S. 60-69



Anschauung des Wirklichen ist nur möglich durch Anschauung eines wirklichen Handelns des Ich, also alle Erfahrung geht aus vom Handeln, es ist nur durch sie möglich [sic]. Ist kein Handeln, so ist keine Erfahrung, und ist diese nicht, so ist kein Bewusstsein. … Nur meiner Tätigkeit kann ich mir bewusst werden, aber ich kann mir derselben nur bewusst werden als einer beschränkten. …Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen aus Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. … Im Handeln erst komme ich auf Objekte. … Der Urgrund alles Wirklichen ist daher die Wechselwirkung oder Vereinigung des Ich und NichtIch.
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 S. 60f.





Der Kantische Satz: Unsere Begriffe beziehen sich nur auf Objekte der Erfahrung, erhält in der Wissenschafts-Lehre die höhere Bestimmung: Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen durch das Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. 

Kant wird nicht sagen, die Erfahrung sei absolut, er dringt auf den Primat der praktischen Vernunft, nur hat er das Praktische nicht entscheidend zur Quelle des Theoretischen gemacht.
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S. 61





Nur meiner Tätigkeit kann ich mir bewusst werden, aber ich kann mir derselben nur bewusst werden als einerbeschränkten.
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S. 61





Die Philosophie desjenigen, der behauptet, dass der Mensch vorstellend ohne Handeln sei, ist bodenlos. Im Handeln erst komme ich auf Objekte. Hier wird erst recht klar, was es heiße: das Ich sieht die Welt in sich; oder: gibt es keine praktische, so gibt es auch keine ideale Tätigkeit; gibt es kein Handeln, so gibt es kein Vorstellen.
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S. 61


Nota. - Doch nie zu vergessen: 'Real' wird ein Handeln nicht erst, sobald eine Hand ihre Finger krümmt. Real ist allein schon das Einbilden; aber eben schon das Einbilden selbst; nicht erst das Anschauen des Eingebildeten: Das ist ideale Tätigkeit, oder Reflexion. Nochmal etwas anders ist, wenn die reale Tätigkeit des Einbildens auf einen Widerstand stößt: Dann muss ihre Realität sich behaupten, und dazu werden Hand und Finger wohl benötigt.
JE





Es wird sich finden, dass jene Beschränktheit des Handelns zu einem NichtIch führt, zwar nicht auf ein an sich vorhandenes, sondern auf etwas, das durch die Intelligenz notwendig gesetzt werden muss, um jene Beschränkt- heit zu erklären.

Der Urgrund alles Wirklichen ist demnach die Wechselwirkung oder Vereinigung des Ich und NichtIch. Das NichIch ist demnach nichts Wirkliches, wenn es sich nicht auf ein Handeln des Ich bezieht, denn nur durch diese Bedingung und Mittel wird es Objekt des Bewusstseins; dadurch wird nun das Ding an sich auf immer aufgehoben. 

So ists auch mit dem / Ich; das Ich kommt im Bewusstsein nur in Beziehung auf ein NichtIch vor. Das Ich soll sich setzen, es kann dies aber nur im Handeln; Handeln ist aber eine Beziehung auf ein NichtIch. Das Ich ist nur insofern etwas, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht, in dieser Verbindung kommen beide vor. Hinter- her, nachdem man sie gefunden hat, kann man sie trennen, aber jedes, wenn es abgesondert betrachtet wird, erhält seinen ursprünglichen Charakter; jedes wird nur in Bezieung aufdas andere vorgestellt.
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S. 61f.





Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird.
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S. 63




Dies ist nun, worin alles Bewusstsein enthalten ist und woraus es deduziert wir, ist aufgezeigt [sic]: das Subjek-tive, das sich selbst Setzende, und das Objektive, die praktische Tätigkeit, und das eigentlich Objektive, das NichtIch.
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 S. 63


Nota. - Dass das 'eigentlich Objektive' das NichtIch sei, versteht sich; dass aber auch die praktische Tätigkeit, nämlich keine andere als die des Ich, nicht zum Reich des Subjektiven, sondern, weil sie ja doch immer auf ein Nichtich geht, dem Reich des Objektiven zugerechnet wird, ist bemerkenswert genug, um hier hervorgehoben zu werden.

Es ist in der Wissenschaftslehre ja nicht die Rede von der Wirklichkeit selbst, sondern davon, wie sie im Bewusstsein vorkommt. Denn dass realiter die Tätigkeit und nicht das 'Sein', schon gar nicht das Sein eines 'Ichs', das einzig Objektive ist – versteht sich wiederum von selbst.
JE





...ist erwiesen, dass die Anschauung eines freien Handelns bedingt sei durch die Anschauung eines frei entwor-fenen Begriffs von Handeln. Für die Entwerfung eines Begriffs ist nach dem obigen eine Sphäre gegeben, das Bestimmbare. Dieses kennen wir als ein unendlich Teilbares von möglichen Handlungen; in dem Zusammen-setzen dieses Mannigfaltigen soll die praktische, inwiefern es diesen Begriff durch ideale Freiheit bestimmt, oder die materiale Freiheit (Freiheit der Wahl) des Ich bestehen.

In wiefern das Ich in dieser Funktion des Begriffs ideal ist, ist es doch gebunden. Die Entwerfung des Begriffs x lässt sich nur so begreifen. Es ist der idealen Tätigkeit ein Mannigfaltiges gegeben, aus diesem setzt sie einen Begriff zusammen, sie lässt liegen, was sie will, und fasst auf, was sie will. Darin besteht ihre Freiheit, aber das Gegebene muss sie als gegeben anschauen, und darin liegt ihre Gebundenheit. 
Kurz, es ist hier ein Übergehen von Bestimmtheit zum Sichbestimmen oder zur Bestimmbarkeit. Die ideale Tätigkeit st teil gebunden (bestimmt), teils frei. Die Freiheit ist das Bedingte und die Gebundenheit das Bedin-gende. Ist nichts gegeben, so kann nichts gewählt werden; so allein kann des Begriffs vom Zweck gedacht werden.
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 S.  64





Wir kennen die Sphäre des Bestimmbaren noch nicht anders als unter dem Prädikate eines ins Unendliche teilbaren Mannigfaltigen; aber ein solches ist nichts, ein solches ins Unendliche Teilbare gibt keine Anhalten, kein Bindendes, mithin keine ideale Tätigkeit und mithin auch keine Tätigkeit ins Unendliche. Mithin widerspricht sich der Begriff von Etwas, welches weiter nichts sein soll als teilbar / ins Unendliche. Und da dieser Begriff unter den Bedingungen des Bewusstseins vorkommt, so käme uns letzteres [als] ein Unmögliches vor.

Es müsste sonach etwas Positives, welche nicht weiter teilbar wäre, angenommen werden, um die ideale Tätigkeit des praktischen Vermögens zu erklären; dies ist aber ein Reales, das Unteilbare müsste also unteilbar sein als Realität; als Quantität aber müsste es wohl teilbar sein. Nun soll die ideale Tätigkeit hier so gebunden sein: nicht, dass sie als Bewegliche fortgerissen werde, sondern dass sie angehalten und fixiert werde.

Das, was die ideale Tätigkeit fixiert, soll Stoff einer Wahl sein; aber die Wahl kann nur mit Bewusstsein des Gewählten* geschehen, aber es gibt kein Bewusstsein von Etwas ohne Entgegensetzung. Sonach müsste es in dieser Ansehung Zustände des Gemüts geben, die nur Einheit und Gleichheit sind, nicht aber Vielfalt in eben und demselben Zustande. Es muss Grundeigenschaften geben (die nicht weiter zergliedert werden können) des Bestimmbaren und ein Sein dieses Bestimmbaren.

Alles, was auf ideale Tätigkeit sich bezieht, ist Setzen, und entweder Tätigkeit des Ich, Gebundenheit der idealen Tätigkeit, oder Sein des NichtIch; ein Gesetztsein, durch welches ein Werden und Machen negiert wird. Wenn die Möglichkeit der Entgegensetzung so abgeleitet wird, so wird der oben behaupteten Teilbarkeit ins ins Unendliche nicht widersprochen, denn ich kann ja dasselbe Sein vermehren oder vermindern.

Das oben Gezeigte wird sich unten zeigen als dasjenige, was durch das unmittelbare Gefühl gegeben ist, z.B. rot, blau, süß, sauer. In diesen Gefühlen ist der Zustand des Gemüts nicht Vielheit, sondern Einheit. Die Vielheit findet aber dabei statt, nämlich dem Grade nach, ich kann mehr oder minder Rotes, aber ich kann nicht sagen, wo es aufhört, rot zu sein. Wie ist das Setzren oder das Bewusstsein dieses Etwas möglich? Wie kommts in das Ich?

Dieses Etwas und das Bewusstsein davon geht allem Handeln voraus, denn das Handeln ist dadurch bedingt. Das Gegeben ist die Sphäre alles möglichen Handelns; das Handeln aber ist absolut nichts Einfaches, sondern ein Zweifaches. Es liegt gleichsam eine Ausdehnung des sich-selbst-Affizierens und ein Widerstand desselben, der es aufhält und zu einem Anschaubaren macht, darin. 

Was in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, ist das Handeln. Jedes Mögliche muss etwas dem Ich Angehöriges (Tätigkeit) und etwas ihm Widerstrebendes sein. Dieses  Etwas ist als ein wirkliches Handeln nicht gesetzt; was also davon dem Ich angehört, ist nicht zu erklären aus einer wirklichen Selbstaffektion. Das Ich wird hier nur gesetzt als das Vermögen des Handelns in diesem Mannigfaltigen. Nun kommt aber dieses Vermögen hier nicht vor als ein bloßes Vermögen, als ein Mögliches im Denken, sondern als ein Anschaubares, welchem in sofern der Charakter des Seins zukommt. 

Der Charakter des Seins ist Bestimmtheit, folglich müsste hier liegen ursprüngliche Bestimmtheit zum Handeln überhaupt. – Das Ich, sobald es gesetzt ist, ist nicht frei zu handeln überhaupt, sondern nur, ob es dieses oder jenes handeln will. Wir bekommen hier ein notwendiges Handeln. Das Wesen des Ich ist Tätigkeit, folglich wäre hier ein Sein der Tätigkeit. Das den Begriff von seinem Willen entwerfende Ich ist gebunden, aber die Gebundenheit deutet auf ein Sein, und zwar auf ein eigentliches Sein. Das Bindende und insofern Setzende ist dem Ich angehörig, aber das Ich ist hier praktisch (Tätigkeit), sonach ist hier ein Sein der Tätigkeit. 

Beide sich widersprechende Begriffe sind hier vereinigt (nämlich Sein und Tätigkeit), und diese Vereinigung wird hier betrachtet als ein Gefundenes. Ich finde etwas, aus welchem ich mein Handeln zusammensetze; in diesem liege ich selbst, also hier wird Tätigkeit gefunden. Diese Tätigkeit ist eine zurückgehaltene Tätigkeit, und davon bekommt sie den Charakter des Seins. So etwas ist aber ein Trieb, ein sich selbst produzierendes Stre-ben, das im Innern dessen, dem es zugehört,  gegründet ist [...], es ist Tätigkeit, die kein Handeln ist, etwas An-haltendes, die ideale Tätigkeit Bestimmendes, eine innere, fortdauernde Tendenz, den Widerstand zu entfernen.
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S. 64ff.


Nota. - Das Ich ist frei, so oder anders zu handeln. Aber ob es überhaupt handeln will, steht ihm nicht frei. Es ist Handeln, nämlich Tätigkeit gegen einen Widerstand, aber im Zustand der δυναμις, eine Möglichkeit, der es nicht freisteht, sich zu aktualisieren, sondern es immer muss, sobald sie es kann. Das ist die Vorstellung, von der die Wissenschaftslehre, wenn auch nicht der Begriff, von dem ihre Darstellung ausging. 

Das ist, ich werde nicht müde, es zu wiederholen, eine anthropologische Prämisse. Nicht nur begründet die Wissenschaftslehre eine (die rationelle) Anthropologie, sondern sie gründet auch darin. Sie ist zirkulär, ja.
JE  






Mit dem Setzen eines Triebes muss notwendig etwas die Tätigkeit Verhinderndes gesetzt werden. Denn im Triebe liegt die Notwendigkeit des Handelns; da er aber kein Handeln wird, sondern ein Trieb bleibt, so muss der Grund davon in einem andren liegen.

Man kann sagen, der Grund des Triebes liegt im Subjekte, in wiefern der Grund zu einer Tätigkeit im Subjekte liegt. Aber er liegt nicht drin, in sofern er nicht Tätigkeit, sondern Trieb ist, und dadurch, dass etwas Verhin-derndes da ist, wir eben die Tätigkeit aufgehoben. Wir können sonach aus diesem Wechselverhältnis nicht heraus.

Was nun wird aus diesem Triebe des Ich folgen? Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen, so etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein eines gedachten Gottes. [...]

Von diesem Zustande wollen wir übergehen zur Beschränktheit, jetzt kann das Ich nicht handeln, seine prak-tische Tätigkeit ist angehalten. Nun ist der Charakter des Ich, dass es sich idealiter setze oder anschaue, dies ist erst jetzt möglich, denn es ist etwas Gehaltenes da. Es muss ein Bewusstsein des Triebes oder der Beschränkt-heit notwendig geben. Aus dem Triebe folgt Bewusstsein. Wenn das Ich lauter Tätigkeit wäre und keine Be-schränkung in ihm vorkäme, so könnte es sich nicht seiner Tätigkeit bewusst werden. Es kann im Ich nichts vorkommen ohne Bewusstsein, nun kommt hier der Trieb sein, folglich muss Bewusstsein desselben vorkom-men.

Anmerkung: A) Hier teilen sich ideale und reale Tätigkeit, und die oben beschriebene Entgegensetzung beider wird möglich. Wir stehen an der Grenze alles Bewusstseins, weil wir den Ursprung alles Bewusstsein sehen.

B) Ideale Tätigkeit ist nur eine gebundene; ihr unmittelbares Objekt ist die praktische, ihre Gebundenheit hängt von der praktischen ab, diese muss ursprünglich ein Streben sein, und dies ist der Ursprung des Bewusstseins.
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 S. 67  





Was ist das nun für ein Bewusstsein, das mit dem Triebe ver-/knüpft werden soll? 

Mit dem Bewusstsein, das wir bis hieher kennen, mit der Anschauung, verhält es es sich so: Wir erblicken in ihr Reales und Ideales getrennt; das erstere hat sein vom Idealen unabhängiges Sein, das letzte sieht nur zu. Bei dem Bewusstsein, von dem wir hier reden, kann dies der Fall nicht sein, es gibt hier kein reales Sein, es wird nicht gehandelt, sonach müsste hier Ideales und Reales zusammenfallen. Das Ideale wäre hier sein eigner Gegenstand, ein unmittelbares Bewusstsein, und dieses ist ein Gefühl.

Man fühlt kein Objekt. Das Objekt wird angeschaut. Jedes Objekt, sogar ein Handeln, soll etwas sein, ohne dass ich mir eben desselben bewusst würde. Der transzendentale Philosoph erinnert freilich, dass etwas ohne Bewusstsein nicht sein könne, aber der gemeine Menschenverstand sieht das nicht so an. Man unterscheidet Handeln und Bewusstsein. Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass es gefühlt wird, die Reflexion ist mit dem Gefühl notwendig verbunden. Das Gefühl ist ein bloßes Setzen der Bestimmtheit des Ich.
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 S. 67f.  


Nota. - Von einem gewissen Standpunkt aus sind Gefühl und Bewusstsein zweierlei, aber hier an dieser Stelle ist Gefühl noch das einzige bewusst-Sein, von dem die Rede sein kann. Die Begriffe bezeichnen bei Fichte eben nicht unveränderliche Wesenheiten, sondern sind stets Handlungsanweisungen im konkreten Kontext.
JE  




Wir haben nun ein unmittelbares Bewusstsein eines unmittelbaren Materialen, welches wir bedurften. Oben suchten wir das Formale, wir kamen auf ein Subjekt-Objekt, auf ein sich-selbst-Setzen. In diesem Gefühle, wie es sich weiter unten zeigen wird, kommen Ich und NichtIch zusammen vor, und zwar nicht lediglich zufolge einer Selbstbestimmung, sondern in einem Gefühle. 

Im Gefühle ist Tätigkeit und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Beziehung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche. –

Man sieht hier schon, wie alles im Ich vorkommen kann, und dass man nicht aus dem Ich herauszugehen braucht. Man brauchte nur eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen anzunehmen, und es würde sich leicht zeigen lassen, dass man die Vorstellungen von de Welt davon ableiten könnte.
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S. 68 




Wie ist es nun möglich, dass das Ich vor allem Handelns voruas eine Erkenntnis der Handlungsmöglichkeiten habe? Es gehört für diese Handlungsmöglichkeiten ein Positives des Man-/nigfaltiggen, wodurch das Mannigfaltige erst würde, und das nicht weiter zergliedert werden könnte, und dass es Grundeigenschaften geben müsse; das Gefühl ist eins, es ist Bestimmtheit, Beschränktheit des ganzen Ich, über die es nicht hinausgehen kann. Es ist die letzte Grenze, es kann sonach nicht weiter zergliedert und zusammengesetzt werden, das Gefühl ist schlechthin, was es ist und weil es ist. Das durch das Gefühl Gegebene ist die Bedingung alles Handelns des Ich; die Sphäre, aber nicht das Objekt.

Die Darstellung des Gefühls in der Sinnenwelt ist das Fühlbare und wird gesetzt als Materie. Ich kann keine Materie hervorbringen oder vernichten, ich kann nicht machen, dass sie mich anders affiziere, als sie ihrer Natur nach tut. Entfernen oder annähern kann ich sie wohl. Das Positive soll Mannigfaltigkeit sein. Es müsste also mannigfaltige Gefühle geben, oder der Trieb müsste auf mannigfaltige Art affizierbar sei; welches man auch so ausdrücken könnte: Es gibt mehrere Triebe im Ich.


Diese Mannigfaltigkeit der Gefühle ist nicht zu deduzieren oder aus einem Höheren abzuleiten, denn wir stehen hier an der Grenze. Dieses Mannigfaltige ist mit dem Postulate der Freiheit postuliert; hinterher wohl wird dieses Mannigfaltige im Triebe sich zeigen als Naturtrieb und wird aus der Natur erklärt werden; aber die Natur wird erst selbst zufolge des Gefühls gesetzt.

Diese mannigfaltigen Gefühle sind völlig entgegengesetzt und haben nichts miteinander gemein, es gibt keinen Übergang von einem zum andern. Jedes Gefühl ist ein bestimmter Zustand des Ich. Sonach wäre das Ich selber eine Mannigfaltiges; aber wo bliebe dann die Identität des Ich? Das Ich soll diese Mannigfaltigkeit auf sich be-ziehen, es soll es als sein Mannigfaltiges ansehen, wie ist dies möglich? 

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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 69


Nota. - Die Gefühle als unmittelbare Gegenstände der Anschauung ist qualitativ, sie haben nicht miteinander gemein und gehen nicht ineinander über. (Das ist auch neurophysiologsich so, zu jeder Sinneszelle gehört die entsprechende Nervenzelle.) Das Erlebnis, dass alle Gefühle meine sind, ist der Ursprung des empirischen Ich (welches es zu erklären gilt).
JE





Kant beantwortet die Frage, wie das Mannigfaltige im Bewusstsein vereinigt werde, vortrefflich, aber nicht: wie das Mannigfaltige der Gefühle; da doch die Beantwortung des ersten auf die Beantwortung des letzen gründet. Er bezieht (vid. Kritik der Urteilskraft) alle Gefühle auf Lust und Unlust; nun aber muss es zwischen der Bezie-hung der Gefühle auf Lust und Unlust ein Mittleres geben, wo-/durch...  >>>
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 S. 69 

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