S. 230-239


B. Nun kann sich ein Ich doch nur als Ich mit dem Charakter des Ich, der nur Freiheit ist, nur als handeln sollend und könnend finden. Man wende obigen Unterschied hier an. Ich bin beschränkt heißt nicht: Ich bin so breit und lang, nein, es heißt: Mein handeln Können und Sollen ist bechränkt.

So viel Merkmale hier dem Charakter des Ich beigefügt werden, müssen erörtert werden [sic].

Ich finde mich zuvörderst als handeln könnend, rein als Handelndes bin ich gemacht durch mich, durch den Willen, nicht aber mir selbst gegeben. Als handeln Sollendes kann ich mich finden. Was ist denn nun das Den- ken des Handelns seinem Charakter nach für ein Denken? Das Handeln ist ein Fortfließen, es ist also ein ver- sinnlichtes Denken. Nur erscheint mir das bloße Entwerfen des Zweckbegriffs nicht als Handeln, sondern als bloßes Denken, als etwas //230// außer mir, als ein Ding. Wie ist beides verbunden?

Durch die Anschauung meines Handelns, die insbesondere auch drum nach dem Obigen stattfinden muss, weil bloß durch sie eine Zweckerfüllung entsteht. Ich finde mein Handeln also als etwas Gegebenes, als ein Mögliches.

Gesetzt, ein Mensch hätte noch nichts getan (welches absurd ist und nur auf einen Augenblick gesetzt worden). Dennoch soll er etwas tun, es wird also postuliert, dass er schon einen Begriff vom Handeln habe. Dieser Be griff, der bei ihm nicht aus der Erfahrung kommen kann, müsste beim ihm ein Begriff a priori sein. So hier. Ich finde mich als ein Handelnsollendes, da liegt das Handeln schon drinnen. Das ist ganz klar eine Versinnlichung, die zusammengesetzt ist aus dem Zweckbegriff, der kein Handeln ist, und dem Realisieren, das nicht gefunden wird; also gleichsam in der Mitte schwebend.

Nota.
 - Die Wissenschaftslehre begründet nicht nur eine Anthropologie, was sie rechtfertigt, sondern sie beruht auch auf ihr, was sie motiviert. "Handeln ist ein Begriff a priori" - für das Idividuum so, wie der Philosoph das Wollen dem Ich zu Grunde legt.
JE

Was schaue ich denn nun an? Etwas durch die Einbildungskraft Versinnlichtes. Im Handeln ist nicht bleibende Gestalt, weder des Subjekts noch Objekts. Das Denken des Handelns ist ganz sinnlich, und eine solche Ansicht ist von der Synthesis, durch die das Bewusstsein zustande kommt, unzertrennlich. 

Nun muss ich zu dem bestimmten Handeln ein Bestimmbares setzen. Da das Bestimmte sinnlich ist, muss das Bestimmbare auch sinnlich sein. Das Bestimmbare war nach dem Obigen meine Individualität, meine sinnliche Kraft, daher muss dieses auch als ein Sinnliches erscheinen.

Was ist nun meine Indivdualität? Mein versinnlichtes Sollen. Eine Aufforderung zur freien Tätigkeit als Faktum in der Sinnenwelt. Es ist die Beschränktheit meiner Freiheit in einer besonderen Sphäre, oder bestimmte Bestimmbarkeit meiner selbst. 

Die Aufforderung eines Sollens muss also erscheinen als Wahrnrhmung, welche eine ganz eigne Idee dieses Systems
[=der WL] ist, eine ganz eigne Erklärungsweise, die Wirksamkeit in der Sinnenwelt zu erklären. Sie ist nichts als objektive, versinnlichte Wahnehmung meiner Bestimmung, auf andere und mit anderen Vernunftwesen  in Wechselwirkung zu treten.

Ich finde mich in mir selbst aufgefordert, frei zu handeln in einer bestimmten Sphäre. Das passendste Beispiel davon ist das einer Frage. In //231// ihr ist Bestimmtheit und Bestimmbarkeit, hier ist bestimmte Bestimmbarkeit: leiden und affiziert werden und Freiheit. 
 

3) Diese Aufforderung, die ganz beschrieben ist, muss, versteht sich, im wirklichen Bewusstsein erklärt werden. Sie lässt sich nur erklären durch ein freies Handeln außer mir. (Ich knüpfe an das Bestimmte ein Bestimmbares und Bestimmendes an. Dies ist nach Denkgesetzen nur ein Phänomen, so hier: An diese Aufforderung knüpfe ich etwas an, das heißt erklären.) Der Beweis beider Behauptungen hängt zusammen. Die Aufforderung ist, für sich betrachtet, ein Bestimmtes, obwohl das mir Gegebene zu meinem Handeln sich verhält wie ein Bestimmbares; z. B. bei der Frage ist die Frage in Beziehung auf meine Antwort ein Bestimmbares, aber ist doch an sich auch etwas Bestimmtes, indem er dies und nichts anderes fragt. -

Die Aufforderung liegt demnach in der Mitte und kann als bestimmt und bestimmbar gefasst werden, sie ist relativ. Sehen wir sie als Bestimmte an. so muss ein Bestimmbares hinzugesetzt werden. Was ist nun das Bestimmbare dazu und das Bestimmende? Nichts als ein Handeln ist das Bestimmende, da in diesem Zustand nur ein Handeln gedacht wird. Es wird sonach ein wirkliches freies Handeln außer mir gedacht als der Grund von der in mir vorkommenden Aufforderung. Dieses wirlich Bestimmende und Bestimmbare ist ein wirkliches freies Wesen außer mir, da das Gefundene ein Handeln sein soll, welches lediglich aus einer freien Intelligenz erklärt werden kann.

Der gemeine Menschenverstand schließt auf der Stelle so, und hier hat er das volle Recht, so zu sagen, da er im Gebiete der Erscheinung steht, denn die Aufforderung ist ein Phänomen. Scholastisch ausgedrückt ist hier ein Übergehen von dem Bestimmten zu dem Bestimmbaren, und in die Mitte würde das Bestimmende gesetzt, welches den Übergang vom Bestimmbaren zum Bestimmten macht. Also von dieser Aufforderung wird notwendig geschlossen auf eine Intelligenz außer mir. Das Handeln derselben erscheint in mir, sie selbst aber nicht, sie ist also ein //231// bloßes Noumen.

Nota.
- In der Deduktion wurde aus dem 'Herausgreifen der Individualität' auf die 'Absolutheit des Vernunft- reichs' geschlossen in Gestalt einer 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir'. Aus der Reihe vernünftiger Wesen wird erklärt die 'Aufforderung zu freier Tätigkeit'. Bis dahin war es spekulative Konstruktion. Sie muss sich darin bewähren, dass sich die 'Aufforderung' im wirklchen Bewusstsein als Wahrnehmung auffinden lässt. - Dies sei hier geschehen.
Nota II.
 -  Gemeiner Menschenverstand
ist die Vernunft, wo immer sie sich mit Phänomenen beschäftigt - ob in der theoretischen Physik oder beim Kaffeekochen. Philosophie ist sie, sobald sie kritisch wird - zwischen Phänomenen und Noumenen unterscheidet - und den transzendentalen Standpunkt einnimmt.
JE

Die freie Intelligenz außer mir ist ganz bestimmt das Gegenstück zu mir selbst nur durch eine ganz andre Art des Aufsteigens. Bei mir gehe ich von dem Begriffe der Freiheit aus und gehe auf die einzelne freie Handlung über. Hier aber bei dem Wesen außer mir steige ich von der erschienenen Handlung auf zu der Ursache der- selben, auf die ich bloß schließe, die ich nicht empfinden kann. 

Ich bin derjenige, der seinem Zweckentwerfen unmittelbar beiwohnt, der sich selber Noumen ist, und dann erst auf die sinnliche Erscheinung fortgeht. Du bist [der], der mit nicht als Noumen, sondern als Erscheinung vorkommt. Meiner Vernunft bin ich mir unmittelbar bewusst und schließe nicht bloß auf sie; aber [auf] Vernunft außer mir schließe ich nur. Diese Notwendigkeit liegt in dem Übergehen von dem Bestimmten zum Bestimm- baren.

Bemerkung: Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen wird, verhält sich wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mir gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden - wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an eine gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen. Er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da an soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungkraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige durch Freiheit bestimm- te Kette. Die ganze Vernunft ist nur ein einziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der gnze Vernunftzweck durch unendlich viele bearbeitet und ist das Resultat von der Ein- wirkung aller. 

Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher-//233//gehende bedingt; aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht (vide Sittenlehre). Die Freiheit besteht darin, dass aus allen Möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.

Nota.
- Die Wissenschaftslehre erzählt nicht nach, 'wie es wirklich ist', sondern stellt dar, was in der Vorstellung wirklich vorkommt und weshalb das notwendig ist. Hier steht also sinngemäß: Alles Reden von Vernunft hat einen intelligiblen Sinn nur, wenn man sie so auffasst. Wird der Weg fortgegangen, so wird es eine Kette sein. Aber sie wird aus Freiheit fortgewirkt. Wenn wir uns also (in der Abstraktion) denken, dass sie einmal an ein Ende käme, so wäre es nicht durch physische Notwendigkeit als Folge seiner Ursache, sondern durch Freiheit als Zweck gesetzt: 'bedingt, aber nicht bestimmt'. Die Freiheit hätte an jedem Punkt auch andere Möglichkei- ten wählen und andere Teile anfügen können. Der 'Endzweck' wäre ein anderer geworden.
Wenn Hans Vaihinger die Wissenschaftslehre nova methodo gekannt hätte, wären ihm die Augen übergegangen und er hätte auf seine dickleibige Philosophie des Als Ob achselzuckend verzichtet. Und wenn Fichte seinen Weg nova methodo 'zuende gegangen' wäre, hätte er sich nie auf die dogmatische Auffassung eines Realabsoluten und eines gegebenen Endzwecks der Vernunft einlassen können.
JE

4. Wir gehen auf den Punkt zurück, von dem wir ausgingen, um die Synthesis auszubreiten und näher zu bestimmen. Die Aufforderung an mich war, wie jeder Eindruck, als Wahrnehmung (nicht an sich) Beschränkung meines physischen Handelns, sonach meiner physischen Kraft; so wie alles Sein Aufhebung meines Handelns ist. Weil dies außer mir geschieht, kann ich es nicht; nicht schlechthin, sondern bloß mir selbst überlassen kann ich es nicht, wohl [aber], wenn ich die Grenze durchbrechen wollte.

Diese Aufforderung heißt und ist Beschränkung meines physischen Handelns in gewisser Rücksicht. Es ist klar, dass, um die Beschränktheit zu erklären, ich eine physische Kraft annehmen muss, denn es wirkt ja doch nur Physisches auf Physisches. Man bemerke wohl den Übergang. Vorher war bloß von dem Handeln die Rede, das gibt eine physische Kraft; sobald von Beschränktheit meiner die Rede ist, wird dies bestimmt; wie nun von einem Handeln in mir auf ein Handeln außer mir geschlossen wurde, so wird hier von der sinnlichen Kraft als [einem] Bestimmten auf ein homogenes (weil es in demselben Akt des Denkens vorkam) Bestimmtes geschlos- sen.

Es steht so: Dass ich mich aufgefordert finde, ist nichts als sinnliche Aufgabe, mich selbst zu beschränken; davon schließe ich auf ein vernünftiges Wesen, und da sie ein sinnliches Handeln ist, auf eine sinnliche Kraft dieses sinnlichen [sic] Wesens, ich realisiere ein Vernunftwesen als sinnliche Kraft außer mir.

Nota
Natürlich muss es im letzten Satz heißen: "...da sie ein sinnliches Handeln ist", schließe ich "auf eine sinnliche Kraft dieses vernünftigen Wesen"; sonst ist es sinnlos.
JE

Auf ein bestimmendes Physisches wird also geschlossen, welches zugleich auch ein Bestimmbares ist, welches demnach nicht gerade so handeln musste, sondern in seinem Bestimmen ausgewählt hat von einer ins Unendliche verschiedenen Mannigfaltigkeit. Kurz, es ist eine physissche Kraft wie die meinige, die bloß von der Freiheit abhängt und bloß von ihr bestimmt wird auf unendlich mannigfaltige Weise.

Ich denke sie, ich denke sie - wie alles - bestimmt als Quantum, als individuelle //234// Kraft. Zugleich erscheint sie mir als etwas Sinnliches im Raume. Also das Wirkende zu der Aufforderung fällt mir notwendig aus als ein materieller, bechränkter Körper. Mein Denken der Vernunft außer mir ist sinnlich, ich denke so einen Körper nicht bloß, sondern realisiere ihn auch in der sinnlichen Anschauung, es ist damit Gefühl verknüpft, nämlich das der mir angemuteten Selbstbeschränkung. Dadurch wird eine sinnliche Gestalt durch Anschauung hinge- worfen.


Den Zusammenhang zwischen idealem und reellem Denken weiß nur die Philosophie, dem gemeinen Menschenverstand ist beides eins. So verhält es sich überall, wo sie die Duplizität des Denkens erkennt. So hier: Niemand fragt nach dem Zusammenhange des Willens mit dem Körper. Darüber hat sich bislang auch kein Philosoph gewundert, beides ist ihm ganz eins: Leib und Seele; z. B. ich habe mich geschnitten. So mit dem vernünftigen Wesen außer uns: Es ist da immer eine doppelte Ansicht von ihnen, ohne dass wir es inne wer- den. 

Ein gewisser Leib und der Begriff eines vernünftigen Wesens sind in mir unzertrennlich vereinigt. Letzter ist doch nur ein Ideal, etwas Gedachtes; er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein. Beides ist unzertrennlich vereinigt; die erstere denke ich nur, mithin auch nur das letztere. Sie ist auch etwas in mir, und letzteres ist auch das erstere, nur von der anderen Seite. Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar.

Nota.
 - 'Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar' - nicht so in diesem Fall der Protokollant Krause.
JE

Resultat: Auf vernünftige Wesen außer mir schließe ich aus meiner eigenen Beschränktheit durch Freiheit, d. h. aus einer Aufgabe, mich zu bechränken. Dieses rein erblickt als Aufgabe, ist in der Versinnlichung Aufforderung zur beschränkten Tätigkeit. Das Bestimmbare zu ihr ist bestimmbar in den Vernunftwesen außer mir, und in wiefern es von mir erblickt wir, ist es reelle physische Kraft. Das Bestimmbare zu ihr ist ein Objekt der Körperwelt. Beides ist unzertrennlich vereinigt und ist dasselbe pp.. Beschränktheit und Freiheit ist der synthetische Mittelpunkt. Die Freiheit außer mir wird gedacht, das Übrige angeschaut.

//235// 6. Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es wirksam erscheint, sein Körper ist bestimmbar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, er sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche; nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber* darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teil eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksamkeit in der Sinnenwelt ab.
*) [=sogar?]


Nota.  
- Auf die Gegenständlichkeit eines NichtIch schließe ich aus dem Widerstand, den es meiner Tätigkeit ent- gegensetzt. Auf die Körperlichkeit eines Vernunftwesens schließe ich aus seiner eignen Wirksamkeit. Aus der Ihm-Eigenheit seiner Wirksamkeit kann ich auf seine Vernünftigkeit schließen.
JE
Ferner: Dieser Körper wird der Freiheit vorausgesetzt, denn er ist ja das Bestimmbare zur Freiheit, welches im Bewusstsein in der Reihe des Denkens immer vorausgeht; eben dadurch wird er zu einem Gefundenen, Gege- benen, zu einem eigentlichen Objekte. So wie das Subjekt handelt, ist dieser Körper da; er ist daher Natur und insbesondere Naturprodukt.

Letzteres bedarf einer Erklärung und eines Beweises: Die Natur ist nach dem Obigen Noumen in einer gewis- sen Rücksicht, und das ist alle Natur, sie ist durch sich selbst gesetzt, sie ist, was sie ist, weil sie es einmal ist, und nur insofern ist sie Natur zu nennen. Man könnte sagen, wie Spinoza sagt: natura naturans, welches sie ist, so gewiss sie Natur ist, bestehend, weil sie besteht. Nur inwiefern sie durch sich selber ist, heißt sie so. Der artikulierte Leib ist Natur, er ist also auf diesem Gesichtspunkt, dem gemeinen Gesichtspunkt, allem Bewusst- sein vorausgesetzt, er ist Teil der Natur, denn außer ihm ist der meinige ja auch da, und Objekte auch, nach dem Obigen.

Dieser Körper ist Natur, Teil der Natur, ist ferner ein bestimmter Teil der Natur, und zwar ein durch sich selber bestimmter besonderer Teil; an Letzterem hängt der Beweis. (Von der Artikulation aus soll etwas in der Natur bewiesen werden,) er ist derjenige Teil der Körperwelt, der durch den bloßen Willen des Vernunftweesens in Bewegung gesetzt wird. Aber er geht nur bis zu einer gewissen Grenze im Raume, von welcher Grenze aus auch durch bloßen Willen nichts ausgerichtet //236// werden kann, weil das Vernunftwesen ein endliches sein soll.



Nota.
- Die Natur in specie: als das, was das, was es ist, durch sich selbst ist, kommt in der Wissenschaftslehre erst am Schluss vor. Das brachte sie in Gegensatz zum damals gerade anhebenden obskurantistisch-selbstge- fälligen Zeitgeist und hat ihr sicher mehr geschadet als der Atheismusstreit. Auch in den vergangenen dreißig Jahren hat ein solcher geherrscht, ab damit scheint es zu Ende zu gehen. Sollte eine kritische und rationelle Geisteshaltung an ihre Stelle treten, könnte die Transzendentalphilosophie einmal Allgemeingut werden.
JE
 

Nun findet das Vernunftwesen diesen Leib, und diese bestimmte Begrenztheit gehört zum Vernunftwesen und besonders zu seinem Leib. Diese Begrenztheit ist etwas unabhängig vom Willen des Wesens unabhängig Vorhandenes. Er [sic] ist ein beschränkter Teil der Sinnenwelt. Auch seine Begrenztheit muss also von dem Willen unabhängig vorhanden sein. Die Grenze desselben ist sonach auch Natur und durch sie gesetzt. Er ist, mit andern Worten, Naturprodukt.

Folglich: Die Natur produziert durch sich selbst, das ist durch mechanische Gesetzmäßigkeit (denn an Freiheit durch Willen und Begriff ist hier nicht zu denken), reelle Ganze. Also solche, die an sich Ganze sind, durch ein notwendiges Denken, nicht etwa lediglich in unserer Freiheit des Denkens. (Durch Freiheit der Abstraktion kann ich alles trennen, dann habe ich aber nur ein eingebildetes Ganze[s], wie in allen abstrakten Begriffen.) Jene[s] reale Ganze muss ich notwendig so zusammensetzen. 

Ferner ist bekannt der Begriff der Organisation, auf diesen kommen wir jetzt. 

Unsre Deduktion geht [von] oben herab. Wir gingen aus von dem höchsten Idealen, von der Aufgabe, sich selbst zu beschränken. Diese Aufgabe haben wir versinnlicht in dem Phänomen einer gleichfalls in uns selbst liegenden Aufforderung. Wir haben nach dem Gesetz der Substantialität zu dem Bestimmten der Aufforderung ein bestimmbares* Aufforderndes hinzugesetzt, wir haben letzteres verwandelt in eine Wahrnehmung, in einen Körper in der Sinnenwelt, durch diese [sic] soll eine freie Handlung möglich sein. Er muss artikuliert sein, aus der Artikulation folgt die Organisation und wird an Obige[s] angeknüpft, denn die Artikultion kann, da der Leib ein bloß Gefundenes - Natur - ist, nichts anderes sein als Produkt eines bloßen Naturgesetzes. Und wir erhielten eine Natur, welche reelle[s] Ganzes[s] eines artikulierten Leibes bildet, welches die Organisation ist. -
*) [bestimmendes?]

 
Nota.
- Das 'höchste Ideale' ist nicht die Tathandlung, das sich-selbt-Setzen des Ich, indem es ein Nichtich setzt: das ist das elementar Ideale; sondern ist die Aufgabe für das sich-selbst-gesetzt-habende Ich, sich zu begrenzen. Ohne diese käme keine sinnliche Welt alias Natur und schon gar keine ideelle, kein Reich des Intelligiblen, keine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' zustande. Zu dieser Aufgabe wurde zunächst aufgestiegen; konstruktiv, spekulativ. Im zweiten Gang - Abstieg - wird dazu das sinnliche Material aufgesucht.
Dies ist nicht der Gang der wirklichen Vorstellung: 'gemeines Bewusstsein'. Das ist der Gang, in dem die Wis- senschaftslehre das gemeine Bewusstsein rekonstruiert und auf seine Vernünftigkeit prüft!
JE


Überblick. Wir gingen zu Anfang des Paragraphen aus davon: Es müssen in den letzten Gliedern unserer Synthesis (Reich der Vernunftwesen und von der anderen Seite eine feste Natur) wieder in wechselseitiger Bestim- mung sein. Da beide in //237// einem Bewusstsein vorkommen, muss das Reich der vernünftigen Wesen durch das Reich der Natur hindurch erblickt und bestimmt werden et vice versa. Das vernünftige Reich erscheint daher als Teil der Natur, als Naturprodukte und Objekte, in wiefern sie sinnlich sind.

Umgekehrt: Ist etwa auch durch unsere Operation auch die Natur wieder bestimmt worden? Ja! Wir haben vor der Hand gefunden, dass wir besondere Naturobjekte anschauen, da sie uns vorher als ein Ganze[s], ein Nicht-Ich erschien. Jetzt erscheint sie uns als System einzelner reeller Ganze[r], weil wir vernünftige sinnliche Wesen unseres Gleichen annehmen mussten.

7. Es folgt noch mehr, es wird noch etwas ganz anderes in der Natur realisiert. Alle diese Teile nämlich, aus welchen wir den Leib zusammensetzen, gehören zusammen und machen nur in ihrem Zusammenhange ein Ganzes aus. Diese Ganzheit ist bloß Resultat der Wirksamkeit der Natur; sie ist es, die diese Teile zu einem Ganzen gemacht hat. 

Was heißt das? Der Körper eines Vernunftwesens außer uns ist notwendig teilbar ins Unendliche, wie sich aus dem Begriff der Materie versteht, alle sind Teile der Natur. Jeder Teil ist demnach durch sich selbst gesetzt, hat in sich den Grund seines Bestehens, und machen nur in der Verbindung ein Ganzes aus; außerdem sind sie gar nichts (aus dem Begriffe der Artikulation zeigt sich dies). Dies, dass die Teile beisammen sind und nur durch die Verbindung etwas sind, ist durch die Natur so, nicht etwa durch Kunst, da jeder Teil zu betrachten ist als durch sich selbst gesetzt und nur in der Verbindung etwas sein soll, so liegt der Grund dafür in den Teilen selbst. Jeder Teil ist so beschaffen, dass er ohne die übrigen nicht bestehen kann, und alle übrigen nicht ohne diesen einigen. 

Dieses Gesesetztsein der Natur, dieses Gesetz der Natur nennt man Organisation, und einen solchen Körper mit solchem Zusammenhange nennt man organisiert. Alle Teil der Natur können nur, insofern sie alle beieinander sind, bestehen, //238// nicht ohne einander. Dass das so ist, davon liegt der Grund in den Teilen oder in der gan- zen Natur selbst. Das ganz Universum ist auch ein organisiertes Ganze[s] - wie der Leib eines Vernunftwesens. Es ist es notwendig, weil einzelne organisierte Ganze möglich sind; welche bloß durch die gesamte Kraft der Natur möglich sind, sie sind bloß Produkt der Organisation des ganzen Universums.

 

Nota.
- Nein, auch hier lässt sich Fichte nicht zu Aussagen darüber hinreißen, was oder wie 'die Natur' oder 'das Universum' an sich sind. Es heißt nur: in unserer Vorstellung sind Natur und Universum nur möglich durch die Vorstellungen von Artikulation, Organisation und Selbstorganisation - und jene nur durch diese. (Soviel zu den Mystifikationen ad "autopoietische Systeme".)
JE

8. Sonach wäre unsere Aufgabe gelöst, denn beide Bestimmbaren an beiden Enden der Synthesis sind durch einander bestimmt. Das Individuum der Vernunftwelt wird demnach in die Sinnenwelt hineingesetzt und eins mit ihr in einer gewissen Rücksicht. Umgekehrt erhält die Sinnenwelt ein Analogon der Freiheit, id est es kommt in sie der Begriff eines Hervorbringens, eines Erschaffens; es ist aber Erschafffen nach bestimmten festen Regeln. 

Notabene den Weg, wie wir zum Resultate gekommen sind. Wir sind bloß von einem Ende, von der idealen Rei- he ausgegangen und sind von diesem unvermerkt zum anderen, zu der Bestimmung der Sinnenwelt gelangt. Der Analogie nach hätten wir glauben sollen, wir würden von beiden Gliedern β und B einzeln haben ausge- hen müssen, beide untersuchen, und nun erst in der Mitte ein X finden, in dem sie zusammengetroffen hätten [sic]

Dies war nicht nötig, da das hier Gedachte Gesetz der Wechselwirkung ist, in welchem ein Ineinandergreifen der wirkenden Glieder liegt, so dass man von einem aufs andere kommt, wenn man es nur richtig fasst. Von der anderen Seite hätten wir nicht fortkommen und unser Ziel nicht erreichen können. So konnten wir es, weil Freiheit und Selbsttätigkeit das Erste und Höchste ist, von dem die Versinnlichung in der Sinnenwelt sich leicht zeigen lässt.

Es ist eine Wechselwirkung, die wir aufgestellt haben. Zuvörderst: Die Vernunftwelt steht mit sich selbst in Wechselwirkung, id est vernünftige Wesen wirken auf einander ein, oder transzendental: In jedem Individuum ist etwas, weshalb es auf Vernunftwesen außer sich schließen muss. Ebenso steht die Sinnenwelt mit sich selbst in Wechselwirkung, denn das aufgestellte Gesetz der Organisation ist bloß //239// Zusammenwirken aller Naturkräfte im Universum.

Die Vernunftwelt steht in Wechselwirkung, die Sinnenwelt und beide Welten stehen mit einander in gegensei- tiger Wechselwirkung und erscheinen so: Zuvörderst in artikulierten Leibern greift Natur und Freiheit in einan- der vermittelst der Freiheit des Individuums, und so wirkt Freiheit in die ganze Natur. Umgekehrt, die Natur bringt erst artikulierte Leiber hervor und produziert auf dem gemeinen Standpunkt Ver- nunftmöglichkeit und greift ins Reich der vernünftigen Wesen ein.

Dadurch ist unsere Synthese  geschlossen, und da alles, was im Bewusstsein vorkommt, sie enthält, so ist unsere Aufgabe vollständig gelöst und unsere Arbeit vollendet.

Nota.
- Der strenge Beweisgang war hier nicht nötig, weil dieser Gedanke ja schon im Gesetz der Wechselwirkung enthalten war - Setzt er hier nicht voraus, was er uns erst noch zu beweisen hatte?
Nein, denn dass in 'der Natur' wirklich ein Gesetz der Wechselwirkung herrsche, wird ja gar nicht behauptet. Behauptet wird lediglich, dass man sich weder 'die Natur' noch ein Verhältnis von sinnlicher und Vernunftwelt vorstellen kann, ohne sie sich in Wechselwirkung vorzustellen. Dass nämlich das Bestimmen des Vorgestellten anders als durch Entgegensetzen nicht geschehen kann, ist längst zur Prämisse der Darstellung geworden. Vermittelst der Freiheit des Individuums greifen Freiheit und Natur in einander und von da aus in die ganze Natur. Es ist Transzendentalphilosophie und keine spekulative Metaphysik.
JE




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