S. 210-219


Substantialität wird nicht ohne Kausalität gedacht, und Kausalität nicht ohne Substanz. Das Accidens ist nie etwas anderes als bestimmte Äußerung der inneren Kraft, und die Substanz wäre das wirkende Vermögen, was immer angesehen wird als wirken könnend auf verschiedene Weise. Und umgekehrt, Wirksamkeit lässt sich nicht denken ohne Beziehung auf eine Kraft, und diese ist gleich dem Zentrum des Innern der Substanz selbst.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 212


Nota. - Hegel hat in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes Amerika neu entdeckt: Die Substanz müsse 'auch als Subjekt gefasst' werden; doch das hat schon Spinoza nicht anders gehalten.* Dabei lehrt schon der gesunde Menschenverstand: Nur als Subjekt kann eine Substanz überhaupt gedacht werden. Die Wissenschaftslehre fügt nun aber hinzu: Das Subjekt ist gar nicht, sondern muss sich als solches immer erst setzen.

*) Ein reiner Objektivismus  Eleaten?  würde sagen: Die Subjekte mögen tun, was sie wollen; die Substanz liegt ihnen doch immer zu Grunde.
JE




Alles, was wir denken, sind Verhältnisse. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 212


Nota. - Mit andern Worten, ein Was, ein Quale, können wir nicht denken, sondern lediglich anschauen

(Denken ist re-konstruieren; konstruieren ist zu-einander-in-ein-Verhältnis-setzen. Material des Denkens sind Begriffe; Begriffe sind zu andern Vorstellungen ins Verhältnis gesetzte Vorstellungen; Vorstellungen sind gefasste Anschauungen.)
JE





Das sich Bestimmende, sich selbst zu etwas Bestimmten Machende, ist das Ich; 'das Ich findet sich' heißt da- her: Es findet dieses sich-selbst-Bestimmen, denn es ist nicht, wie der Dogmatismus sagt, so, dass die Begriffein mir als etwas fertiges Erstes lägen. .../

... Das Ich ist kein einfacher Begriff, da es überhaupt keine einfachen Begriffe gibt; es ist zusammengesetzt auf die beschriebene Weise. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 214f.


Nota. -  Was einfach ist, ist ein Quale; es wird nicht begriffen, sondern angeschaut und erkannt - oder nicht. Der Begriff ist vermittelt - durch die anderen Begriffe in seiner Umgebung, die ihn eingrenzen. Ich kann meinen Zuhö- rer auf ihn hinführen, indem ich einen Schritt an den anderen knüpfe: Dies ist das diskursive Verfahren; er muss sich nur auf diese oder jene Prämisse vorab schonmal eingelassen haben. Und kann ihn womöglich zum Be- greifen zwingen; doch nie zum Erkennen durch Anschauen. 
JE 





...nämlich bei aller Bemühung können wir die Untersuchung über die Hauptsynthesis niemals erschöpfen; wir können sonach nimmermehr das Bestimmte und [das] Bestimmende als eins anschauen, weil beides in der Synthesis auseinanderliegt. Beides als eins zu denken ist bloße Aufgabe. Dieses Bestimmen und Bestimmtsein ist in der Hauptsynthesis eins, diese aber können wir nicht fassen. 

Die Philosophie hebt notwendig an mit einem Unbegreiflichen, mit der ursprünglichen Synthesis der Einbil- dungskraft, ebenso mit einem Unanschaubaren, mit der ursprünglichen Synthesis der Denkens. Dieser Akt ist nicht zu denken noch anzuschauen. Es lässt sich auch also noch bloß [sic] die Aufgabe aufstellen, alles andere ist erreichbar, da es in der Erfahrung vollzogen wird.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 217


Nota. - Nicht das Philosophieren hebt an mit einem Unbegreiflichen und Unanschaubaren. Das Philosophieren kann überall anfangen, wo einer staunt. Es ist die Darstellung der Philosophie, nämlich wenn man zu einem Ergebnis gekommen ist, die mit einem Unbegreiflich-Unanschaubaren beginnen muss.
JE





Ichheit besteht in der absoluten Identität des Idealen und Realen, sie ist eine Intelligenz außer dem entstehen-den Bewusstsein nur für den Philosophen, aber wie wird sie für das Ich, das wir konstruieren? Wie kommen wir dazu, den absolut unmittelbaren, den ersten Punkt desselben aufzuzeigen?

Jetzt ist die Rede vom Formalen. Ich finde mich, heißt: Das Ideale und Reale wird gefunden als identisch. Oder: es erscheint mir im Denken ein Sein durchs Denken, und durchs Sein ein Denken; durchs Denken entsteht ein Sein heißt: ich denke, und es wird. Dadurch wird also der Wille ausgedrückt, der denn doch ein bloßes Denken ist, und in dem sich durch diese Synthesis des Denkens mit dem Sein das Denken in die Erscheinung des Wollens verwandelt. 

Aus diesem hervorgebrachten Sein folgt ein anderes Denken. Ich nehme das Sein unmittelbar wahr, z. B. meine Hand bewegt sich, heißt: Ich denke meine Hand als bewegt und sie bewegt sich. – Ich will meine Hand bewe-gen: heißt, ich denke meine Hand als durch unmittelbare Wahrnehmung und Willkür bewegbar. Den Unter-schied dieser zwei Denkungsarten aufzuzeigen ist hier unser Zweck. 

Worterklärungen des Willens sind bekannt genug, z. B. das Wollen ist Denken eines Zweckbegriffs; Denken eines objektiven Begriffs; das erste ist ideales, das letztere ideales Denken. Das Denken des Zwecks ist Denken des Übergangs der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit; das Denken der Bestimmbarkeit ist ein Schweben zwi-schen mannigfaltigen entgegengesetzten Reflexionsmomenten. 

Im Denken des Zwecks gehet man eben zum Denken des Bestimmten aus diesem Bestimmbaren über; es ist also das Denken des Zwecks ein freies Denken; die Bestimmbarkeit ist lediglich für mein Denken, und ihre Form ist ein unfixiertes Schweben zwischen mannigfaltigen Reflexionsmomenten; das Wollende ist auch das Denkende, durch welches zu-/erst dieses Schweben fixiert und in einem einzigen Punkt kontrahiert wird. Es wird zu einem bestimmten Denken übergegangen. Wird auf die Bestimmtheit abgesehen, so ist das Ich gebun-den, und es ist ein objektives Denken, mit dem ein Gefühl verbunden ist. Wird hingegen auf die Freiheit im Bestimmen gesehen, so erscheint es als ein Wollen. Das Denken eines Zwecks und das eines Objekts sind eigentlich dasselbe, nur von verschiedenen Seiten angesehen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 182f. 


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