Samstag, 3. Juni 2017

§ 14.

// S. 152//

§ 14

Ein Gefühl ist mir nur möglich, inwiefern im System der Sensibilität eine Veränderung vorgeht, und aus dieser entsteht eine objektive Erkenntnis. Diese aber ist nicht möglich außer infolge eines Handelns, in wiefern ich mich als Ursache denke. Ich denke mich aber als Ursache, wenn ich das Mannigfaltige des Erfolgs beziehe auf das reine Wollen. Dieses Wollen ist ein ursprünglich Bestimmtes, nicht aber ein empirisch Bestimmtes oder Bestimmendes; ein reines Wollen, inwiefern es sich als Sollen äußert.

Nun muss das Wollen, wodurch die Veränderung  der Gefühle als etwas Empirisches hervorgebracht werden soll, selber ein empirisches sein, denn die Bestimmtheit der Gefühle wird erklärt aus der Bestimmtheit des Willens. Aber wenn der Wille nicht auf solche Gefühle bezogen wird, so ist kein Wille. Mithin erklärt der reine Wille nichts. 


Unsere Aufgabe ist jetzt: Wie wird der reine Wille zum empirischen?

Nota.
 - Es wird nicht behauptet, zuerst hätten die Menschen einen reinen Willen, danach würde er durch mannigfaltige dialektische Operationen zu einem empirischen. - Hier geht es immer um die Erklärung des Bewusstseins aus der wirklichen Vorstellungstätigkeit. Das Grundschema ist immer dies: Ich finde mich als dieses oder jenes tuend oder getan habend. Ich muss daraus schließen, dass ich es gekonnt habe. Diese Anschauung wird mir zum Begriff eines Vermögens. So muss der wirklich Wollende seinem wirklichen Wollen die Fähigkeit zum Wollen voraussetzen: Die konkrete Vorstellung ist nicht ohne die reflexive Hpostase der abstrakten Vorstellung "möglich"; d. h. möglich ist sie schon, solange ich nicht denke; wenn ich aber denke, muss ich so denken.
 JE

//153//
Vorläufige Erläuterung durch Beispiele.

1) Ich schiebe ein Objekt im Raume fort, dieses Fortschieben bemerke ich, d. h. das Objekt kommt jetzt in diesen, dann in einen andren Ort usw.. Das Objekt wird durch nichts bestimmt als durch meine Wollen, alle Ortsbestimmung bezieht sich auf mein Wollen, und nur dieses ist absolut. Alles Erkennen und Werden im Raume hängt von meinem Willen ab. Wenn dies nun so ist, so muss mein Wille selbst sich auf diesen Raum beziehen, der Raum aber ist etwas Empirisches. Der Raum kann nur in der Erfahrung da sei. Nun soll aber der reine Wille der Erfahrung vorausgehen, er reicht also zu einer empirischen Erklärung nicht aus

2) Ein Zweckbegriff ist nur durch objektive Erkenntnis möglich, diese aber nur unter Voraussetzung eines Zweckbegriffs. Dieser Zirkel ist nur halb gelöst; ein Zweck ist wohl aufgestellt, aber kein sinnlicher. Wie wird nun der ursprüngliche Zweck versinnlicht, oder wie bezieht er sich auf die Sinnenwelt? Würde die Frage erhoben, um eine Sittenlehre aufzustellen, so hieße sie: Wie erhält das Sittengesetz Anwendbarkeit? Vide Fichtens Sittenlehre. 

Es ist uns hier um die Ableitung der Weltbegriffe zu tun; diese sollen vom reinen Willen abgleitet werden, dieser ist aber dazu nicht brauchbar, weil er eben rein ist.


Das Denken als solches, als sich Etwas Denken, ist das Mittelglied zwischen dem Intelligiblen und der Sinnen- welt. Durch das Denken sonach müsste der reine Wille versinnlicht werden, und zwar nicht nur so, dass etwas Objektives in demselben zugleich mitgedacht würde, sondern auch, dass er lediglich durchs Denken zu einem empirischen Willen würde.

Nota. 
- Nur durch Denken wird reell dem empirischen Wollen ein reiner Wille zugrunde gelegt. Aber hier wird von der Tatsache der Bewusstheit ausgegangen, also erscheint das Bedingungsverhältnis umgekehrt.
JE  

Was gedacht wird, kommt unter die Gesetze des Denkens. Nun sind wir uns nicht der Gesetze des Denkens bewusst; dieses Bewusstsein gibt uns erst die Philosophie.

Der reine Wille ist als Idee gedacht worden; wird er nun gedacht oder nicht? Wird er überhaupt nicht gedacht, so können wir nicht davon sprechen; wird er aber gedacht, so fällt er in die Gesetze des Denkens und wird sinnlich.

Der reine Wille wird betrachtet seiner Form nach als Übergehen, als Bestimmtheit, der eine Bestimmbarkeit entgegengesetzt wird; wodurch das Ich Individuum wird. Dies ist aber //154// nur eine formelle Versinnlichung, es könnte aber auch sein, dass er materialiter versinnlicht und empirisch würde; dies ist aber hier eine bloße Voraussetzung.

Vorläufige Untersuchung

1) Ist der Zustand des Ich vor allem [als] Gefühl, Anschauung und Denken zu schildern, als das Eigentlich, das a priori ist? Dadurch wird nichts wirklich bedeutet, es ist eine Idee (eine Hilfslinie), etwas Vorauszusetzendes, um zu erkären, was eklärt werden soll. Die Schwierigkeit dabei ist, dass wir nur nach den Gesetzen des Den- kens denken können. Wir müssen also von allem abstrahieren, wovon wir können, und ihn nur in sofern in die Form des Denkesn aufnhehemen, als wir müssen.

Nota I.
 - Während er sonst 'Idee' als Projektion auffasst, fasst er sie hier als Hypostase
Nota II.
 - Dies schält sich immer mehr als die eigentlich Black box, als das wirkliche Problem der Wissenschafts- lehre heraus und ist uns bereits unter dem Titel 'Denkzwang' begegnet: Was hat es mit den 'Gesetzen des Denkens' auf sich?  Es ist der harte Kern der Frage: Liegt die Vernunft der vernünftigen Tätigkeit zu Grunde oder ist sie deren Produkt? Die erste Antwort ist offenbar dogmatisch, die zweite kritisch und transzendental; und übrigens pragmatisch. Fichte hat zunächst zwischen beiden Möglichkeiten geschwankt - bis er schließlich, aus eigentlich außerphilosophischen Gründen, doch die erstere, dogmatische Auffassung zurückbehielt.
Fassen wir Vernunft als etwas auf, was sich im allgemeinen (öffentlichen =) kritischen Verkehr als ihr irreduzibler Kern herausbildet, ist sie übrigens a priori sinnlich. Nur in der Reflexion kann sie als rein(er Wille) gedacht werden.
(Fichte muss schließlich zur Plausibilisierung seines dogmatischen Vernunftbegriffs zum schwindelerregenden Postulat eines Normalsvolks greifen, das 'von Anfang an' Vernunft gehabt hätte (von wem? Dreimal dürfen Sie raten!) und durch die Zufälligkeiten der Geschichte über die ganze Welt zerstreut wurde; weshalb es heute in jedem Land ein paar Vernünftige gibt, die die andern 'auffordern' können.
 
(Die evolutionsbiologische Herleitung unserer Vorstellungsmöglichkeiten wirkt dagegen kleinlich und prosaisch; aber auch nüchtern.)  
JE

Mein Wille ist ursprünglich bestimmt, diese Bestimmtheit meines Willens macht meinen wahren Charakter als Vernunftwesen aus. Diese Bestimmtheit kann auf zweierlei Arten angesehen werden: 

1) als Wille der Form nach, als Tendenz, als etwas, zufolge dessen etwas anderes gefordert wird; 2) als ein Sein, als Beschaffenheit meiner selbst, insofern ich das Wollen betrachte als Objekt einer Anschauung, die wir zwar noch nicht haben, auf die wir uns aber doch hier beziehen müssen, um etwas denken zu können. Der Charakter des Wollens ist ein Fordern außer dem Wollen; dies außer dem Wollen kann hier noch nicht erklärt werden.

In diesem Wollen nun in der letzten Rücksicht ist nun mein ganzes Sein und Wesen bestimmt für einmal in alle Ewigkeit. Ich bin nichts als ein so Wollendes, und mein Sein ist nichts als ein so-Wollen. Dies ist die ursprüngliche Realität des Ich, dies geht aus allen unseren Untersuchungen hervor; denn nur ein reines Wollen ist fähig, unmittelbares Objekt des Bewusstseins zu sein. 

Aber als Wollen können wir es nicht bezeichnen, denn es sind keine Objekte da, auf welches es sich beziehen soll; als Sein auch nicht, denn es ist kein Bewusstsein da, für welches es sein könnte. 

Einwurf: Aber im Ich ist ja ideale und reale Tätigkeit vereinigt, das Wollen kann sonach auf ideale Tätigkeit bezogen werden. Antwort: Dies ist unmöglich, da ideale Tätig-//155//keit unter dem Gesetz steht, nur teilweise aufzufassen, oder weil die endliche Intelligenz nur diskursiv ist. Das Aufgezeigte ist nun mein ganzer Zustand, dieser kann also auch nur teilweise aufgefasst werden. Das Fühlen, Anschauen, Denken der Intelligent ist nur ein Übergehen von einem zum anderen. Nun ist eber ein Übergehen nicht möglich, wenn es nicht in dem entstehenden Mannigfaltigen Glieder gibt (die oben aufgezeigten Gefühle), die nur auf einmal aufgefasst werden können. -

Wenn unser Zustand ein einmal aufgefasst würde, so würde nicht übergegangen, und so würde nichts Ganzes aufgefasst. Was ist nun das Ganze dieses Zustandes? Nach dem soeben Gesagten ist es Synthesis des Wollens und des Seins, Beziehung beider auf einander, welches beide nicht zu trennen ist.

Ein einzelner Teil aufgefasst und auf den Willen bezogen bedeutet Befriedigung, aber da es nur ein einzelner Teil ist, auch Beschränktheit. Also [meine] Kausalität und Beschränktheit werden unzertrennlich sein. Dadurch, dass es Kausalität ist, ist es etwas für uns, denn wir können uns nur im Wirken anschauen; dadurch, dass es begrenzt ist, wird es ein Fühlbares, Anschaubares, Denkbares, ein Quantum.* Mein wahres Sein ist Bestimmtheit meines Wollens; dadurch ist nun auch mein ganzer Zustand bestimmt, denn Zeit, Fortgehen in der Zeit, ist nur zu Folge unseres Denkens. Ich werde nicht in der Zeit, ich bin auf einmal fertig für immer. Dieses ganze Sein wird aufgefasst in der Zeit, und dadurch wird erst für das Denken ein Werden in der Zeit.

Das Gefühl ist Affektion unserer selbst, es wir im Gefühle uns etwas angetan; es muss also etwas in uns sein, dem es angetan wird, und dies ist unser Handeln, aber es ist für uns nichts ohne Beschränktheit, und Beschränktheit nicht ohne Handeln, daraus besteht nun das Fühlbare. Durch das Handeln ist es für uns; dadurch, dass es beschränkt ist, ist es Gegenstand des Gefühls. Alles unser Bewusstsein geht aus von einer Wechselwi kung des Handelns und der Beschränktheit, beides ist beisammen, und dies ist das Objekt des Gefühls.

//156// Bei dieser Affektion darf man nicht denken an Zeit, sondern es ist unser Zustand. Ich bin bestimmt ursprünglich. Es ist Sein, und zwar beschränktes Sein, dies fasse ich auch nur auf eine beschränkte Weise auf. Überall ist Tun und Beschränktheit. - Das Gefühlsvermögen ist ideal, es ist der Ursprung alles Anschauens, von ihm kommt erst alles unser Denken in der Zeit.
*[Quantum ist alles Begrenzte, Verhältnismäßige; aber nicht unbedingt Menge im Raum; JE]

 Nota. 
- Wirklich ist, was in Raum und Zeit geschieht. Ich, Wollen, Denken, Handeln sind Noumena; gedacht allein, um das Wirkliche in Raum und Zeit als sinnhaft verstehen zu können. Ausgngspunkt der Darstellung war aber das Vorstellen selbst  und ihr Fortschreiten. So muss es scheinen, als wären die Noumena an sich und vor aller Zeit 'da' - und fielen erst dann in Raum und Zeit. - So fasst es das dogmatische Bewusstsein auf, das unsern Alltag regiert, und diese Verkehrung aufzudecken ist Sinn und Zweck der Kritischen bzw. Transzen- dentalphilosophie, denn der Ort dieser Verkehrung ist das empirische Ich: Es hält sich für ein Objekt, wo es sich für ein Subjekt halten sollte. Und das ist der Sinn, den es aufzufinden galt.
  JE

Anmerkung: Aus einer usprünglichen Beschränktheit, aus welcher die besonderen Gefühle hervorgingen, war schon oben die Rede. Wir nannten es unseren Zustand überhaupt, wir redeten auch von einer Veränderung in diesem Zustande. Dies sehen wir hier weit bestimmter ein. 

Die reale Tätigkeit ist beschränkt durch unser Wollen, durch die Individualität, darüber können wir hinausdenken und denken vernünftige Wesen außer uns hinzu. Die ideale Tätigkeit ist beschränkt, und unser Zustand kann nur allmählich und zwar in bestimmten Massen aufgefasst werden. Durch die letzte werden wir etwas für uns, durch die erste bestimmen wir uns durch Vernunftwesen außer mir. Dieses in die äußere Anschauung aufgenommen, gibt uns die Sinnenwelt. Das Mannigfaltige in mir und das Mannigfaltige außer mir stehen in Wechselwirkung.

Jedes Einzelne in mir wird bestimmt durch das Übrige in mir und umgekehrt. Alles aber kommt her aus dem absoluten Sein und aus dem absoluten Beschränktseins im Auffassen dieses Seins. In realer Rücksicht bin ich nicht alles, in idealer kann ich, was ich bin, nicht auf einmal auffassen.

Nota.
 - Ein absolutes Sein - das hatten wir noch nicht. Hier ist aber lediglich gemeint das als absolut gedachte Sein des Ich, das dem realen Ich als reines Wollen vorausgesetzt wird.
JE

2. Jetzt, da das eigentlich Reale in Absonderung aufgestellt worden ist, soll gesprochen werden von dem Idealen in Rücksicht auf dasselbe, nämlich auf unseren Zustand.

Eine solche ideale Tätigkeit, die auf etwas schon Vorausgesetztes geht, heißt Reflexion.

A) Die Reflexion ist schlechthin frei in der Wahl des Mannigfaltigen, auf welches sie geht, es ist kein absoluter Grund da, warum sie dies oder jenes wähle. 


(Ich bin da nach meinem ursprünglichen Sein, darauf soll reflektiert werden; durch die Reflexion und die Ge-//157//setze,  an welche die Reflexion gebunden ist, wird mein Sein ein Mannigfaltiges.

Das Reflektieren ist Ich und zwar ideales Vermögen, welches durch die oben aufgezeigte Bestimmung des realen Ich nicht bestimmt ist. Aber es ist Charakter der Ichheit, sich schlechthin selbst zu bestimmen, absolut Erstes, nie Zweites zu sein; die Reflexion ist also absolut frei. Diese absolute Freiheit der Reflexion ist selbst etwas Übersinnliches; in der Gebundenheit, nur auf Teile und nur auf solche [?] Teile reflektieren zu können, tritt erst das Sinnliche ein. Hier ist der Vereinigungspukt der übersinnlichen und sinnliche Welt angegeben.

Die in dieser Reflexion entstehende Bestimmtheit ist Abbildung meiner selbst im Kleinen, aber kein Ich ohne absolute Freiheit, sonach muss auch diese darin vorkommen.

Diese Freiheit der Reflexion ist auch auf der andern Seite empirisch, und ein empirisches Ich ist nur möglich durch diese Freiheit; das Wesen der Empirie besteht in diesem allmählichen Auffassen und Hinzusetzen (dies ist sinnlich). Aber in diesem Auffassen und Hinzusetzen besteht die Freiheit (dies ist übersinnlich). Wir haben hier die Synthesis der Freiheit und der Empirie der Reihenfolge, eins kann ohne das andere nicht sein. Das Intelligible ist nur, in wiefern es zur Reihenfolge hinzugedacht wird, um das Mannigfaltige in ihr zu vereinigen; die Reihenfolge ist nicht möglich ohne die Freiheit, da sie erst durch die Freiheit der Reflexion zu Stande kommt.

Hier haben wir den wahren Entstehungspunkt des Bewusstseins, die Freiheit der Reflexion.

Nota.
 - Das 'eigentlich Reale' ist unser 'Zustand'. Das ist einmal ein klares Wort. 'Ideal' ist meine Reflexion auf denselben. Reflektieren kann ich auf meinen Zustand aber nicht als auf ein Ganzes, ich löse ihn auf in Mannig- faltige, diese müsste ich eines nach dem andern auffassen und eins zu den andern hinzufügen: Das ist das Em- pirische (also eigentlich Sinnliche) daran; aber welches von den Mannigfaltigen ich wähle und ob ich überhaupt wähle, ist Sache meiner Freiheit, und die ist das Intelligible daran. (Will sagen: In welche 'Teile' und in 'wieviele' ich meinen 'ganzen Zustand' vermannigfaltige, ist Sache meines Wollens.) 
F. scheint die Freiheit hier aber nur auf die 'Reihenfolge' beziehen zu wollen. Ich glaube hierin Kants transzendentale Synthesis wiederzuerkennen. Unklar bleibt mir: Frei bin ich in der Wahl, in welche und in wieviele Mannigfaltige ich meinen ganzen Zustand zerlege. Aber mein ganzer Zustand soll es am Schluss der Reihenfolge doch wieder werden, nicht wahr? Welches ist das Kriterium? Und liegt auch dies in meiner Freiheit?
JE

B) In dieser freien und absolut höchsten Reflexion erscheine ich mir als wollend. Diese Reflexion erscheint mir nicht als solche, sondern als Wille. 

Oben wurde gesagt: Das Objekt der sinnlichen Wahrnehmung müsste uns vorkommen als etwas unabhängig von unserer Reflexion Vorhandenes. Hier ists gerade umgekehrt. Hier wird die Reflexion als solche nicht gesetzt noch von ihrem Objekte abgesondert gedacht; sonach erscheint hier nur das Objekt, und zwar als Teil meines Zustands, also als Teil meines reinen Wollens. Es kommt sonach vor ein Wille und nichts //158// anderes, also ich finde ein reines Wollen; dies ist nun völlig das oben beschriebene reine Wollen selbst.

Resultat: An sich, das heißt, wenn das Bewusstsein vom transzendentalen Gesichtspunkt völlig erklärt wird, will ich nicht in der Zeit und mein Wille ist nichts Empirisches, wohl aber reflektiere ich in der Zeit auf meinen reinen Willen, und zwar mit absoluter Freiheit in Absicht auf die Folge in diesem Willen, und diese Reflexion selber wird mir zum empirischen Wollen in der Zeit.

Jene freie Reflexion ist bestimmt das, was man Freiheit der Willkür, auch Freiheit der Wahl nennt. Sie ist etwas selbst durch das Denken Hervorgebrachtes, aber ein notwendiger Gedanke. Man muss sie daher  nicht für eine Täuschung erklären oder darüber hinausgehen wollen, weil man über dien Gesetze des Denkens nicht hinausgehen kann. 

Nota I.
 - Verstehe ich das richtig? An sich ist mein Wille rein. Aber sobald ich auf ihn reflektiere, fällt er in die Zeit, und meine Reflexion ist absolut frei in Hinblick auf die Wahl der erwünschten Folge. Es ist diese Wahl, die meinen Willen zu einem empirischen macht. Muss ich etwas wählen? Ich bin doch frei! Kann ich das Wählen unterlassen?
Nota II.
- Doch dies ändert sich dadurch nicht: Das Ich, von dem hier die Rede ist, ist ein Noumenon, ein lediglich meiner empirischen Person als deren Sinn Hinzugedachtes. Ich muss nicht klären, wie meine empirische Person zu einem noumenalen Ich wurde - das hat die Wissenschaftslehre bereits in ihrem ersten Gang besorgt. Jetzt muss ich einsehen können, wie es möglich wäre, dass ein solches als rein Gedachtes empirisch wird.
JE

Also ist es auch möglich, dass die ideale Tätigkeit nicht auf einen Punkt gerichtet sei? O ja. Die Reflexion ist frei in der Wahl dessen, worauf sie geht, und ist überhaupt frei, zu reflektieren oder nicht. Aber dies ist erst möglich, wenn schon reflektiert worden ist in der Zeit, Wunsch und Deliberieren sind nur möglich, inwiefern gewollt worden ist; das Bewusstsein hebt mit dem Wollen an. 

Nota.
- Fichtes Projektionsfläche ist der Raum. Soll das reine Wollen wirklich werden, muss es sich in den Raum werfen - und dort ist es kein Punkt, sondern eine Richtung, denn es will wirken. Irgendeine Richtung muss es nehmen, nolens volens. Da es frei ist, kann es die eingeschlagene Richtung - und jede folgende andere - verwer- fen. Die Enthaltung vom Wollen ist ein Willensakt, und nicht einmal ein leichter. 
JE

Unsere Frage war: Wie ist empirisches Wollen möglich? Auf das Wollen wird einzeln oder teilweise reflektiert; dadurch ist nun erst ein Teil unserer Frage beantwortet. Unsere ganze Frage war nach der empirischen Bestimmtheit des Willens durch ein Objekt; sonach ist die Frage noch nicht ganz beantwortet. 

3. Das reflektierte Wollen oder Reflexion, die nach dem Obigen als ein Wollen erscheintn, soll nur ein Teil unseres reinen Wollens sein. Der Teil soll sonach von allem anderen möglichen Wollen unterschieden sein, und nur durch diesen Unterschied wird das Wollen ein bestimmtes Wollen für die Reflexion.

//159// Ein Wollen unterscheidet sich von einem anderen Wollen durch das Objekt, worauf es geht, denn der Form nach (das Wollen als Wollen) ist alles Wollen gleich. Mithin ist die postulierte Reflexion auf den reinen Willen nicht möglich ohne Kenntnis der Objekte. Woher nun diese Erkenntnis? Dies ist nun wieder die alte Frage nach dem Zweckbegriffe. Ich kann nicht wollen, ohne ein Objekt zu wollen.

(Wir, die wir schon Bewusstsein haben, können ein verschiedenes Wollen unterscheiden, weil wir schon Kenntnis der verschiedenen Objekte haben; hier sind wir aber beim Anfange alles Bewusstseins [vide Naturrecht].)


Lösung der hier sich aufdrängenden Schwierigkeiten.

A) Nach N° 1 dieses Paragraphen ist mit dem Willen als solchen schon ein Sein verknüpft, sonach ist mit der Reflexion auf den Willen auch die Reflexion auf ein Sein (d. h. auf ein Objekt) verknüpft. Beides, Sein und Wille, ist eins, nur angesehen von verschiedenen Seiten, bezogen auf die verschiedenen Gemütskräfte. (Ich will X, in sofern geht mein Gedanke auf etwas außer mir. Ich will X, in sofern geht er auf mich.)

Auf das erste, das Wollen (das unter B beschriebenen empirische Wollen) geht ein bloßes reines Denken, und dies ist das einzige reine Denken, was im wirklichen Bewusstsein vorkommt. Auf das zweite, das Sein, geht eine Anschauung und mit dieser auch das Denken, denn keine Anschauung ist ohne Begriff; dies ist aber kein reines, sondern objektives Denken. Denken und Anschauung sind notwendig vereinigt, und in dieser Vereinigung entsteht die Vereinigung des Denkens und Wollens selbst im Ich. Sonach sind Sein und Wollen notwendig verknüpft.

Aus der Anschauung entsteht das Sein unserer selbst. Dieses Sein, auf welches die Reflexion geht, ist das reine Wollen selbst, und hier inbesondere das reine Wollen, in wiefern es angeschaut wird. Hier ist aber offenbar die Rede von einer äußeren Anschauung, denn die Form der inneren Anschauung, die Zeit, ist nur Form des Intelligiblen. Die //160// Form der äußeren Anschauung ist der Raum, und das Objekt derselben ist notwendig Materie im Raume, mithin würde dieses Sein Materie im Raume, und mit der Reflexion auf den Willen wäre eine Anschauung des materiellen Seins notwendig verknüpft.


Das reine Wollen ist vor allem empirischen da, und was wir anschauen, ist das reine Wollen selbst - unter der Form der sinnlichen Anschauung erblickt. Ein Sein, das durch das reine Wollen bestimmt ist und Materie im Raume ist, das die ursprüngliche Kraft unseres Wollens selbst ausdrückt, ist unser Leib, in wieferen er Werkzeug ist. 

Unser Wollen in der Zeit ist schon aufgenommen in die Form des Denkens. Nun ist unser empirisches Wollen von der Art, dass durch dasselbe etwas unmittelbar da sein soll (z. B. ich kann durch bloßen Willen unmittelbar meine Hand oder meinen Fuß bewegen). Aber mein empirischer Willen ist nichts als ein Denken meines reinen Willens, sonach müsste durch meinen reinen Willen meine Hand oder mein Fuß in meine Gewalt gekommen sein; es ist also mein reiner Wille selbst in der Form der äußeren Anschauung, als Materie im Raum.

Der scharf bestimmte Begriff des Leibes ist: Mein Leib ist das, was in der bloßen Gewalt der Willkür steht (sofern er artikuliert ist). Der transzendentale Begriff des Leibes ist: Er ist mein ursprüngliches Wollen, auf- genommen in die Form der äußeren Anscheuung.

Ich und mein Leib, ich und mein Geist heißt dasselbe. Ich bin mein Leib, in wiefern ich mich anschaue; ich bin mein Geist, in wiefern ich mich denke. Eins aber kann ohne das andere nicht sein, und dies ist die Vereinigung des Geistes mit dem Leibe.

Nota.
- 'Unser Leib, in wiefern er Werkzeug ist'... Werkzeug wofür? Werkzeug zur Vernunft: Der Zweck, das Pragma der Wissenschaftslehre sei nie vergessen - die Vernunft begreiflich zu machen. In Hinblick auf diesen Zweck erscheint das reine Wollen als 'vor dem empirischen da'; als ein substanzielles Vermögen, das am Objekt erst zu realisieren ist. Und do erscheint mein Leib, was immer er unter Gottes weitem Himmel sonst auch noch sein mag, allein als Werkzeug meines Willens.
Ich muss die Vernunft nicht erklären. Aber wenn ich es tue, muss ich es so machen.
Wer eine bessere Erklärung hat, soll es nur sagen.
JE

Resultat: Mit der Reflexion auf das reine Wollen ist Anschauung eines Objekts (meines Leibes) verbunden, von der Wahrnehmung desselben (des Leibes) geht alle sinnliche Wahrnehmung aus.

Nota.
- "Alles Bewusstsein ist sinnlich".
Aus der Abstraktion, von der die Wissenschaftslehre (in ihrem 2. Gang) ausgegangen ist - nämlich vom Ich -, folgten weitere Abstrakta. Langsam konkretisiert sich nun das Bild, und wir gehen zur Sinnlichkeit über: Nur in der Vorstellung des Philosophen beginnt das Bewusstwerden beim Ich. Der Bewusstwerdende selbst beginnt beim Wahrnehmen des eigenen Leibes.
JE

B. Wenn wir zu unserer Hauptaufgabe zurückkehren, so werden wir sehen, dass noch nichts gewonnen ist. Unser Leib ist die ursprüngliche Darstellung unseres ganzen ursprünglichen Wollens, aber es kann nur teilweise darauf reflektiert werden. Wie ist das möglich? Durch meinen reinen Willen //161// ist mein Sein auf eins gegeben, aber ich kann nur teilweise darauf reflektieren. Wenn ich auf meinen ganzen Willen auf einmal reflektieren könnte, so würde die Reflexion auf meinen ganzen Leib damit verknüpft; aber ich kann das erste nicht, sonach kann ich auch das zweite nicht.

Die Schwierigkeit, mit der wir hier zu kämpfen haben, ist die: Ich bin im Reflektieren frei; aber mein Reflektieren ist ein Herausgreifen aus der Masse, sonach ein Begrenzen. Aber ein Begrenzen mit Bewusstsein ist nicht möglich, ohne dass ich etwas über die Grenze hinausliegendes Angenommenes kenne; dies ist aber nicht möglich, mithin auch die Reflexion nicht. Die Schwierigkeit ließe sich nur so heben: Die Begrenztheit müsste sein, ohne dass ich sie durch Reflexion hervorbrächte, sie müsste ein ursprünglich Gefundenes sein, ein ursprüngliches Gefühl.

Nota.
- "...so werden wir sehen, dass noch nichts gewonnen ist": Das hören wir immer wiedermal in seinem Vortrag. Es bedeutet nur, dass das Entwerfen des Gesamtmodells des vernünftigen Bewusstseins nicht Stück für Stück, durch schrittweises Aufhäufen positiv bestimmter Bausteine geschieht, sondern dass spekulativ die Bedingungen aufgesucht werden, unter denen ein Gesamtmodell möglich würde; und eine jede gilt nicht für sich, sondern nur unter der Prämisse, dass das Gesamtmodell wirklich zustande kommt; also hypothetisch, bedingt, "problematisch". Sollte am Ende das Gesamtmodell doch nicht gelingen, war alles vergeblich und entfällt. Das heißt: Gültig wird es erst zum Schluss, aber dann 'ganz und auf einmal'. Nicht die Einzelnen begründen das Ganze, sondern das Ganze rechtfertigt die Einzelnen; damit sie es begründen können. >
Nota II.

  - Ob etwas aber ein Ganzes ist (d. h. sein soll) oder nur ein Teil, ist Sache der Reflexion - nämlich ihrer ersten und einfachsten Form, der Anschauung.
Nota III.
Das verbreitete Missverstehen der Wissenschaftslehre als eine Entstehungsgeschichte des Bewusstseins liegt daran, dass Fichte, wenn er von Bewusstsein redet, selbstverständlich das vernünftige Bewusstsein meint; er sagt es nur nicht, weil es tautologisch wäre. Doch 'vernünftig' ist hier Substanz, 'Bewusstsein' Akzidens. Die Wissenschaftslehre ist das artikuliert-lebendige Modell der Vernunft. Mit der Entstehung der Bewusstseine beschäftigt sich die Psychologie. 
JE

Anmerkung. Bis in den vorigen Paragraphen stiegen wir von unten herauf zum Intelligiblen, jetzt ist der Weg umgekehrt. 

Wir haben gesehen: Denken ist nicht ohne Anschauung, nun müsste bewiesen werden, dass Anschauung nicht ohne Gefühl sei. Wir haben allenthalben etwas Ursprüngliches gefunden beim Denken, das reine Wollen; beim Anschauen des Materiellen, beim Gefühl dürfte nun wohl auch etwas Ursprüngliches sein?


Schon oben wurde gesagt: Ich bin ursprünglich bestimmt; im System der Sensibilität muss eine Veränderung hervorgehen. Hier ist die Frage, wo kommt diese Veränderung her?
 
Diese Veränderung kann ich nicht hervorbringen; denn ich könnte sie nur hervorbringen nach einem Begriffe von ihr, den habe ich aber nicht, sie müsste sonach von außen hervorgebracht worden sein, aber dann wäre sie nicht für mich, sie wäre Ding an sich. Es müsste daher so sein, dass ich die hervorbrächte und auch nicht, beides müsste zusammen sein. Dass sie von außen hervorgebracht würde, wäre Beschränktheit, dass ich sie hervorbrächte, wäre Tätigkeit. Die Aufgabe wäre sonach, Beschränktheit und Tätigkeit zu vereinigen.

Veränderung an sich ist nichts, sondern sie entsteht nur für ein diskursives Denken. Mein reines Sein verändert sich gar nicht, und doch kommt der Begriff der Veränderung im Bewusstsein vor, und insofern entsteht eine Zeit. 
 
α) Ich nehme einen bestimmten Zustand meiner selbst wahr, ich beziehe diesen bestimmten Zustand auf meinen ganzen Zustand, auf das ganze mögliche System meines Seins. Also allem Mannigfltigen in mehreren Zeitmomenten liegt ein Entgegengesetztes in einem Momente zu Grund.

β) Nun liegt in jenem Systeme meines Seins das Substrat desjenigen, das jetzt insbesondre auf eine bestimmte Weise wahrgenommen wird, mit darin und wird mit dem Ganzen zugleich gesetzt. Dasselbe Substrat X wird sich also entgegengesetzt und auf sich bezogen, sonach gesetzt in verschiedener Rücksicht.


Das passendste Beispiel dazu ist mein Leib; ich haben kein Total gefühl desselben (hier ist nur von dem artiku- lierten Teile desselben die Rede). Ich fühle nur einzelne Gleider, und durch Beziehung derselben auf eineinader bekomme ich erst einen Begriff vom Ganzen. Ich nehme nur wahr, in wiefern Veränderung da ist. Ich fühle nur, in wiefern ich einen Teil im Verhältnisse zum Ganzen verändere.

Ich kann meine Hand nur wahrnehmen, in wiefern ich sie in eine gegen das Ganze verschiedene Lage bringe. Aber Bewegung ist nur in Beziehung auf Ruhe möglich. - Ruhe ist der Terminus a quo; wenn ich meine Hand bewege, so muss ich sie denken als sille gelegen habend. Die Hand wäre hier das Substrat, Ruhe und Bewegung die beiden Rücksichten, die unzertrennlich sind.



Nota.
- "Es ist hier nur vom artikulierten Teil desselben die Rede": Das ist keine opportune Einschränkung; nur der unterliegt meinem freien Willen, nur der kommt also in Hinblick auf das System der Vernunft in Betracht. Gefühle mag ich auch am Blinddarm haben, aber den kann ich nicht 'von innen' beeinflussen, sondern nur durch Inanspruchnahme ärztlicher Kunst und Wissenschaft 'von außen'.
Wäre wie Wissenschaftslehre, wie viele meinen, eine Entwicklungslehre 'des Bewusstseins', dann wäre es allerdings verwegen, "das Gefühl" grundsätzlich aus der 'Beschränkung meiner realen Tätigkeit' zu erklären; der Blinddarm meldet sich auh gern, wenn einer gar nichts tut. Die Wissenschaftslehre ergründet, 'was Vernunft ist'; da spielt der Blinddarm nicht systematisch eine Rolle, sondern schlimmsten Falls eine akzidentielle.
JE

γ. Woher nun die verschiedenen Rücksichten desselben Substrats X? Sie müssen aus Gesetzen des Denkens hervorgehen, wenn die Philosphie transzendental sein soll. Mithin bleibt die Fragen: Woher die doppelte Ansicht von X aus den Gesetzen des Denkens?

δ. Sie ist eine ursprüngliche, keine erworbene; aber das einzige Ursprüngliche ist der reine Wille. Es müsste sonach eine doppelte Ansicht des reinen Willens selbst geben - eine solche ist oben aufgezeigt worden. Im reinen Willen liegt Wollen, Kraft und Beschränktheit; wenn es nun diese doppelte Ansicht wäre, worauf sich die Reflexion auf den bestimmten Zustand gründete, so müsste in dieser Reflexion das Wollen und die Be-//163// schränktheit vereinigt sein. Es müsste möglich sein, dasselbe X meines Zustandes in demselben Momente als seiend und nichtseiend, als völlig entgegengesetzt anzuschauen, doch so, dass eins ohne das andre nicht möglich wäre.


Es kann nur auf eine Begrenztes reflektiert werden, wo soll dies herkommen? Die Schwierigkeit ist die: wo im ursprünglichen Objekte der Reflexion, im reinen Willen ein Mannigfaltiges sein könne. Wir haben die bestimmte Antwort: Es ist ursprünglich auch Begrenztheit, so ursprünglich wie der reine Wille selbst, auf diese Begrenztheit wird der reine Wille auf mannigfaltige Weise bezogen, und in dieser Beziehung wird er selbst ein Mannigfaltiges.

Die Sache der Reflexion ist lediglich diese Beziehung auf diese Synthesis. Sie kann nun geschehen oder nicht, so oder anders, und so ist der oben aufgestellte Satz: Ich bin frei, in dem Mannigfaltigen zu reflektieren, auf welches ich will, verständlich. Durch diese Reflexion wird der wille auf die Begrenztheit bezogen, auf mannigfaltige Weise, und ihr entstehen die mannigfalitgen Objekte. Die Reflexion ist lediglich ein synthetisches Vermögen.

Dies ist ein wichtiger Satz für das Ganze. Alles empirische Wllen, Denken etc. beruht auf dieser Synthesis des reinen Wollens und der ursprünglichen Beschränktheit. Beides ist dem empirischen Bewusstsein gegeben, vor allem Bewusstsein da; aber die Synthesis ist nicht ursprünglich, sondern hängt von der Reflexion ab.

Nota.

- Die Reflexion bringt nichts Neues hervor, sie ist lediglich synthetisch und fügt zusammen, was in irgendeiner Hinsicht ursprünglich zusammen war. (Produktiv ist die Einbildungskraft, sie ist real; was sie hervorbringt, kann analysiert und wieder zusammengefügt werden.) Dass Beschränktheit des reinen (!) Willens ursprünglich da sein muss, damit die Philosophie transzendental bleiben kann, beweist aber nicht, dass sie wirklich da ist. Wir wollen hoffen, dass er uns auch das noch demonstriert, sonst möchte die Philosophie womöglich aufhören, transzendental zu sein, und wir hätten us vergeblich angestrengt. 
JE

ζ. Nur in wiefern es möglich ist, mich in verschiedener Rücksicht  anzusehen, ist Bewusstsein möglich. Das unter δ Aufgestellte: Ich muss mich in derselben Rücksicht setzen als seiend und nicht seiend, muss wahr sein, denn es ist die Bedingung des Bewustseins. 

Mein reines Wollen ist anschaulich dargestellt in meinem Leibe, dieser ist die sinnlich Kraft, und diese müsste es sein, die sich anschauen ließe in verschiedener Rücksicht. Ich müsste //164//dasselbe X wollen oder (synthe- tisch betrachtet) tun können, was ich in anderer Rücksicht nicht wollen, nicht (in synthetischer Hinsicht) tun könnte. Also meine ganze sinnliche Kraft müsste angesehen werden können in doppelter Rücksicht. Dies gäbe eine inneres und ein äußeres Organ, und beide müssten in dem Verhältnis stehen, dass mit dem einen geschähe, was mit dem anderen nicht geschehen könnte.

Alles, was ich wahrnehme, alle Objekte sind nichts anderes als etwas meine Wirksamkeit Hinderndes, aber dass meine Wirksamkeit gehindert sei, weiß ich nur, inwiefern sie für mich vorhanden ist. Durch das äußere Organ ist sie nicht da, aber durch das innere wird sie nachgeahmt. (Ich kann nichts hören, außer in wiefern ich den Ton innerlich nachahme.)

Hierauf gründet sich alle Wahrnehmung.


Nota.

- Es ist wirklich nicht immer leicht, ihm zu folgen. kann nichts hören, außer in wiefern ich den Ton innerlich nachahme." Ich kann nichts sehen..., kann nichts riechen..., kann überhaupt nichts fühlen, "ohne dass ich..."?!

Sollte er es etwa so gemeint haben: 'Objektiv' sind lediglich elektrochemische Meldungen meiner Sinneszellen an meine Neuronen; hören, sehen, riechen und irgendetwas fühlen kann ich überhaupt nur, weil das Zusam- menspiel der Neuronen mir diese Eindrücke vor stellt - ?

JE

Wie verhält es sich mit der ursprünglichen Reflexion, die aller anderen vorauszusetzen ist? Antwort: Ich reflektiere auf mein Wollen; dies erscheint mir als Tun; und dies mein Wollen ist möglich und nicht möglich. Möglich innerlich, nicht möglich äußerlich. Innerlich und äußerlich heißt das innere und äußere Organ, welches selbst nichts anderes ist als meine Kraft, angesehen in doppelter Hinsicht. 

Wollen und Tun ist einerlei. Wollen ist es, wenn es bloß gedacht wird, Tun ist es, wenn es nur angeschaut wird. Hier erhalten wir die Auflösung der Frage: Wie ist unsere Kausalität, unsere Wirksamkeit in der Sinnenwelt möglich? Wollen und Wirken ist nichts als Wollen. Die Wahrnehmung unserer Wirksamkeit ist nichts als die Wahrnehmuung unseres gedachten reinen Wollens.

Alles unser Wirken ist nichts als Denken, das Einzige, was wir mit Freiheit vermögen, ist das Denken, denn wir sind nichts anderes als Intelligenzen.

Ich kann nicht wollen, was nicht wird; alles, was ich kann und nicht wirkliche tue, will ich nicht, sondern es ist ein bloßer ohnmächtiger Wunsch.



Nota.

- Sofern ich unter Ich ausschließlich das Vernunftwesen an oder in mir verstehe - sofern ich nämlich ein Modell der Vernunft entwerfen will -, kommt unter all dem, was ich als empirische Person wirklich tue, nur mein Denken in Betracht, denn das allein ist frei und kann daher Vernunft begründen.
JE.
 
//165// Kant hat die Frage, wie unsere Wirksamkeit möglich sei, auch beantwortet: "Das Begehrungsvermögen ist das Vermögen, durch einen Begriff Ursache von einem Objekte zu werden." Er hat aber nicht gesagt, woher es kommt.

Dozent nimmt Begehren in einem andren Sinne und setzt es dem Wollen entgegen als das bloß ideale Denken des Wollens. Bei Kant aber ist das Begehrungsvermögen der genetische Begriff des Wollens und der Willkür.

4) Ich, das Reflektierende, beschreibe innerlich, was ich äußerlich nicht kann, und danach wird erst für mich eine Wahrnehmung. Wie erhalte ich nun diese Erkenntnis des Nichtkönnens? Dies weiß ich durch Gefühl. Aber woher kommt denn das Gefühl? Gefühl ist Affektion meiner selbst, aber nicht in der Zeit. Es sind nicht Dinge, die in diesem Momente so und in einem andern wieder anders einwirken; dies wäre transzendent. Das Gefühl oder das Gefühlsvermögen ist die unmittelbare Beziehung der Beschränktheit unseres Willens auf die Reflexion. 

Der Wille ist ursprünglich beschränkt, und dadurch wird er ein Wille. Diese Beschränktheit ist aber nicht für das Ich, und das Ich ist nicht für sich, das Ganze Idee [sic]. Jetzt aber tritt Reflexion ein, und zwar die absolut freie Reflexion, diese strebt, auf den Willen in der Totalität in beiden oben angegebenen Richtungen zu reflektieren. Dies kann sie aber nur in der einen Rücksicht, im inneren Organ, beschreiben. Die Reflexion ist das in der Zeit Beschränkte, und die unmittelbare Äußerung dieser Beschränktheit ist das Gefühl.

Ich fühle, in wiefern ich empirisch bin. Das, was nur empirisch sein kann, ist das Reflexionsvermögen, das in der Zeit beschränkt ist. Das ursprünglich Beschränkte ist der Wille, folglich müsste die Reflexion auf den Willen beschränkt sein.

Keine Reflexion ohne Gefühl et vice versa, denn durch das Gefühl gibt das Ich der Beschränktheit Etwas hin.



Nota.

- Hier haben wir es endlich, das oben so schmerzlich vermisste "intellektuelle Gefühl"! Das heißt - wir haben das; was er meint. Einsichtig wird es mir jedenfals dadurch noch nicht. Zwar kann ich verstehen, dass meine Tätigkeit durch die Reflexion in die Zeit fällt und dadurch empirisch wird. Aber dass sich ipso facto daraus ein 'Gefühl' ergäbe, das mit hören, riechen, sehen und schmecken vergleichbar wäre oder gar mit dem Schmerz, wird mir dabei kein bisschen plausibler.

Nota II.
  - Ich glaube fast, unter 'Gefühl' versteht er bloß das Bemerken der Willensanstrengung in dem Moment, wo ich meine Aufmksamkeit auf etwas richte.
JE



Der Satz war schon oben da in einem anderen Sinne, im Verhältnis der Dependenz, hier im Verhältnis der Wechselwirkung. 

Wir haben jetzt das Gefühl selbst erklärt und abgeleitet, haben wieder das Gefühl postuliert als Bedingung des Bewusstseins. Es wäre ein unerklärliches Erstes. Aber dadurch könnte ein Dogmatismus veranlasst werden, denn man könnte über diese Grenze doch denken, und dann würde man das Grfühl erklären //166// wollen durch Dinge, die das Gefühl affizieren sollen, und dadurch würde das Ich selbst Ding.

§ 14. [Zusammenfassung] 

Der reine Wille ist unmittelbares Objekt alles Bewusstseins und aller Reflexion (§ 13); aber die Reflexion ist diskursiv; er, der reine Wille, müsste sonach ein Mannigfaltiges sein. Dies ist er ursprünglich nicht, sondern wird es erst durch Beziehung auf seine Beschränktheit, wodurch er Wille wird, in der Reflexion selbst, welche absolut frei ist, und deren Freiheit und ganzes Wesen überhaupt in dieser Beziehung besteht, teils dass sie überhaupt geschehe, teils dass sie so oder anders geschehe. Diese Reflexion erscheint als ein Wollen, in wiefern sie selbst bloß gedacht, und als ein Tun, in wiefern sie angeschaut wird. Und sie ist der Grund alles empirischen Bewusstseins.

Im einzelnen Akte derselben erblickt das Vernunftwesen sich in doppelter Rücksicht, teils als beschränkt, teils als handelnd in der Beschreibung der Beschränkung; das erste äußerlich, das letzte innerlich, und dadurch schreibt es sich zu ein Organ überhaupt, und dieses als innerliches und äußerliches. Die Beziehung der Beschränktheit auf die Reflexion ist das Gefühl. Das Beschränkende ist nur für die ideale Tätigkeit im Denken der realen, und so ist die unmittelbare Vereinigung der Erkenntnis des Objekts mit dem Willen erklärt.

Nota.
 - Das ist wahr: Bisher erschien das Gefühl als ein "unerklärliches Erstes"; wahr ist aber auch, dass nichts mich daran hindert, nach seiner Ursache dennoch zu fragen: Die Unerklärlichkeit wäre bloße Behauptung, so dogmatisch wie die Rückführung des Gefühls auf 'Dinge', wodurch unter der Hand das fühlende Ich selber zu einem Ding unter anderen würde.
Löst die folgenden Zusammenfassung des § 14 diese Schwierigkeit auf?
Die Aufgabe ist: Wenn das Gefühl etwas Wirkliches sein soll, muss es durch ein Wirkliches veranlasst sein: etwas, das in Raum und Zeit vorkommt; etwas, das wir gewöhnlich ein 'Ding' nennen; es soll aber nicht aus einer Wirkung des Dinges hervorgehen, sondern aus einer Tätigkeit des Ich; einer realen, auf welche die ideale reflektiert. Dann ist das Ich, das da real und ideal tätig war, die Substanz, das Ding bleibt Akzidens. Und das Gefühl ist erst 'es selbst' durch die ideale Tätigkeit = Reflexion. Der Vermittlungspunkt wäre die Vorstellung von einem Organ.
Ist es das, was man aus der Zusammenfassung von § 14 herauslesen kann? Oder müsste man es gewaltsam hineinlesen? JE

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