S. 110-119


Aber das Bestimmbare und das zu Bestimmende sind synthetisch vereinigt im Bewusstsein. Ich setze das Bestimmbare nur, inwiefern ich mich [als] übergehend* setze, und dies kann ich nur, in wiefern ich es als gegeben setze.

Es ist nichts gegeben, außer in wiefern ich darauf wirke, denn erst im freien Wirken wird es mir gegeben, aber ich kann auf nichts wirken, was ich nicht schon habe. /

Also der hier zu untersuchende Satz ist der: Ich schaue mein eigenes Tun an als etwas, das ich vollziehen könnte oder nicht. Mein Tun ist logisches Subjekt für das Prädikat der Freiheit. Es ist also mein Tun talis qualisselbst Objekt der Anschauung im weitesten Sinn des Worts, es erhält den Charakter des Objekts als etwas der idealen Tätigkeit Vorschwebendes.

Wie wird nun mein Tun als Objekt der Anschauung vorkommen? Kant nennt z. B. ein Tun nach dem Gesetz der Kausalität pp. ganz richtig ein Schema, um dadurch zu bezeichnen, dass es nichts Wirkliches, sondern durch ideale Tätigkeit zu Behuf der Anschauung zu Entwerfendes sein soll.

Schema ist ein bloßes Tun, und zwar mein notwendiges Tun in der Anschauung.
____________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 110f.

*) [vom Bestimmbaren zum Bestimmten]





Wenn dies nun so ist, so wird nicht nur, wie im vorigen Paragraphen, das Objekt, und wie im jetzigen der Raum -, sondern beide werden vorausgesetzt. Beide sind in demselben Akte das Bestimmbare in aller Vorstellung. Materie ist die Synthesis des Raumes mit dem Objekte.  –  So ists auch im Praktischen; ich kann die Materie teilen, zusammensetzen, aber nicht wegschaffen, nicht vermehren, nicht vermindern; / wo wir hin denken, finden wir Raum, weil wir überall Materie denken.

Auf diesen Satz kommt es vorzüglich an. Wir sehen hier die Entstehung der ganzen Körperwelt, ja unserer gesamten, auch der Geisterwelt, denn es wird sich zeigen, dass unsere Geisterwelt nichts ist als eine Abstraktion von der Körperwelt. 
_________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 112f.





Kant nennt ein Tun z. B. nach dem Gesetze der Kausalität pp* ganz richtig ein Schema, um dadurch zu bezeichnen, dass es nicht Wirkliches, sondern etwas durch ideale Tätigkeit zum Behuf der Anschauung zu Entwerfendes sein soll.

Schema ist ein bloßes Tun, und zwar mein notwendiges Tun in der Anschauung. ...

Die Aufgabe ist: nicht einem bestimmten Tun, z. B. Denken, Anschauen pp, sondern einem Tun überhaupt zuzusehen. Die Aufforderung ist: eine Agilität zu beschreiben; diese kann man nur anschauen als eine Linie, die ich ziehe. Also innere Agilität ist ein Linie-Ziehen. Nun aber ist hier nicht die Rede von einer Agilität, die geschieht, sondern von einer Agilität überhaupt; von einem bestimmbaren, aber nicht bestimmten Vermögen der inneren Selbsttätigkeit und Agilität. So eine Linie ist aber bestimmt der Direktion nach. In dem Vermögen aber müssen alle Linien liegen, das Schema des Tuns muss ein nach allen möglichen Direktionen mögliches Linienziehen sein; dies ist der Raum, und zwar leerer Raum, aber leerer Raum kommt nie vor, es wird immer etwas hineingesetzt. Warum, wird sich zeigen. Hier ist nur vom Tun die Rede, aber auch das bloße reine Tun ist nichts Erscheinendes. [S. 110]

[Kant] sagt, dass unseren sinnlichen Vorstellungen etwas zu Grunde liege, dass es Noumene gäbe; er hat sich nicht ausdrücklich darüber erklart; er nennt es etwas, es ist aber nicht etwas, das Sein hat, sondern Handeln.

Er hat sich nicht auf das Schema für übersinnliche Gedanken eingelassen. Man kann das Übersinnliche nicht erkennen, aber da sie [sic] doch für uns da sind, so müssen sie sich doch erklären lassen. Das Schema fürs Übersinnliche ist das Handeln. [S. 113]


*) für perge perge: und so weiter.
______________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 110; 113



Nota. - Gr. schêma heißt Haltung, Gestalt, Figur. F. übernimmt den Begriff von Kant, aber er bestimmt ihn anders, oder richtiger: Er bestimmt ihn, wenn auch so allgemein wie denkbar möglich, während jener ihn ganz unerklärt als bloßen Namen gebraucht für die 'Methode, einem gewissen Begriffe gemäß etwas in einem Bilde vorzustellen'. Immerhin stimmen sie darin überein, dass das Schema ein Bild ist, aber kein von der Einbildungs- kraft angeschautes, sondern ein im Denken vorgestelltes Bild; eine Art Anschauung zweiter Ordnung. Dieses ist das Geheimnis der Noumena, der Dinge-an-sich, des Übersinnlichen überhaupt. Es ist das Geheimnis des dialektischen Scheins, wie Kant selber ihn nennt: der Vorstellung, dass den Begriffen eigene Realität zukommt.
JE 









…es ist nicht möglich, auf den Raum zu reflektieren, ohne auf das Objekt, das im Raume ist, zu reflektieren; denn der Raum ist die subjektive Bedingung des Objekts, und der Raum ist bedingt durch die Reflexion auf das Objekt.. Es ist nicht möglich, auf das Objekt zu reflektieren, ohne auf den Raum, aber es gibt auch keinen Raum ohne Objekt, sonach sind beide im Bewusstsein notwendig vereinigt; ursprünglich ist kein Objekt und kein Raum gegeben allein, sondern zugleich. Objekt im Raum aber heißt Materie; folglich ist ursprünglich Materie.

_________________________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 113





Aus der Freiheit der Intelligenz folgt, dass die Materie und mit ihr der Raum teilbar sein muss ins Unendliche, weil sonst die absolute Freiheit gehemmt wäre, indem sie wenigstens so weit beschränkt wäre, einen bestimm- ten Teil der Materie in einen [sic] bestimmten Raum zu denken. 

Ebenso muss der Raum Stetigkeit haben ins Unendliche; ich mag teilen, so weit ich will, so finde ich immer noch zu teilen. Wenn dies nicht wäre, so hörte der RaBestimmbare und die Freiheit des Handelns bedingen einander.um irgendwo auf, und dies wäre die Grenze meiner Freiheit. 

Ich kann die Freiheit des Handelns nicht denken, ohne die Objekte schon zu haben. Ich bekomme den Raum mit den Objekten. Um die Handlung der Freiheit zu setzen, ein Objekt in einen beliebigen Raum zu setzen, muss das Objekt schon einen Raum  haben, es erfüllt schon einen Raum, aber keinen Platz (bestimmten Ort) im Raume. Es schwebt der Einbildungskraft nur vor. Ich habe beides schon, es ist das Bestimmbare.
________________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 114


Nota. - Die Freiheit des Handelns und das Bestimmbare sind keine Sachen, sondern Ansichten eines Verhältnisses. Es ist ein aktives Verhältnis: Nur wenn ein Bestimmendes sich verhält, verhält sich auch das Bestimmbare.

Ich kann das Bestimmbare von  seiner Bestimmbarkeit unterscheiden. Aber dadurch wird das Bestimmbare nicht zu einer Sache, sondern zu einem Noumenon.
JE



Alle Ortsbestimmung ist subjektiv. Ich habe irgend einmal im Raume angefangen, diese Bestimmung ist absolut. Ich bin es, der diesen Ort zu diesem macht, außerdem hat er keine Bestimmung. Der erste Ort im Raum ist durch nichts bestimmt als durch mein Tun.
____________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 115









Die Gefühle sind bloß subjektiv; was rot, süß, bitter etc ist, kann man nicht durch Begriffe mitteilen, denn Objekten kommen außer den Gefühlsprädikaten weiter nichts zu, als dass sie Materie im Raume sind.
____________________________________________
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 116








Die Intensität kommt dem Gefühle zu, Extensität dem Raume. Durch jedes Gefühl werde ich geführt auf Mate-rie, die ein Quantum ist und einen Raum erfüllt. (Gefühl drückt eine Beziehung auf uns aus, Beziehung auf unsere Begriffe: denn nur in wiefern Gefühl gesetzt ist, ist ein Anschauen möglich.) 

Nur inwiefern Materie ein Quantum ist, ist sie anschaubar; sie ist nicht mathematischer Punkt, denn sie kann geteilt werden: die Kontinuität des Raumes und die unendliche Teilbarkeit der Materie müssen darum ange-nommen werden,weil sie Bedingungen der Freiheit sind.
_________________________________________________ 
Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 116

Nota. - Wann und wo immer F. von Gefühl spricht, ist  nichts Poetisches gemeint, sondern ganz prosaisch das, was der Neurophysiologe einen Sinnesreiz nennt.
JE

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen