S. 160-169


Ich nehme einen bestimmten Zustand meiner selbst wahr, heißt offenbar: Ich beziehe diesen bestimmten Zustand auf meinen ganzen Zustand, auf das ganze mögliche System meines Seins. Also allem Mannigfaltigen in mehreren Zeitmomenten liegt ein Entgegengesetztes in einem Momente zum Grunde.

Nun liegt in jenem Systeme meines Seins das Substrat desjenigen, das jetzt insbesondere auf eine bestimmte Weise wahrgenommen wird, mit darin und wird mit dem Ganzen zugleich gesetzt. Das selbe Substrat X wird sich also entgegengesetzt und auf sich bezogen, sonach gesetzt in verschiedener Rücksicht.

Das passendste Beispiel dazu ist mein Lieb. Ich habe kein Totalgefühl desselben (hier ist nur von dem artikulierten Teil desselben die Rede); ich fühle nur einzelne Glieder, und durch Beziehung derselben auf einander bekomme ich erst einen Begriff vom Ganzen. Ich nehme nur wahr, in wiefern Veränderung da ist. Ich fühle nur, in wiefern ich einen Teil im Verhältnisse zum Ganzen verändere.

Ich kann meine Hand nur wahrnehmen, in wiefern ich sie in eine gegen das Ganze verschiedene Lage bringe. Aber Bewegung ist nur in Beziehung auf Ruhe möglich.  –  Ruhe ist der terminuns a quo; wenn  ich die Hand bewege, so muss ich sie denken als stille gelegen habend. Die Hand wäre hier das Substrat, Ruhe und Bewegung die beiden Rücksichten, die unzertrennlich sind.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 162








Wir können nur nach unseren Denkgesetzen erklären, und nach diesen muss die Antwort auf unsere Frage ausfallen. Unsere / Erklärung ist demnach auch nicht an sich gültig; ...
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166 


Nota. - Das ist bei Kant nicht in dieser Bestimmtheit ausgesprochen: dass die Gesetze unseres Denkens nicht zugleich die Gesetze sind, nach denen die Welt sich dreht. Es wäre ja nur möglich, wenn ein gemeinsamer Schöpfer es so eingerichtet hätte. Das ist allerdings der Grund-Satz des Rationalismus. Da man aber nichts darüber wissen kann, müsste man es glauben. 

Descartes hat aus dieser dogmatischen Prämisse seiner Philosophie kein Hehl gemacht. Kant hat daraus ein Hehl gemacht, und eben darum können wir darüber nichts wissen; ich glaube es aber.
JE







Das Reale bedeutet mir das Objektive, das Ideale nur das Subjektive im Bewusstsein. Beides wird nun besonders betrachtet als bestimmbar, und dieses Denken gibt uns das bloß Intelligible. Das Intelligible ist sonach nichts an sich, sondern etwas für die Möglichkeit unserer Erklärung Vorauszusetzendes. So behandelt es auch Kant, und jede andere Ansicht wäre transzendent. 
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 167









Was jene Begrenzung eines ursprünglichen Willen[s] bedeuten soll, ist klar; es ist das Ganze der Beschränktheit als das Bestimmbare zu allen in der Zeit erscheinenden Bestimmungen, die ich mir auflegen soll. Der Grund liegt in meinem endlichen Wesen; dass ich diese oder eine andere aufnehmen soll, beruht auf meinerIndividualität, alles andere ist transzendent.

Der reine Wille ist nur der, den ich in der Zeit haben soll. [...] Antwort auf die Frage wer bin ich.

Aber wer soll ich sein? Die Individualität ist nicht bestimmt durch ein Sein, sondern durch ein Gesetz, es ist vorgeschrieben für alle Zeit, was ich werden soll.

Der reine Wille ist beschränkt, dies ist kein Menschenverstand; denn er ist ja nicht im Raume ausgedehnt, er ist Spontaneität und kann nur durch sich selbst beschränkt werden. Es heißt also: Es liegt in meinem ganzen Sein ein Gesetz, des Wollens (Sittengesetz), es ist nicht qualitas occulta wie bei Kant, es ist ein Gesetz, das ich selbst mir mache.

Die Beschränktheit der Selbsttätigkeit ist nicht Beschränktheit durch ein wahrnehmbare Objektives, sondern durch einen Begriff. Die eigentliche Aufgabe wäre: Wie wird dieser Begriff aufgefasst, und wie kommen wir zu der Vorstellung, verschiedenen Vorstellungen zu haben.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 169 


Nota. - Also was ich sein soll, ist nicht in etwas Wahrnehmbarem, Objektiven festgelegt, ist aber auch keinequalitas occulta 'in mir'; denn ich soll mich durch Freiheit dazu machen. Das Wozu ist ein Begriff, und der stammt aus einem Gesetz, es ist keine Willkür, sondern meine Freiheit kann nicht anders als diesen Begriff zu fassen...

Das ist nun denkbar vieldeutig. Die einzige Aufklärung, die mir einfällt, ist wieder die: Er sieht schlechterdingsdie Vernunft am Werke, und die ist bei F. janusköpfig. An dieser Stelle zeigt sie ihr dogmatisches Gesicht als einautomatisch abrollendes Programm

Es wundert nicht, dass ihn der – zu etwa derselben Zeit erschienene – Offene Brief Jacobis aus dem Gleichge-wicht geworden hat: Es war ohnehin prekär.

Nota II.

Wahr ist allerdings auch dies: Wann immer ich selber im Ernste meinen Willen gefordert sehe, habe ich das Gefühl, ich kann gar nicht anders, und muss es als mir vorausgesetzt ansehen. Wollte ich, empirische Person, das in einen Begriff fassen, so würde ich sagen: Es ist Gesetz und so war es immer. Ich fürchte nur, so hat F. es nicht gemeint. Denn zwar redet er vom Individuum, aber er redet als Transzendentalphilosoph von ihm. Sollte er dies eine Mal nicht recht aufgepasst haben?
JE





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