S. 240-244


 § 19 

Die Beschränkteit des Ich, versinnlicht und als Wahrnehmung, erscheint als Aufforderung zu einem freien Handeln. Diese Wahrnehmung als Beschränkung unserer physischen Kraft - vorausgesetzt, dass wir uns, uns selbst überlassen, [sic] es wird sonach als das Bestimmende zu dieser Beschränkung eine physische Kraft außer uns gesetzt, die durch freien Willen eines durch diesen Willen bestimmten und charakterisierten freien Individuums außer uns regiert werde. Das Bestimmbare davon gibt den Begriff und die Wahrnehmung eines artikulierten Leibes, einer Person außer uns.

Dieser (der Leib) ist Naturprodukt, und also, da er aus Teilen besteht, die nur in ihrer Verbindung dieses bestimmte Ganze ausmachen, hat die Natur in sich selbst das Gesetz, dass ihre Teile sich notwendig zu Ganzen, die wieder ein einziges Ganze[s] ausmachen, vereinen. Die Natur ist organisiert und organisierend und wird, so wie ein vernüntiges Wesen außer mir gesetzt ist, also gesetzt. Der Umfang dessen, was notwendig im Bewusstsein vorkommen muss, ist erschöpft. 

//240// Bemerkung: Nur als organisiert und organisierend ist die Natur erfahrbar, außerdem* wird man durch das Gesetz der Kausalität immer weiter hinausgetrieben. Dadurch fallen die Kantischen Antinomien der Vernunft ganz weg, da sie bloß Antinomien des freien Räsonnements sind.

Auf diese Weise haben die alten Philosophen die Beweise für Gott aus der Welt hervorgebracht, aus Verzweiflung, indem sie doch einmal bei etwas stehenbleiben wollten. -

Man muss die Vernunft als Ganzes auffassen, dann findet kein Widerstreit statt, dann ist die Natur ganz absolut durch sich selbst gesetzt als absolutes Sein, entgegengesetzt nur dem absoluten Ich. Diese Ansicht muss eine Naturwissenschaft nehmen.
*) [=andernfalls]
 
Nota. 
- 'Der Umfang dessen, was notwendig im Bewusstsein vorkommen muss, ist erschöpft.' Mit andern Wor- ten, Die Grundlage, auf der ein Wissen baut, das vernünftig ist, ist hiermit gelegt. Die wirkliche Vernünftigkeit fängt an diesem Punkt an: "eine Naturwissenschaft". Man muss allerdings die Vernunft "als Ganzes" nehmen, nämlich als Ganzes - als Subjekt - der Natur als seinem (ganzen) NichtIch entgegensetzen. So wird eine Synthesis möglich.
Natur und Vernunft sind indessen Noumena. In der erfahrbaren Wirklichkeit kommen aber nur Individuen vor. Würden wir diese und ihre Wirkungen aufeiander zum Ausgangspunkt der Betrachtung nehmen, würden wir durch das Gesetz der Kausalität ins Unendliche fortgetrieben und könnten nie zu eine Synthese kommen.
JE


Deduktion der Einteilung der Wissenschaftslehre

1) Alles, was wir finden als gegebenes Objekt, indem wir uns selbst finden, [alles,] was an die objektive Ansicht unsrer selbst geknüpft wird, haben wir aufgezeigt. Dieses gefundene Objektive ist unsere Welt. Eine vollständige Erörterung dieser Welt und Beschreibung, die Bestimmung durch alle Genkgesetze hindurch, ist die Wissenschaftslehre der Theorie oder der Erkenntnis im kantischen Sinn. Es kommt immer nur auf das Gefundene an. Diese Wissenschaftslehre der Erkenntnis muss auch in unserer Grundlage enthalten sein, sie ists auch ihren Grundzügen nach. 

Die besondere Wissenschaft geht bis zur vollständigen Bestimmung der einzelnen Begriffe, da die Grundlage uns die Hauptbegriffe erläutert. Dieser Hauptbegriff wird durch die besondere Wissenschaft weiter analysiert, und dann ist die besondere Wissenschaft vollständig. Das Objekt derselben ist durch alle Denkgesetze durchgegangen. Es muss durch bloße Analyse fortgegangen werden können zum Besonderen jeder Wissenschaft aus der Grundlage. (Theore- tische Philosophie: ihr Objekt ist die Natur; dieser kann betrachtet werden //241// entweder unter bloß mechanischen Gesetzen der Anziehung und Abstoßung (Beispiel Kant, Metaphysik der Natur) oder unter organischen Gesetzen. z. B. Lehre von dem Grunde des Daseins des Menschen, der Tiere, der Pflanzen etc.  

Beide Untersuchungen erschöpfen die theoretische Philosophie oder die Weltlehre. Kurz, die theoretische Philosophie lehrt, wie die Welt ist und sein muss, wie sie uns gegeben wird. Ihr Resultat ist reine Empirie, hiermit endigt sie sich. Im gemeinen Leben wird das Wort Erfahrung von dem gedankenlosesten Menschen gebraucht, er rechnet seine Träumereien zur Erfahrung. Zuerst muss ausgemacht werden, was Erfahrung sein kann. Dies zu bestimmen hat ein großes Verdienst, dies tut die theoretische Philosophie, sie stellt auf, was notwendig Erfahrung ist und sein kann.


Nota.
- Kein anderer Autor hat wie Fichte so regelmäßig während der Darstellung seines Systems auf die Dar- stellung reflektiert. Auf das Verfahren nicht nur, sondern auch auf das, was dargestellt wird, denn um dessen Bestimmung geht es ja; so dass nie vom Verfahren des Bestimmens allein, sondern immer auch von dem je Bestimmten die Rede ist.
Dies kam mit § 19 zu einem Schluss: Was heißt Wissen und was ist das, was wir wissen können?
Idealerweise müssten von da aus alle reellen Wissenschaften neu aufgebaut werden: "Weltlehre", nämlich Physik und Biologie (wobei Chemie noch keine eigenes Fach ist). Das nennt Fichte 'Theoretische Philosophie', er rech- net sie offenbar zur Besonderen Wissenschaftslehre hinzu. Warum? Weil sie 'aufstellt, was notwendig Erfahrung ist und sein kann'.
Die wirklichen Wissenschaften können nicht von vorn anfangen. die Wissenschaftslehre wird sie bestenfalls auf Schritt und Tritt kritisch begleiten: dass sie ihre Begriffe nicht aus der Luft greifen und nicht für Erfahrung ausgeben, was als Prämisse unterstellt wurde.
Dann freilich hieße es die kritische Philosophie überdehnen, wollte man sie in die Realwissenschaften hinein- treiben und selber positiv werden lassen. Sie kann nicht selber Realwissenschaft werden und muss deren Pro- pädeutik und kritische Instanz bleiben
.
Der ganze Schluss der Nova methodo wirkt etwas hastig und übers Knie gebrochen: Das Semester ging zu Ende und die Zeit wurde knapp.
JE

Um uns selbst zu finden, müssen wir die Aufgabe denken, uns auf eine gewisse Weise zu beschränken. Diese Aufgabe ist für jedes Individuum eine andre, und dadurch eben wird bestimmt, wer dieses Individuum eigentlich ist. Diese Aufgabe erscheint nicht auf einmal, sondern im Fortgange der Erfahrung jedesmal, in wiefern ein Sittengesetz an uns ergeht. Aber in dieser Aufforderung liegt zugleich, da wir praktische Wesen sind, zu einem bestimmten Handeln Aufforderung.

Dies ist für jedes Individuum auf besondere Weise gültig. Jeder trägt sein Gewissen in sich und hat sein ganz besonderes. Aber die Weise, wie das Vernunftgesetz allen gebiete, lässt sich nicht in abstracto aufstellen. So eine Untersuchung wird von einem hohen Gesichtspunkte aus angestellt, auf welchem die Individualität verschwindet und bloß auf das Allgemeine gesehen wird. Ich muss handeln, mein Gewissen ist mein Gewissen. In sofern ist die Sittenlehre individuell.

Nota. -
In Fichtens Moral sind die richtigsten Ansichten der Moral. Die Moral sagt schlechterdings nichts Bestimmtes – sie ist das Gewissen – eine bloße Richterin ohne Gesetz. Sie gebietet unmittelbar, aber immer einzeln. Sie ist durchaus Entschlossenheit. Richtige Vorstellung vom Gewissen. Gesetze sind der Moral durchaus entgegen.
 Novalis, Allgemeines Brouillon N°670



So nicht in der allgemeinen Sittenlehre; Wissenschaftslehre des Praktischen, die insbesondere Ethik wird. D. h. das Praktische ist Handeln überhaupt, das Handeln kommt aber durch die Grundlage immerfort vor, indem auf [unleserliches Wort] der ganze Mechanismus gründet. Daher kann die besondere Wissenschaftslehre des Praktischen nur sein eine Ethik. Diese lehrt, wie die Welt durch vernünftige Wesen gemacht werden soll, ihr //242// Resultat ist Ideal, inwiefern dies Resultat sein kann, da es nicht begriffen werden kann.

Bemerkung: Beides, die theoretische und praktische Philosophie ist Wissenschaftslehre, beide liegen auf dem transzendentalen Gesichtspunkt; erstere, weil ja hier auf das Erkennen gerechnet wird, also auf etwas in uns, und nicht geredet wird von einem Sein; letztere, weil überhaupt gar nicht das Ich, das Individuum betrachtet wird, sondern die Vernunft überhaupt in ihrer Individualität. Die erstere Lehre ist konkret, die letzte ist die höchste Abstraktion: der des Sinnlichen zu dem reinen Begriffe als einem Motiv.

3) Es wird in der Ethik nicht das eine oder andere Individuum betrachtet, sondern die Vernunft überhaupt. Nun ist die Vernunft dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen. Soll der Zweck der Vernunft erreicht werden, so muss ihre [=deren] physische Kraft gebrochen und die Freiheit jedes eingeschränkt werden, damit nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe.

Daraus entsteht die Rechtslehre oder Naturrecht. Die Natur dieser Wissenschaft ist sehr lange verkannt worden; sie hält die Mitte zwischen theoretischer und praktischer Philosophie, die ist theoretische und praktische Philosophie zugleich. Juridische Welt muss vor der moralischen vorhergehen.
 

Nota.
 - Die Vernunft 'ist dargestellt in mehreren Individuen, die sich in der Welt durchkreuzen'... Sie ist nicht bloß "dargestellt in...", sondern ist buchstäblich nichts anderes als das vernünftige Handeln dieser mehreren Individuen, 'die sich in der Welt durchkreuzen'. Vorher jedenfalls 'ist' sie nicht.
Der große Zweck der Vernunft sei Übereinstimmung, sagt F. an anderer Stelle (aber zur selben Zeit); und hier genauer: dass "nicht einer des andern Zwecke störe und hintertreibe". Von welchen Zwecken hier die Rede ist, unterscheidet er nicht. Wenn Zweie um dieselbe Schöne buhlen, gebietet ihnen die Vernunft da etwa 'Überein- stimmung'? Oder überhaupt irgendwas? Nein, das ist etwas - und das dürfte F. kaum anders gesehen haben -, wozu die Vernunft gar keine Meinung hat, ja wovon sie nicht einmal Notiz nimmt.
Ein jedes wirkliche Individuum hat tausend Zwecke, die 'eine Reihe vernünftiger Wesen' gar nichts angehen, sondern nur ihn und die, denen er persönlich verbunden ist; und sicher sehr viel mehr, als solche Zwecke, die das öffentliche Interesse berühren. Da hat er es nur mit seinem Geschmacksurteil zu tun (und moralische Urteile sind Geschmackurteile, die auf Willensakte bezogen sind); das muss er mit sich ausmachen und mit denen von seinen Nächsten, denen er Zugang zu seinem Privatleben gewährt. Und nur jene andern Zwecke, deren Realisierung öffentliche Folgen haben würde, sind dem Richtspruch der Vernunft unterworfen und berühren das Reich des Rechtlichen und daher auch das Politische.
Fichte lehrte zu einer Zeit, als die Scheidung der bürgerlichen Welt in einen öffentlichen und einen privaten Raum noch kaum begonnen hatte - weil die vielen Privaten vom Rechtlichen und Politischen noch ausge- schlossen waren; seine Lehre hatte ja nicht zuletzt den Zweck, ihnen solchen Zutritt erst zu verschaffen. Wie die Freiheiten der leidenschaftlich sinnlichen Individuen gegen die Ansprüche der 'Reihe vernünftiger Wesen' zu wahren sind, lag noch nicht in seinem Gesichtsfeld. Das ist, wie gesagt, historisch verständlich, aber ein theoretischer Fehler war es doch.
JE


(Ferner ist die Rechtslehre auch praktisch, so eine rechtliche Verfassung macht sich nicht selbst, sondern muss hervorgebracht werden; kann aber nicht wie die Moralität durch Selbstbeschränkung bewirkt werden. Sie braucht äußere Mittel und lässt sich nicht gebieten, da von ohngefähr Vereinigung des Willens Mehrerer erst erfordert wird, vid. Kant zum Ewigen Frieden. 

Die Aufgabe dieser Lehre [=der WL] ist die: Freie Willen sollen zu einem gewissen mechanischen Zusammenhang und Wechselwirkung gefügt werden. Nun gibt es so einen Naturmechanismus an sich nicht, er hängt zum Teil mit von unserer Freiheit ab; Wirksamkeit der Natur und Vernunft in ihrer Vereinigung bewirken diesen Zustand.)


Nota. 
- 'Eine rechtliche Verfassung hervorbringen' heißt Politik. Sie ist natürlich praktisch, was sonst? Doch auch die Rechtslehre im engeren Sinn, die das geltende positive Recht mit dem fiktiven Naturrecht vergleicht, ist praktisch, und theoretisch nur, insoweit sie kritisch ist
Nicht einmal das Naturrecht ist rein-theoretisch: denn es leitet seine Konklusionen ja nicht blind und mechanisch aus gegebenen Prämissen her, sondern entwirft seinen 'Zweckbegriff' aus Freiheit. Das Reich des Theoretischen ist nicht nur bei Fichte viel enger als bei andern Philosophen, sondern noch ein bisschen enger als selbst bei Fichte. (Das ist ein Kalauer.)
JE

Ganz nahe verwandt und in demselben Gebiete liegt die Religionsphilosophie. Beide machen aus eine dritte Philosophie: //243// die Philosophie der Postulate, die Rechtsphilosophie des Postulats an die Freiheit, die Religionsphilosophie des Postulats der praktischen Philosophie an die theoretische, an die Natur, welche sich durch ein übersinnliches Gesetz dem Zweck der Moralität akkomodieren soll. Diese Postulate abzuleiten und zu erklären ist Wissenschaftslehre; aber die Anwendung derselben im Leben ist nicht mehr Wissenschaftslehre, sondern pragmatischer Teil der Philosophie, und gehört in die Pädagogik sensu latissimo.



Nota. 
- Ich muss zugeben, dass ich das nicht verstehe. Nicht nur, dass man die Berechtigung einer Religions- philosophie wohl nur annehmen kann, wenn man selber einer religiösen Lehre anhängt, was aber nur ein Fak- tum wäre und kein philosophisches Thema; sondern dass darüber hinaus eine besondere Philosophie der Po- stulate nötig und möglich sei, die auf den Feldern, wo Gründe nicht mehr herzuleiten sind, dieselben in prag- matische Absicht ersetzen könnten.
Das liegt daran, dass seine ganze Einteilung etwas Erzwungenes hat. Es folgt, als gewissermaßen unerledigter Rest, die Ästhetik, der er weiten Raum zugedacht hatte, ohne ihr doch einen Platz im System zuweisen zu kön- nen. Das ist aber keine beiläufige Ungenauigkeit, sondern ein wirklicher philosophischer Mangel
JE

4) Nach dieser Einteilung bleibt daher eine Wissenschaft übrig, welche jedem bekannt ist, die man auch immer zur Philosophie gerechnet hat und mit Recht. (Ich meine nicht die Logik, welche für jede Wissenschaft gilt und für jedes Handwerk, und Instrument des Vernunftverfahrens ist). Die Ästhetik, wo liegt diese? Die soeben beschriebene und eingeteilte in ihrer Grundlage aufgestellte Philosophie steht auf dem transzendentalen Standpunkte und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab. Das ist das Wesen der transzendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben sein Denksystem zu Stande bringt, sie schafft selbst nichts. Dieses untersuchte Ich steht auf dem gemeinen Standpunkt.

In der Theorie hat die Philosophie alle Menschen als besondere zum Objekt, und sie ist geschlossen, so wie der Mensch in concreto dasteht, ihre Ansicht gilt für jedes Individuum. In der Ethik und Rechtslehre wird der Mensch im realen Gesichtspunkte gedacht. Dabei entsteht der deutliche Widerspruch: Der ideale Philosoph betrachtet den realen Menschen? Er ist doch aber auch ein Mensch. Der Mensch kann sich auf den transzendentalen Gesichtspunkt erheben nicht als Mensch, sondern als transzendentaler spekulativer Wisschenschaftler. Es entseht in der Philosophie ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu erklären. 

Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten. - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetzt . Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unseren eigenen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über-//244//
zugehen.

Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers).



Nota I.
- Das ästhetische Wahrnehmen - der ästhetische Sinn oder auch Trieb, wie F. andernorts wiederholt sagt - gehört zum wirklichen sinnlichen Leben, es kommt ungeniert - aber nicht ganz ungebrochen - vom 'gemeinen Gesichtspunkt' her. Soll es den Übergang von dort zum transzendentalen Gesichtspunkt realiter möglich machen, dann ist es dessen reale Bedingung; ihr Grund.


Das ergab schon die Wissenschaftslehre selbst: Sie beruht auf einem Grund, der außerhalb ihrer liegt und von ihr nicht analytisch aufgefunden, sondern spekulativ erschlossen wurde: Wollen, das einzige An-sich, von dem die Wis- senschaftslehre allenfalls reden könnte, und das als 'Trieb' und 'Streben' im System wieder vorkommt als reales Substrat des transzendentalen Ich; 'Einbildungskraft' als der unendliche Fortschritt vom Bestimmbaren zum Be- stimmt(er)en.
"Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe, den wir eben den ästhetischen nannten. Er zielt auf Vorstellun- gen, und auf bestimmte Vorstellungen lediglich um ihrer Bestimmung und um ihrer Bestimmung als bloßer Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck."*

Da hat Fichte dem Ästhetischen eine gewaltige Bürde aufgepackt, und geahnt hat er es. Leider hat ihn der Atheismusstreit davon abgebracht, seine Bahn weiter zu verfolgen.
*) Über Geist und Buchstab in der Philosophie. in: SW VII, S. 279

Nota II.- Nein, das ist ein Fehler, den man als solchen benennen muss: Dass das ästhetische Erleben aus dem wirklichen sinnlichen Leben stamme, ist zur Hälfte falsch. Die physiologischen Reize, die als ästhetisch - gefal- lend oder nicht gefallend - erlebt werden, kommen gewiss nirgend anders her als etwa das Gefühl von Hunger und Durst; wie könnten sie auch? Wie jene gehen sie ein in ein System der Sinnlichkeit, das sie ipso facto 'ver- ändern'. Es ist die jeweilige 'Veränderung', die im System so oder anders 'bestimmt' wird. Dass das eine als grob-sinnlich, das andere als fein-ästhetisch beurteilt wird, liegt am je erreichten Zustand des Gesamtsystems.

Dieser Zustand ist tatsächlich ein historisch gewordener.
Das kann F. nicht in den Sinn kommen, denn dasjenige, auf das Bewusstsein immer hinauslaufen soll, Vernunft, ist für ihn nicht historisch geworden, sondern 'schon immer da' gewesen. (Ausdrücklich ausgesprochen hat er es erst nach dem Atheismusstreit, aber gestreift hat er diese Vorstellung schon vorher immer wieder.) In dieser Optik müsste ein Übergehen vom 'gemeinen' durch den ästhetischen bis zum 'transzendentalen' Standpunkt immer möglich gewesen sein; wäre das Ästhetische Kriterium für das 'Wesen des Menschen'. (So fassen es Palä- ologen auf, die aus dem Fund als ästhetisch gewerteter Artefakte auf die Zugehörigkeit der Verfertiger zu Ho- mo sapiens schließen.)
Nun ist dasjenige, was an einem Artefakt als seine ästhetische Qualität erscheint, nur demjenigen erkenntlich, der bereits nach dem Ästhetischen 'Ausschau hält': der es in seinem eigenen Leben bereits von den anderen Merkmalen der Dinge - welche sämtlich durch ihre Nützklichkeit bestimmt sind - unterschieden hat. Ob die Her- steller das auch schon getan haben, steht in den Sternen, es ist sogar unwahrscheinlich. Für sie mögen Nütz- liches und seine Verzierungen sich ununterschieden miteinander vermengt haben, nämlich so lang sie noch nicht unter die Botmäßigkeiten der Arbeitsgesellschaft gezwungen waren und noch die nötige Muße fanden, das Nützliche auch gefällig zu machen.

Danach fing die Geschichte der Vernunft faktisch aber erst an: "Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äußere Wohlsein des animalischen Lebens gehenden Äußerung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnistrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienst sich zu einer selbständigen Subsistenz aus- zubilden.
Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äußeren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und er Krieg von außen muss erst beschwichtigt und beigelegt sein, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mäßigen und liberalen Betrach-tung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann." (Fichte, Über Geist und Buchstab...)
Das geschieht faktisch aber nicht als gleitender Übergang, sondern als Sprung: Tatsächlich ist es eine bestimmte kleine Gruppe von Menschen, die sich als Priester und Kriegsfürsten aus der - inzwischen werktätigen - Menge absondern, von produktiver Arbet freihalten und sich an den nützlich Dingen dem bloßen Schein widmen kön- nen - und magische und Hoheitszeichen in die Welt setzen.
Erst auf diesem Umweg ist das Wahrnehmen des schönen Scheins als einem solchen möglich geworden, und nur als Privileg der herrschenden Klassen konnte Vernunft geschichtsmächtig - und folglich wirklich werden.

JE

Der Wille erscheint dem ästhetischen Sinne frei; dem gemeinen als Produkt des Zwangs, z. B. jede Begrenzung im Raume ist Resultat der Begrenztheit des Dinges durch andere, denn sie werden dabei gepresst; jede Ausbreitung ist auch Resultat des inneren Aufstrebens der Körper, allenthalben Fülle, Freiheit, ersterer ist unästhetisch, letzter ist der ästhetische.

Das ist der ästhetische Sinn, aber die Wissenschaft ist etwas anderes. Die Wissenschaft ist der Form nach transzendental, sie ist Philosophie, sie beschreibt die ästhetische Ansicht, in solcher Ästhetik muss nicht ein schöner Geist sein; die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. 

Der Einteilungsgrund ist der Gesichtspunkt, welcher entgegengesetzt ist. In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit. [siehe jedoch: Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.]

Dieser Gesichtspunkt ist es, durch den man sich zum transzendentalen erhebt; so folgt, dass der Philosoph ästhetischen Sinn, d. h. Geist haben müsse; er ist deshalb nicht notwendig ein Dichter, Schönschreiber, Schönredner; aber derselbe Geist, durch dessen Ausbildung man ästhetisch wird, derselbe Geist muss den Philosophen beleben, und ohne diesen Geist wird man es in der Philosophie nie zu etwas bringen; sonst plagt man sich mit dem Buchstaben und dringt nicht in des Innere.

Finitum d. 14. März 1799



Nota I.
 - Der Übertritt aus dem 'gemeinen' in den 'transzendentalen' Gesichtspunkt ist ein Hiatus, gar eine Katharsis: Das Individuum löst sich gedanklich nicht nur aus seinen Verstrickungen mit der Welt, sondern aus seiner Identität mit sich, mindestens "zum Teil": Es tritt neben sich und sieht sich dabei zu, wie es sich in der Welt zurechtfindet. "Im ästhetischen Zustand ist der Mensch gleich Null", hieß es bei Schiller. Das ist es, was ihn zum Vorraum des transendentalen Standpunkts werden lässt.

Nota II. 

- Dieser zweite Vortrag der Wissenschaftslehre "nach neuer Methode" endete Mitte März 1799. Da war der Atheismusstreit längst in vollem Gange. Noch zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt schließt Fichte die Darstellung seiner prima philosophia so, dass kein Zweifel bleibt: als nächstes ist die Ausarbeitung der "ästheti- schen Philosophie" als ein "Hauptteil" seines spekulativen Geschäfts vorgesehen. Die von Giorgia Cecchinato* dazu zusammengetragenen philologischen Daten lassen wenig Raum für andere Deutungen. 
Wenige Tage nach Abschluss der Vorlesung reichten Fichte und Niethammer ihre jeweiligen "Verantwortungs- schriften" gegen den Atheismus-Vorwurf beim weimarischen Ministerium ein. Dass die Angelegenheit bis zur Entfernung Fichtes von seinem Lehrstuhl führen würde, war noch nicht abzusehen. Die aber hat dann alle andern Pläne umgestoßen. 
Ob Fichte bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik zu dem Schluss gelangt wäre, die Ethik der Ästhetik als einen Spezialfall unterzuordnen, wie Herbart es später tat, steht in den Sternen. Es hätte seine Logik, und Herbart dürfte seine eigenen Ergebnisse aus der Auseinandersetzung mit Fichtes Sittenlehre gewonnen haben. 
Der entscheidende Punkt ist: Auch die Ethik gebietet, wie die Ästhetik, immer "einzeln und unmittelbar", und diesen Punkt hat nicht nur Herbart, sondern vor ihm schon Novalis aus Fichtes Vortrag herausgehört. Allge- meine Gesetze sind der Moralität sowohl für Herbart als für Novalis direkt entgegengesetzt. Was anders als diese kann Fichte aber gemeint haben, wenn er oben sagt: "unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden"? Denn dass ich mir im gegebenen Moment dessen, was ich unmittelbar soll, 'bewusst' werde und mir 'einen Be- griff davon' mache, liegt ja auf der Hand, aber das ist beim Ästhetischen auch nicht anders.
Und ob sich Fichte zu dem Entschluss hätte durchringen mögen, das Wahre-Absolute-Unbedingte als eine ästhetische Idee aufzufassen, ist noch weniger gewiss. Logisch gibt es eigentlich keinen andern Weg, aber das Herz kennt manchmal Gründe, von denen der Verstand nichts ahnt. JE

 

*) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009


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