S. 70-79



Kant beantwortet die Frage, wie das Mannigfaltige im Bewusstsein vereinigt werde, vortrefflich, aber nicht, wie das Mannigfaltige der Gefühle, da doch die Beantwortung des ersten sich auf die Beantwortung des ersten gründet [sic]. Er bezieht (vide Kritik der Urteilskraft) alle Gefühle auf Lust und Unlust. Nun muss es aber zwischen der Beziehung der Gefühle auf Lust und Unlust ein Mittleres geben, wo-/durch dies Beziehung erst möglich werde. Um zu empfinden, ob A oder B mehr Lust gewähre, muss ich sie erst beide beisammen haben, um sie zu vergleichen. Wie bekomme ich nun beide beisammen?

Wenn man z. B. zwei Weine kostet, nicht um zu sehen, welcher von beiden besser schmeckt, sondern nur, um die Verschiedenheit des Gefühls zu wissen, so scheint eine solche Vergleichung unmöglich, denn wenn man den einen schmeckt, schmeckt man den anderen nicht. Es ist immer nur ein Geschmack, und zum Vergleichen gehört doch zweierlei, und jedermann weiß doch, dass er diesen Vergleich anstellen kann.

Man muss hier auf das Verfahren merken. Bei dem Kosten ist Tätigkeit. Man fasst seinen ganzen Sinn auf den Gegenstand, den man kostet, zusammen und konzentriert ihn auf denselben. Man bezieht dieses besondere Gefühl auf die ganze Sinnlichkeit. So wie das beim Kosten des ersten geschieht, so geschieht es auch beim zweiten; dadurch werden beide mit etwas Gemeinschaftlichem zusammengehalten, nämlich mit der ganzen Sensibilität, welche in beiden Momenten dieselbe bleibt.

Es wird bei dieser Erklärung angenommen ein System der Sensibilität überhaupt, welches schlechthin vor aller Erfahrung da sein soll, welches System aber nicht als solches unmittelbar gefühlt wird, sondern vermittelst dessen und in Beziehung auf dasselbe alles Besondere gefühlt wird, was gefühlt werden mag. Das Besondere ist eine Veränderung des gleichmäßigen Zustands des ersten.
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 S. 69f.


Nota. - Ist es selbstverständlich? Ich sage es trotzdem: Anders als das Ich ist das sinnliche Individuum aller Er- fahrung und mithin allem Bewusstsein vorausgesetzt. Es muss nicht nachträglich aus dem Ich herausgerechnetwerden.
JE








Wie kann nun das Gefühl Gegenstand eines Begriffs werden? Bei der Anschauung wird eine Realität voraus-gesetzt, aber beim Fühlen nicht, das Fühlen ist selbst die Realität, die vorkommt. Ich fühle nicht etwas, sondern ich fühle mich. - 

Welches ist nun der Übergang vom Gefühl zur Anschauung? Ich kann kein Gefühl anschauen, außer in mir; soll ich ein Gefühl anschauen, so muss ich doch fühlend sein. Es wird schlechterdings reflektiert. Das Ich erhebt durch eine neue Reflexion, die mit absoluter Freiheit geschieht, sich über sich selbst, sich  das Anschauende über sich selbst, es wird dadurch selbstständig.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 70  






Dass dieses System der Sensibilität nicht gefühlt wird, kommt daher: Die Sensibilität  ist nichts Bestimmtes, sondern ein Bestimmbares, würde sie also nicht verändert, so würde nicht gefühlt. Man denke sich das bloße Fühlen als ideale Tätigkeit, dann steht es unterm Gesetze der idealen Tätigkeit, welche nur im Übergehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten etwas sein könnte. So ists hier: Das besondere Gefühl ist ein bestimmtes, als solches kann es nur vorkommen, wenn es auf ein Bestimmbares bezogen wird, und dies ist das System der Sensibilität. Sonach geschieht die Vergleichung der Gefühle nur mittelbar, jedes bestimmte Gefühl wird an das ganze System gehalten. /

Dadurch wird nun dem Dogmatismus aller Vorwand genommen. Selbst die Gefühle können nicht von außen in uns hereinkommen, sie wären nichts für uns, wenn sie nicht in uns wären. Soll es Gefühle für uns geben, so wird das System der Gefühle a priori vorausgesetzt.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 70f.





Wie kann nun das Gefühl Gegenstand eines Begriffs werden? Bei der Anschauung wird eine Realität voraus-gesetzt, aber beim Fühlen nicht, das Fühlen ist selber Realität, die vorkommt. Ich fühle nicht etwas, sondern ich fühle mich. – Welches ist nun der Übergang aus dem Gefühl zur Anschauung? Ich kann kein Gefühl an-schauen, außer in mir; soll ich ein Gefühl anschauen, so muss ich doch fühlend sein. Es wird schlechthin re-flektiert. Das Ich erhebt durch eine neue Reflexion, die mit absoluter Freiheit geschieht, sich über sich selbst, sich das Anschauende über sich, inwiefern es fühlend wird, es wird dadurch selbstständig.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 71





Ideales und Reales liegt nebeneinander und bleiben immer abgesondert. Im Buche* ist zuförderst das erste bestimmt und das zweite von ihm abgeleitet. Hier** wird umgekehrt mit dem Praktischen angefangen und dies wird abgesondert, so lange es abgesondert ist und nicht mit dem Theoretischen in Beziehung steht. Sobald aber beide zusammenfallen, werden sie beide miteinander abgehandelt. Somit fällt die im Buche* in den theoretischen und den praktischen Teil gemachte Einteilung hier weg. 

In beiden Darstellungen wird ausgegangen von einer Wechselbestimmuung des Ich und NichtIch.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 72

*) Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre
**) Wissenschaftslehre nova methodo


Nota. - Dies betrifft lediglich die Art des Vortrags. Der Sache nach ist auch in der Grundlage die praktische Tätigkeit Bedingung der idealen, welche sich auf jene bezieht; andersrum geht's ja nicht.
JE





Das NichIch ist seinem Sein und der Bestimmtheit seines Seins nach unabhängig vom praktischen Ich; aber vom theoretischen Ich ists abhängig, es ist eine Welt nur da, inwiefern wir sie setzen. Im Handeln steht man auf einem praktischen Standpunkte. Für das Handelns hat das NichtIch unabhängige Realität; man kann die Gegenstände verändern, zusammensetzen, aber nicht hervorbringen.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 75






Ich erkläre etwas (A), wenn ich es an etwas andres (B) anknüpfe und so fort; ich fasse nicht alles auf einmal auf, weil ich endlich bin. Es ist dasselbe, was man diskursives Denken nennt. Die Endlichkeit vernünftiger Wesen besteht darin, dass sie erklären müssen. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 75


Nota. – Dieser Satz steht im Ms. unmittelbar vor dem gestrigen Eintrag, er führt auf den Gedanken, dass die Vorstellung vom reinen Ich nicht praktisch, aber theoretisch notwendig ist, weil anders die Dinge und die Welt nicht zu erklären sind. Sobald das praktische Ich dagegen handelt, findet es Welt und Dinge vor und muss sie sich nicht erst erklären. – Das theoretische Ich steht zum praktischen Ich in demselben Verhältnis wie die ideale zur realen Tätigkeit: Sie sind jedesmal Gegenstand der Reflexion und sind nur für die Reflexion.
JE





Zuvörderst - was heißt verstehen oder begreifen? Es heißt festsetzen, bestimmen, begrenzen. Ich habe eine Erscheinung begriffen, wenn ich ein vollständiges Ganzes der Erkenntnis dadurch erhalten habe, das allen seinen Teilen nach in sich begründet ist; wen jedes durch alles und alles durch jedes einzelne begründet oder erklärt wird. Dadurch erst ist es vollendet und begrenzt. 
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Grundlage des Naturrechts..., SW III, S. 77


Nota. - Das ist sein analytisch-synthetisches Verfahrendas Uhrwerk erst auseinandernehmen und dann nach dem eingesehenen Plan wieder zusammensetzen.
JE





Der Stoff, aus welchem das ideal Tätige seinen Begriff zusammensetzt, soll das Mannigfaltige des Gefühls sein. Aber das Gefühl ist nichts Objektives, sondern ein bloß Subjektives. Es ist nichts, das begriffen wird. Fühlen und Begreifen sind einander entgegengesetzt. Im Begriff oder in der Anschauung muss auseinander liegen, was im Gefühl eins ist. Unsere Aufgabe ist nun: Wie mag das, was Sache des Gefühls ist, Objekt einer Anschauung oder des Begreifens werden können? /

(Diese Frage ist sehr wichtig, wir kommen dadurch zum eigentlichen Objekt, zum NichtIch, und zur Beschreibung der Art und Weise, wie das NichtIch entworfen wird.

Unsere Frage könnte auch so heißen: Wie kommt das Ich dazu, aus sich heraus zu gehen? Diese Frage macht eigentlich den Charakter der WissenschaftsLehre aus. Die Lehre von der produktiven Einbildungskraft wird hier eine neue Klarheit und Festigkeit erlangen. Die gesamte Sinneswelt wird durch sie hervorgebracht, nach ihren bestimmten Gesetzen.)
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 78


Nota. Wobei nie zu vergessen ist: Die Gesetze der Einbildungskraft waren nicht gegeben, bevor sie tätig wurde, sondern werden gesetzt, indem sie einbildet.
JE  




Unmittelbar ist das Gefühl Objekt der Anschauung nicht, auch kann das Gefühl nicht willkürlich erneuert werden, wie die Vorstellung eines Objekts erneuert werden kann: Ein Gefühl ist kein Ding, kein Zu-Kon- struierendes, das beschrieben werden kann; es ist ein Zustand; es ist kein Substanzielles, sondern ein Accidenseiner Substanz. Aber das Gefühl scheint mit dem Objekte ganz verknüpft zu sein, es kann nicht gefühlt werden, ohne es auf ein Objekt zu beziehen. .../...

Der Charakter der Freiheit kann der idealen Tätigkeit nicht zukommen, außer in wiefern das Ich sich diese Tätigkeit zuschreibt. Dies geschieht durch Gegensatz eines nicht freien Zustandes - des Gefühls. Wenn daher die ideale Tätigkeit gesetzt würde als ein Losreißen aus dem leidenden Zustandes des Gefühls, so wäre der Gegensatz und das Vereinigungsband zwischen Gefühl und Anschauung da. ... Wir hätten hier in einer weiteren Bestimmung den Satz wieder: ideale und reale Tätigkeit sind nicht ohne einander. Hier heißt es: Gefühl und Anschauung sind nicht ohne einander. Gefühl ist etwas reales. Anschauung etwas ideales.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 78f.






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