S. 180-189

Ich fand in dieser Hinsicht mich unter anderm mich selbst als bestimmbar durch Freiheit. Diese Bestimmbar-keit meiner selbst oder Aufforderung zum freien Wollen ist genommen für ganz einerlei. Meine Individualität geht heraus aus dem Maße der ganzen Vernunft; daraus geht wieder hervor eine Tätigkeit in einem Momente, diese Individualität erscheint als Aufforderung zum freien Handeln, die Individualität wird mir gegeben durch diese Aufforderung.
Individualität = [ist gleich] der Aufforderung zum freien Handeln.

Ist dies wahr? Was heißt Aufforderung zur Freiheit? Es ist ein Begriff, der, wenn er Kausalität hätte, eine Handlung des freien Wollens hervorbrächte. Es wird in Verhältnis gesetzt Begriff und Handlung des freien Wesens, in das Verhältnis der Dependenz, so dass erstere die Handlung veranlassen soll. Dies ist aber möglich, darum haben wir es nur hypothetisch gestellt. Sieht man darauf, dass es ein anderes Individuum sei, so ist dies/ ein Begriff jenes Individuums gehend auf das aufgeforderte [Individuum]; es ist dies ein Begriff, in welchem dies letztere mit liegt. Dieser Begriff soll nicht Kausalität haben, denn sonst wäre er mechanische Bestimmung; aber hypothetisch wir es gedacht.

(Dergleichen Begriffe, in denen eine Kategorie angewendet wird und auch nicht, werden wir mehrere bekom-men. Die Kategorie wird bloß angewendet, um die Sache denken zu können. So hier: Die Regel, mit einem Gesetzten etwas Entgegengesetztes zu denken, ist kausal, aber das hier Entgegengesetzt ist frei, und insofern findet der Begriff der Kausalität hier nicht statt, aber könnte es stattfinden, so würde es so oder so sein; die Regel eines solchen Denkens wird bloß angegeben.)

Diese Aufforderung würde der Realgrund einer freien Entschließung sein, sie würde zwischen dem Bestimm-baren und dem Bestimmten das zwischeninnenliegende [sic] Bestimmende sein. Aufforderung und Bestimm-barkeit sollen zugleich sein, letztere heißt Möglichkeit eines Bestimmens, nicht der Grund , dass sie erfolge oder nicht. Sie ist bloß die allgemeine Sphäre, aus der die Bestimmtheit hervorgehen kann – in der Aufforde-rung soll nicht der entscheidende Grund, sondern bloß der Erklärungsgrund sein. –

In der Aufforderung wird etwas gesetzt, was in der bloßen Bestimmbarkeit nicht gesetzt wird. Sonach bestätigt es sich nicht, dass die Aufforderung und die Bestimmbarkeit eins sei. Aber wir setzen hinzu, diese Bestimmbar-keit solle auch nur als Bestimmbarkeit gesetzt werden und als nichts anderes: bloß unter der Bedingung sei der Satz wahr, und nur unter dieser Bedingung sei es möglich, dass im Bewusstsein gar nichts weiter vorkomme als dieses; dass dadurch das ganze Bewusstsein gefüllt sei. Dass nur unter dieser Bedingung die Bestimmbarkeit mit der Aufforderung eins sei, ergibt sich.
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S. 179f.



Nota. – Das ist nun eine der vertrackteren Stellen bei F. Das liegt in der Sache selbst; Aufforderung zur Freiheit erscheint wie ein Paradox: 'Du sollst frei handeln' – wenn ich dem folgte, handelte ich unfrei.

Es ist nun eben so, dass Freiheit nicht in den Begriff passt. Sie ist nicht bestimmbar, denn sie ist das Postulat unendlicher Bestimmbarkeit. So weit sie vorstellbar ist, ist sie eine Idee, die schlechthin praktische Idee, und das heißt: nur als Aufgabe zu denken.

In den Begriff passt das nur, indem er ächzt.

JE


Denn so gewiss dieses X Bestimmbarkeit oder Aufforderung nur begriffen wird, so  gewiss wird frei gehandelt; selbst durchs Widerstehen äußert sich die Freiheit. Ich finde mich hier notwendig als etwas Bestimmbares, zum Handeln zu Bringendes. (Bestimmbarkeit qua forma) –

Bestimmbarkeit ist nicht zu denken ohne Bestimmtheit; beides, voneinander getrennt, sagen nichts. Das ist verständlich, aber nicht einleuchtend, jetzt wollen wir es deutlicher auseinandersetzen.


Ich begreife die Aufforderung  was heißt das, was liegt in der Aufforderung?  Folgendes! Ich fasse den Begriff, habe die Erkenntnis, dass in einem Begriff eines andern Vernunftwesens gerechnet ist auf mein Handeln, und dass, wenn dieser Begriff Kausalität hätte, ein bestimmtes Handeln durch mich erfolgen würde. Der andere hat einen Begriff, der mein Handeln beabsichtigt; aber doch kann er mich nicht als Sache gebrauchen.

Es enthält dieser Begriff:

A) Ich selbst werde darinne gedacht;
B) ein Accidens von mir, mein freies Handeln. 

Sonach finde ich durch den bloßen Begriff dieser Aufforderung sowohl mich selbst als mein freies Handeln; letzteres als ein bloß Mögliches und Gedachtes. Ich finde mich durch den andern gedacht als handelnd. Deswegen handle ich noch nicht wirklich.

Du fragst mich heißt: Du willst von mir eine Antwort, ich verstehe diese Frage heißt: Ich weiß, was für eine Handlung die ist, die du willst, dass ich sie vollziehen soll. Hierdurch bin ich noch nicht zu Ende, denn hier erscheine ich mir immer noch als ein Bestimmbares, noch nicht als ein Bestimmtes. 

Dies hat keinen Sinn; so gewiss also noch gedacht wird, ist dies das Bestimmte zu diesem Bestimmbaren. Aber warum soll etwas dazugedacht werden, warum soll das Bewusstsein nicht geschlossen sein? Es soll gezeigt werden, warum an das Bewusstsein ein anderes angeknüpft wer-de und wie ein laufende Reihe entstehe; dies haben wir ganz bestimmt und scharf hier.
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 S. 181






Nota. - Ob ich eine verneinende Antwort gebe oder die Frage ignoriere, läuft real oder 'objektiv' auf dasselbe hinaus, nicht aber ideal oder 'für mich': In dem einen Fall bin ich auf dem Weg der Bestimmung meiner selbst einen Schritt vorangekommen, aber nicht in dem andern. (Zur Erinnerung: Es geht nicht darum, kausal zu erklären, weshalb eine 'laufende Reihe' des Bewusstseins entstehen musste; sondern zu verstehen, wie das aufgefundene Faktum des wirklichen Bewusstseins möglich geworden ist.)

JE




So gewiss ich die Aufforderung begreife, finde ich mich als Subjekt,mit dem Prädikate der zu findenden Frei-heit. Was heißt das, ich finde mich? (Durch bloße Analyse muss die Notwendigkeit des Anknüpfens gezeigt werden.) Was müsste ich denn erkennen, um das sagen zu können?

Ichheit besteht in der absoluten Identität des Idealen und Realen, sie ist eine Intelligenz außer dem entstehen-den Bewusstsein nur für den Philosophen, aber wie wird sie für das Ich, das wir konstruieren? Wie kommen wir dazu, den absolut unmittelbaren, den ersten Punkt desselben aufzuzeigen?

Jetzt ist die Rede vom Formalen. Ich finde mich, heißt: Das Ideale und Reale wird gefunden als identisch. Oder: es erscheint mir im Denken ein Sein durchs Denken, und durchs Sein ein Denken; durchs Denken entsteht ein Sein heißt: ich denke, und es wird. Dadurch wird also der Wille ausgedrückt, der denn doch ein bloßes Denken ist, und in dem sich durch diese Synthesis des Denkens mit dem Sein das Denken in die Erscheinung des Wollens verwandelt. 

Aus diesem hervorgebrachten Sein folgt ein anderes Denken. Ich nehme das Sein unmittelbar wahr, z. B. meine Hand bewegt sich, heißt: Ich denke meine Hand als bewegt und sie bewegt sich. – Ich will meine Hand bewe-gen: heißt, ich denke meine Hand als durch unmittelbare Wahrnehmung und Willkür bewegbar. Den Unter-schied dieser zwei Denkungsarten aufzuzeigen ist hier unser Zweck. 

Worterklärungen des Willens sind bekannt genug, z. B. das Wollen ist Denken eines Zweckbegriffs; Denken eines objektiven Begriffs; das erste ist ideales, das letztere ideales Denken. Das Denken des Zwecks ist Denken des Übergangs der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit; das Denken der Bestimmbarkeit ist ein Schweben zwi-schen mannigfaltigen entgegengesetzten Reflexionsmomenten. 

Im Denken des Zwecks gehet man eben zum Denken des Bestimmten aus diesem Bestimmbaren über; es ist also das Denken des Zwecks ein freies Denken; die Bestimmbarkeit ist lediglich für mein Denken, und ihre Form ist ein unfixiertes Schweben zwischen mannigfaltigen Reflexionsmomenten; das Wollende ist auch das Denkende, durch welches zu-/erst dieses Schweben fixiert und in einem einzigen Punkt kontrahiert wird. Es wird zu einem bestimmten Denken übergegangen. Wird auf die Bestimmtheit abgesehen, so ist das Ich gebun-den, und es ist ein objektives Denken, mit dem ein Gefühl verbunden ist. Wird hingegen auf die Freiheit im Bestimmen gesehen, so erscheint es als ein Wollen. Das Denken eines Zwecks und das eines Objekts sind eigentlich dasselbe, nur von verschiedenen Seiten angesehen.
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 S. 182f. 



Nota. – Das Ich ist 'an sich' nur für den reflektierenden Philosophen. Für sich, nämlich seiner-selbst bewusst, kann auch das Ich nur durch Reflexion werdenEs handelt zuerst real, dadurch entsteht ihm ein Sinnliches, aber 'es selbst' entsteht ihm erst, wenn es sich denkend auf den Handelnden zurückwendet. – Das kann es nur durch Freiheit; und kann wohlbemerkt auch darauf verzichten.

Nota II. – Lediglich ein Wollen entsteht aus der Synthesis mit dem Sein, nicht etwa ein real Seiendes!
JE


Wie sind denn diese beiden Ansichten verschieden – 1) in Rücksicht auf dich selbst und deine Freiheit, 2) auf die Bestimmtheit im Denken (die auch von deiner Freiheit herkommt, ohne dass du darauf reflektierst) –?  

So ist es für uns, die wir philosophieren, wir sehen die Identität des Denkens und des Seins ein, aber das hilft uns noch nichts. Wir müssen dieselbe Ansicht dem untersuchten Ich unterlegen als eine ihm notwendige. Das Ich sieht sich an in dieser doppelten Rücksicht. Es verknüpft mit der Vorstellung, dass die Hand sich bewegen solle, die, dass sie sich bewege; aber daraus entsteht nicht die Vorstellung, dass in meinem Willen der Grund liege, dass die Hand sich bewege. Es liegt nicht darinnen die Vorstellung eines Kausalverhältnisses zwischen dem Willen und der Wahrnehmung.

Für uns liegt wohl diese Vorstellung drin, da wir wissen, dass beide im Grund nur ein und dieselbe Vorstellung sind; aber wir müssen das auch für das wirkliche Ich beweisen. ...

Mit dem Denken ist unmittelbar Bewusstsein desselben verknüpft. Also das Denken des Zwecks von einer Seite, des Objekts von der andern ist beides ein Denken mit Bewusstsein, welches letztere dasselbe ist und in demselben Momente, denn ein Zweck ist nicht zu denken ohne reales Objekt und umgekehrt. In dem Bewusst-sein des Denkens von beiden sind offenbar beide verknüpft, denn sie können nicht diskret gedacht werden, denn dann wird keines gedacht.

Von diesem vereinigten Denken geht das andere Denken aus, wir wollen es das synthetische Denken nennen. In diesem Denken denkt sich das Ich als sich selbst bestimmend, welches auch nicht getrennt werden kann, es ist – Ich für sich selbst. – Es ist hier ein Denken des Objekts und des Zwecks, beides ist verschieden, liegt aber notwendig zusammen in Einem Bewusstsein, dieses letzere heißt das synthetische Denken.
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 S.183f.


Nota. – Ein Sich-selbst ist nicht anders möglich als in der Reflexion. Ist sie 'notwendig' oder 'durch Freiheit möglich'?
JE


Alles Denken als ideale Tätigkeit geht auf ein Objekt des Denkens überhaupt, welches ist denn nun das Objekt dieses synthetischen Denkens? Nichts anderes als ich selbst in meinem Denken Ich denke, 1; ich sehe mir selbst hierbei zu, 2. Letzteres ist das synthetische Denken; in diesem Denken wird das beide [=zwiefache?] erste Denken in einem Moment des Bewusstseins zusammengegriffen. 

Dieses Denken ist sonach eine intellektuelle Anschauung und das Gedachte etwas Intelligibles, das durch das Denken selbst ist. Es gehört sonach unter das reine Denken, wovon wir sagten, sich etwas denken. Dahingegen das Denken des Objekts  das Objekt dieses Denkens ist das reale und ideale  etwas durch Sinnlichkeit vermitteltes ist.
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 S. 184 


Nota. - Krauses Ms. ist an dieser Stelle nicht einfach zu entziffern. Ich habe die Interpunktion gewählt, bei der ich mir was denken kann.

Nota II. -Die ideale Tätigkeit = Denken 2. Ordnung, begleitet allezeit jede reale Tätigkeit = Denken 1. Ordnung. Abstra-hieren wir davon, nehmen wir alles Denken nur als ideales, so geht es nicht auf diese oder jene (reale) Tätigkeit, sondern auf Tätigkeit überhaupt. Dies ist aber meine Tätigkeit: Ich sehe mir dabei zu. Dies doppelte Denken: mein Denken meiner Tätigkeit und mein Zusehen dabei, macht das Synthetische daran aus. Noch ist aber von allem Realen abstrahiert, eine Vermittlung mit Sinnlichem kommt nicht vor. Das Objekt ist ein rein Gedachtes, Noumen. Dieses Denken ist intellektuelle Anschauung. (Besser krieg ich's nicht hin; vielleicht bei anderer Gelegenheit.)
JE



Das Ich ist nichts aus einem Mannigfaltigen der Vorstellungen Zusammengestoppeltes. Aber doch von einer Seite ist es wahr, der Fehler dieser Behauptung liegt lediglich in der Einseitigkeit. Denn das ideale und reale Denken wird im synthetischen vereinigt, also muss es doch ein solches verschiedenes Denken geben (darauf stützt sich jene Behauptung), aber beides ist einerlei Denken. 

Dieser scheinbare Widerspruch führt uns zu dem wichtigen Resultat: Beides, das verschiedene und vereinigende Denken sind selbst eins und voneinander unzertrennlich, das verschiedene [Denken] wird durchs synthetische [Denken] nicht bloß vereinigt, sondern erst getrennt, ohne vereinigt werden zu können. 

Aber wie soll es getrennt sein? Zweierlei Denken an sich kanns nicht geben! In der Vereinigung wird es getrennt und in der Trennung vereinigt, beides ist nicht zu trennen.
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 S. 184 



Nota. - Hegel meinte abschätzig, die Wissenschaftslehre sei 'nichts als Reflexionsphilosphie'. Doch nur durch die Doppeltheit unseres Vorstellens, das einerseits Bilder setzt und in der Anschauung zugleich darauf reflektiert, ist eine dialektische Darstellung der Bewusstseinstätigkeit überhaupt nötig; und möglich.
JE


Es ist in mir ein erstes ursprüngliches Bewusstsein = A, dieses wird zufolge der Duplizität des Geistes doppeltangesehen = B+C, aber C wird selbst wieder doppelt angesehen: A wäre die Masse des Denkens, die Synthe-sis (denn die Wissenschaftslehre stellt immer lautere Massen auf, in jedem Momente ist ein Mannigfaltiges) B soll sein das Denken meines Denkens, das mittelbare Bewusstsein meines Denkens. C soll sein das, dessen ich mir bewusst bin. Beide sind A; die Teilung kommt bloß von der ursprünglichen Duplizität, der Subjektobjektivi-tät.

C erscheint selbst doppelt, als ideales Denken eines Zwecks, reales Denken eines Objekt = X+Y. B ist in Be-zug auf C trennend, vereinigend beides. – A ist in Beziehung auf B und C auch trennend und vereinigend; wir haben also eine ganze Masse von Mannigfaltigem. Deswegen haben wir dieses Denken synthetisch genannt, das Ich wird zwischen beides hineingesetzt als vereinigend.

Allein dieses Denken muss sie erst verschieden darstellen, also auch analytisch sein. Die Analyse geschieht durch den Denkakt, der hypothetisch notwendig ist, selbst aber auf der Freiheit beruht. 
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 S. 184f. 




Wie verhält sich nun das entgegengesetzte Denken? Als Bestimmbares und Bestimmtes, aber dies gibt sukzes-sive Zeitreihe, also durch dieses Denken der Analysis in einem Moment entsteht erst die Zeit. Wir sehen also genetisch mit an, wie die Zeit entsteht, und dass sie ideal ist. 

Dies gehet freilich schwer ein, dass wir uns erst in die Zeit hineindenken. Deswegen: Ich soll mich in die Zeit denken, dies kann ich ja nicht, ohne in der Zeit zu sein. Allein wenn man so sagt, hat man gar nicht von der Zeit abstrahiert, man denkt das oberste Denken in die Zeit, welches nicht recht ist, denn das Übersinnliche ist nicht in der Zeit, und eben deswegen können wir es nicht denken, sondern bloß daraus erklären; hier kanns aber überraschend jedem klar werden.

Alles mein Denken, durch das ich mich eigentlich konstruiere, ist das Denken eines Ichs, in dem ein Mannig-faltiges liegt, nämlich Zweckbegriff und Handeln. Dieses wird erstens durch mein Denken unterschieden, also zweitens dadurch in ein Verhältnis gesetzt, in welches? In das der Bestimmbarkeit und Bestimmtheit oder De-pendenz, id est das Verhältnis in der Zeit: Das Bestimmbare geht dem Bestimmten voraus, der Zweck-/begriff geht dem Wollen voraus. -

Ist wirklich erst Entschluss als Wille [aufzufassen]? Bedeutet wirklich Wahrheit vor der reinen Vernunft [sic], so ist die Antwort: Nein, Wollen un Deliberieren und das Verhältnis, in das ich sie setze, ist alles bloß Erschei-nung; mein Bewusstsein geht nicht aus von Wollen, Zweckbegriff und Wahrnehmung eines Objekts, sondern es geht von allen aus, ist alles, in der Erfahrung erst trenne ich es.


Der einfache Lichtstrahl fällt in ein Prisma und liefert verschiedene Farben. Niemand sagt, der Lichtstrahl sei diese Farben, sondern er sei einfach und durchs Prisma zerstreut. So lässt man sich wohl auch gefallen, wenn man von der Idealität des Raumes redet, aber wenn man in die Zeit hereinkommt und einsehen soll, auch da ist ein einfacher Strahl, der in keiner Zeit ist, ist auch nur so ein Prisma, nämlich unser sinnliches Vorstellungsver-mögen, durch das die Ausdehnung in der Zeit entsteht. Allein dies muss man begreifen.
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 S. 185f. 



Nota. - Es ist nur zu gut vorstellbar, dass die Unsicherheit der Formulierungen auf die Irritation des mitschrei-benden Hörers zurückzuführen ist. F. wird sich bestimmter ausgedrückt haben. Ob es dabei besser verständlich war? – Für heute sei festgehalten: Die Wissenschaftslehre gibt ein Modell der Vernünftigkeit, das als solches außerhalb von Raum und Zeit liegt. Es soll aber das Schema der Vernünftigkeit von empirischen Menschen sein, die ihrerseits vor allem andern in Raum und Zeit sind. In die tatsächliche Vernünftigkeit lebender Menschen müssen Raum und Zeit also irgendwie hineinkommen können. Für den Raum hat F. das schon gezeigt (S. 110-119). 
Warten wir also die folgenden Lektionen ab, wie es ihm mit der Zeit gelingt.


Zum Beispiel die Begebenheiten in der Welt hängen zusammen wie Ursache und Wirkung, zugegeben! In dem Begriffe der Kausalität liegt schlechthin keine Zeit, denn das Bewirkte ist absolut mit der Ursache zugleich; auchmechanisch gedacht. 

Denn entsteht denn eine Verknüpfung erst hinterher nach der Ursache? Nein, wenn der Finger eindrückt, entsteht die Grube. Alles, was ist, ist Bewirktes der Ursache und gleichzeitig mit ihr. Was ist diese Ursache? wieder Bewirktes, und so fort in Ewigkeit. So entsteht keine Zeit, alles ist ein Schlag. 

Woher kommt denn also die Zeit, die wir denn doch wohl haben? Daher, wir können das Bewirkte und Bewirkende nicht auf einmal denken, man geht von einem zum andern fort, hier gibt das Denken die Zeit. Auch dies nicht einmal, sondern das ursprüngliche Anschauen des Denkens, eine Analyse der gemachten Begriffe liefert die Zeitverhältnisse.
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S. 186

Nota. - Durch die Unterscheidung von Ursachen und Wirkungen entstehen Vorher und Nahher. Zu einer Zeit gehörte jedoch auch eine Dauer. Die entsteht so nicht.


Der Anfang alles Bewusstseins ist Analysis und Synthesis zugleich, und durch letzteres entsteht ein Mannigfaltiges. Ein erster Moment des Bewusstseins, der dafür erkannt wird, kann nicht sein, denn alles ist immer ein Stück. Ein Kind kommt in dem Moment X zum Bewusstsein, das wäre der erste Moment; es findet sich wollend, es kann dies nicht erklären ohne ein Moment Y vorauszusetzen; für Gott ist es der erste, aber nicht für das Kind. Dieses müsste wieder Z voraussetzen und so fort. 

Kein Mensch weiß, wann er stirbt. Dies ist klar, wir denken immer mehr Zweckbegriffe. Aber kein Mensch hat auch gewusst, wann er anfange. – Das Bewusstsein ist überhaupt in keiner Zeit, nur sie hat Anfang und Ende; die ganze Zeit ist bloß Ansicht, die dadurch entsteht, dass wir ans erste angenommene Wollen ein anderes als Erklärendes anknüpfen; und auch vorwärts etwas anknüpfen, was darauf folgen soll.
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S. 186f.



Nota. - Dass auf Jetzt Nichts folgen soll, ist uns ebenso wenig vorstellbar, wie dass vor Jetzt Nichts gewesen sein soll. Zeit ist nur im Bewusstsein, und im Bewusstsein ist Alles in der Zeit. 'Das Bewusstsein ist überhaupt in keiner Zeit'? Nur in der Zeit gibt es Bewusstsein, doch außer dem Bewusstsein ist keine Zeit, also kann es nicht darin sein. Ach, das ist ein Kreuz! Sie sind eben durch einander.
JE

In den folgenden Lektionen wendet F. sich vom Thema Zeit ab. Er kehrt erst später wieder darauf zurück. Als Nachtrag zu meinem gestrigen Kommentar daher hier zunächst dies:


Nicht ein 'Faktum Zeit' muss die Wissenschaftslehre erklären, denn sie ist keins. Faktisch leben wir, wie wir seit hundert Jahren wissen, in einem Kontinuum, das wir erst in unserer Vorstellung in Raum und Zeit zerlegen. Wie diese Zerlegung möglich wurde, hat die Wissenschaftslehre zu rekonstruieren. Dass sie sich lebenspraktisch bewährt hat, ist offenkundig.


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