff ist nichts Wirkliches, sondern bloß gesetzt, [um] das Wollen zu erklären. Das Auswählen des Zweckbegriffs aus dem mannigfaltigen Möglichen wird als das Bestimmende gedacht. 
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Nota. - Dass bestimmt gewollt wird, nämlich dieses unter allen Möglichen, macht hier allein den Begriff aus - ohne dass er als solcher schon 'gefasst' wäre. Zweckbegriff ist der Entschluss, der dem Deliberieren ein Ziel setzt.
JE


Ich fühle mich als das Anschauende, nicht: Ich schaue mich an als anschauend; denn im Anschauen verliert das Ich sich im Objekte.
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S. 198 


Nota. - Das ist eine schöne Einleitung in eine philosophische Ästhetik. Denn um den schönen Schein zu gewahren, muss das Ich von aller eigenen Absicht absehen [sic]. Und anderseits:

Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe.
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J. G. Fichte, Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten 
Philosophie [1801] SW. Bd. II, S 337f.

Er meint wohl: eine Wirklichkeit unabhängig von allem Wollen und allen meinen möglichen Absichten; eine Welt an sich. Das ist die ästhetische Erscheinung der Welt.
JE


In dem ästhetischen Zustand  ist der Mensch Null.

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Schiller.









Das Ganze ist nichts als Verhältnisse, und doch soll es Etwas werden; dies liegt in der Natur der idealen Tätigkeit, und dieser ihr produktives Vermögen zu erörtern ist unser vorzüglichstes Geschäfte, z. B. dass Materie im Raume ausgedehnt sei, und dass diese nichts sei als das Verhältnis auf unsere Empfindungen. 
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Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 198 




Ich finde mich als wollend nur, in wiefern durch meinen Begriff etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen Erkenntnis, nun ist diese Wirklichkeit nicht, außer in wie fern sie durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzugedacht; durch die Kategorie wird etwas.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198 


Nota. - Hier sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen: Als Bestimmungsgrund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die Vorstellung der Kausalität ist ein Derivat des Wollens

In der Wirklichkeit will ich freilich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.
JE




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