S. 100-109



Die Möglichkeit des Begriffs wurde nur gezeigt unter ge/wissen Voraussetzungen, die wir stillschweigend machen mussten und konnten.

Wir sind so verfahren: Ich bin ursprünglich praktisch beschränkt; daraus entsteht ein Gefühl; ich bin aber nicht bloß praktisch, sondern auch ideal. Die ideale Tätigkeit ist nicht beschränkt, folglich bleibt Anschauung übrig. Gefühl und Anschauung sind miteinander verknüpft. Im Gefühl muss eine Veränderung stattfinden, das ist die Bedingung des Bewusstseins. Ich bin in der Beschränktheit beschränkt,* werde also auch in der Anschauung Y beschränkt; aus jeder Beschränktheit entsteht ein Gefühl, also müsste auch hier ein Gefühl entstehen, das Gefühl eines Denkzwangs, und mit diesem Anschauung meiner selbst. Eine Anschauung, in der das Anschauende selbst gesetzt wird, die auf das Anschauende bezogen wird, heißt ein Begriff vom Ding, hier von Y.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 101f.

*) [indem die an sich unbeschränkte ideale Tätigkeit auf die Beschränktheit der realen Tätigkeit notwendig reflektiert. JE]


Nota. - Im Gefühl, nämlich wenn sie auf Sinnliches stößt, ist die Einbildungskraft beschränkt; sie muss sich an das halten, was sie vorfindet. In der Reflexion - Anschauung ist die allererste Reflexionsstufe - ist die Einbil- dungskraft nicht beschränkt, sie kann über das Angetroffene hinausgehen. Es entsteht ein Überschuss.

Was nun hat es mit dem 'Denkzwang' auf sich? Wo die Anschauung an die Stelle stößt, die der realen Tätigkeit ein Gefühl mitteilt - also an den Gegenstand Y -, da entsteht auch ihr ein Gefühl ("Selbstaffektion"), nämlich ein Denkzwang, sie muss sich den Gegenstand so vorstellen und nicht anders; aber sie muss dort nicht stehenbleiben und schießt darüber hinaus.

Die so sehr abstrakte Diktion Fichtes ist, wenn man es ernstlich ausprobiert, bildhafter und 'anschaulicher', als ihr nachgesagt wird
JE




...wie komme ich dazu zu sagen: alles ist mein Begriff?

Das Ich war bisher das Fühlende, es müsste auch das Begreifende sein; der Begriff müsste mit dem Gefühle notwendig vereinigt sein, so dass eins ohne das andre kein Ganzes ausmachte. Im Selbstgefühl ist Gefühl und Begriff vereinigt. Ich bin gezwungen, die Dinge so anzusehen, wie ich sie ansehe, wie ich mich selbst fühle, so fühle ich diesen Zwang in mir.

So ist bisher das Ich als das Begreifende selbst begriffen oder angeschaut worden, wir wollen jetzt weiter gehen: Ich kann mich als Ich nur setzen, in wiefern ich mich [als] tätig setze. - Da das Gefühl nur Beschränkung sein soll, so kann ich mich als Ich nicht fühlen, wenn nicht noch eine andre Tätigkeit hinzukommt. Mithin lässt sich aus dem Gefühle allein das Bewusstsein  nicht erklären, also müsste ich mich in dem Begriff Y setzen als tätig: Das Ideale gibt sich dem Gefühle hin; wie / dies zugehe, ist besonders der Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung.

Ich setze mich als Ich heißt: ich setze mich als tätig. Das Materiale der Tätigkeit (was dabei angeschaut wird) ist ein Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. (Das Formale ist die Selbstaffektion, das gehört nicht hie[r]her.) Das Ich soll hier im Begriffe tätig gesetzt werden, als von einer gewissen Unbestimmtheit zu einer gewissen Bestimmheit übergehend.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 102f. 




Das Bestimmte, zu dem übergegangen wird, ist der Begriff eines bestimmten Dinges, aber ich selbst bin auch bestimmt in diesem Begriffe, weil das Quantum dieses Begreifens meinen Zustand ausmacht.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 103


Nota. - Nicht nur ich bestimme den Begriff. Der Begriff bestimmt auch mich, indem er das Maß meines Begreifens bestimmt.
JE





Ohnerarchtet das freie Wesen alles, was für dasselbe da sein soll, aus sich hervorbringen muss, so muss ihm doch etwas als notwendig gegeben erscheinen. Woher dieser Schein? 

Er ergibt sich aus der Natur des freien Wesens; es fängt von einem freien Handeln an, welchem gar kein Bewusstsein vorausgeht. Dieses freie Handeln wird Gegenstand des Bewusstseins und kann hinterher als Produkt der Freiheit ange-/sehen werden. Aber dadurch, dass es Objekt des Bewusstseins wird, erscheint es als gegeben, dies liegt im Charakter der idealen Tätigkeit, welche gebunden werden muss durch etwas, das sie nicht hervorgebracht hat.

Man kann auch sagen, das freie Wesen kann nicht handeln, ohne auf Etwas zu handeln. Dieses Etwas kommt auch durch Freiheit, weil aber diese nicht Handeln auf Etwas ist. so bliebt sie im Dunkeln. Daher kommt, dass notwendig eine Objekt für uns da sein muss.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 107f.


Nota. - Das ist das Geheimnis der Idee des Wahren, Absoluten, Unbedingten. Selbst wenn die empirische Person Philosophie studieren sollte und zu der Erkenntnis käme, dass sie alles, was in ihrem Bewusstsein vorkommt, selbst erschaffen habe, würde sie immer noch wünschen, sich selber als begründet vorkommen zu dürfen und nicht einfach aus der Luft gegriffen; eine Substanz zu haben, ein Sein, das seinem Dasein vorausge- setzt ist. Den wirklichen Menschen ist die Vorstellung von einem An-sich hinter der bloßen Erscheinung un- abdingbar; und wenn es einer postmodern leugnet, dann meint er es nicht ernst.
JE 




Das, wovon wir hier reden, soll das Bestimmbare sein, von dem soll zum Be-/stimmten übergegangen werden, doch ist das Bestimmbare in gewisser Hinsicht bestimmt, es ist ein Anschauen, und seine Bestimmtheit besteht darin, dass es ein Begreifen ist...

Das Objekt ist etwas, worauf ich reflektieren könnte oder nicht, aber das hat keinen Sinn, wenn ich nicht schon das Objekt gesetzt, mithin darauf reflektiert habe. So hier. Das Tun oder Handeln des Ich soll gesetzt werden als geschehen könnend oder nicht, aber das ist nicht möglich, wenn nicht schon ein Tun überhaupt gesetzt ist. (Non entis nulla sunt praedicata.)* 

Also das Tun des Ich ist notwendig aller Reflexion auf dasselbe vorauszusetzen, erscheint also als gegeben, wie im vorigen Paragraphen das Ding aus demselben Grunde; oder: Dieses Tun ist das Bestimmbare, welches talis qualis zu dem Übergehen zum Bestimmten als einem Akte der Freiheit vorausgesetzt wird. Aber das Bestimmbare ist, inwiefern es anschaubar sein soll, etwas Objektives im weitesten Sinne des Worts, und wird hier bei der Reflexion auf das Übergehen schon [vor-]gefunden.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 108f. 


*) Das Nichtseiende hat keine Merkmale.





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