S. 130-139



[Der Begriff von Kraft] ist kein bloß sinnlicher und kein bloß intelligibler Begriff, sondern beides zum Teil. Der Stoff, die Willensbestimmung ist intelligibel, die Form aber, in welche meine Sinnesbestimmung fällt, die Zeit, ist sinnlich. Er ist die Brücke zwischen der intelligiblen und sinnlichen Welt, das, wodurch das Ich heraus- und zu einer Sinnenwelt übergeht.

Durch ihn stellt sich das Ich vor sich selbst als Objekt hin und knüpft sein Bewusstsein an eine objekive Welt. So werde ich mir zu einem Objekte, zu einem Gegenstand der Wahrnehmung, und an die Objektive knüpft sich mir eine Sinnenwelt an; von da geht alle Ansicht der Welt aus. 

Darin lag der Fehler aller bisherigen Philosophen, dass man diese Erkenntnis als übersinnlich ansah; da doch unser Bewusstsein von der Wirklichkeit anhebt.
________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 131








Die sinnliche Kraft in Beziehung auf unser Denken ist zuförderst ein Begriff, der aber nicht entsteht durch Anschauung eines Objekt, sondern durch das Denken des Mannigfaltigen in einer gewissen Verbindung. Kraft ist daher ein synthetischer Begriff, sie wird nicht angeschaut, sondern gedacht. Wenn ich das Mannigfaltige des Gefühls, das zufolge des Wollens entstehen soll, zusammenfasse, so bekomme ich den Begriff von Kraft.
________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 131


Nota. - Die Vorstellung der Wirkung alias Kausalität kommt zustande, indem zwischen die Anschauung von Vorher und Nachher unversehens eine Kraft hinzugedacht wird. Gedacht, nicht angeschaut. Kausalität kommt nicht als Erfahrungstatsache vor, sondern als metaphysische Spekulation.
JE









Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen ist, verhält sich zu dem mir angemuteten Handeln, wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mit gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft ge-fasst werden, wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an die gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen; er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungs-kraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunftwesen ist eine einzige durch Freiheit bedingte Kette. Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich Viele bearbeitet und ist das Resultat von der Einwirkung Aller. Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher-/gehende bedingt, aber nicht bestimmt und wirklich gemacht. (vid. Sittenlehre) Die Freiheit besteht darin, dass aus allen möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
_________________________________________________ 
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.


Nota.  "Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln." Ist das eine Vorhersage ex ante? Oder ist es eine Interpretation ex post? Wo befinden wir uns: Ganz am Anfang der "Kette", und er verspricht uns erst: So wird es sein? Oder schon mittendrin in der Kette: Wir haben schon ein ganzes Stück Weges geschafft und können schon annehmen: Hier geht es weiter zum Vernunftzweck...? – Das eine ist die dogmatische Verkündigung einer (schon jetzt) prästabilierten Harmonie, für die er eine Berechtigung nicht nur nicht nachgewiesen, son-dern nicht einmal problematisch reklamiert hat. Das andre ist eine Art Pascal'sches pari: Ich will so handeln, als ob es Vernunft wäre, dann werde ich wenigstens vernunftmäßig gehandelt haben.



Oder mit den Worten des Manns ohne Eigenschaften: "Ich schwöre Ihnen", erwiderte Ulrich ernst, "dass weder ich noch irgendjemand weiß, was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern, dass es im Begriff steht, verwirklicht zu werden!" "Sie sind ein Zyniker!" erklärte Direktor Fischl und eilte davon.
JE






Was heißt sich denken, sich etwas denken? Die Art, wodurch die Noumene zu Stande kommen, ist das sich denken? Das Intelligible in das Sinnliche hineinsetzen als Vereinigungsgrund heißt: sich etwas denken. Das bloß Gedachte ist nicht in der Erfahrung, sondern wird erst durch das Erfahrene hineingetragen.
________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 137


Nota. - Das Sinnliche ist das schlechterdings Mannigfaltige. Jedes Einzelne ist eine Welt für sich, ein Monade, die so, wie sie vor dir liegt, nichts mit irgendeiner andern Monade gemeinsam hat. Es 'ist' nicht einmal dieses-und-kein-anderes: Es begegnet dir nur als ein flüchtiger Moment in einem unendlichen Erlebnisstrom: ein Phänomen. Um es als dieses zu fixieren, musst du es aus dem Strom herausgreifen - und ipso facto zu den anderen Diesengesellen, die du vorher schon herausgegriffen hattest. Und siehe, schon hast du ein Intelligibles in ein bislang nur Sinnliches hineingesteckt.

Und das war erst der Anfang.
JE




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen