Donnerstag, 15. Juni 2017

§ 1.

//S. 27//
§ 1
Vorläufige Bemerkungen

1. Es ist neuerdings sehr geeifert worden gegen das Aufstellen eines ersten Grundsatzes in der Philosophie; von eini- gen, weil sie etwas dabei denken, von anderen aber, weil sie die Mode mitmachen.

Diejenigen, welche sagen: Sucht keinen ersten Grundsatz, können sagen wollen entweder, Ihr sollt in der Philosophie überhaupt nicht systematisch verfahren, so etwas ist unmöglich – werden widerlegt durch das wirkliche Aufstellen eines Systems.

Oder: Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen; ich leite die Wahrheit eines bekannten Satzes auf einen andern über. Wenn aber dies beweisen heißt, dann muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, die nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles andere abgeleitet wird. Sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
Nota.
Soviel zu unsern heutigen "Systematikern", die nicht wissen, was der Name, den sie gewählt haben, historisch wie semantisch bedeutet.
JE

2. Keine von beiden Meinungen scheinen die Besseren, die sich dagegen auflehnen, zu haben. Prof. Beck eifert auch gegen das Suchen eines ersten Grundsatzes. Er meint, die Philosophie müsse ausgehen von einem Postulate, dieses ist aber auch ein Erstes, das nicht weiter bewiesen werden wird, also auch ein Grundsatz. Grundsatz ist jede Erkenntnis, die nicht weiter bewiesen werden soll. Wer aldso ein Poatulat angibt, gibt auch einen Grundsatz an. 

Der Prof. Beck hat den Akzent auf //28// 'Satz' gelegt, und soll sein etwas Objektives, Gefundenes, aus dem durch Analyse herausgebracht wird. Aber wer hat ihn geheißen, Grundsatz so zu erklären? Die Philosophie soll nicht gefunden werden in einem Gegebenen, sondern durch synthetische Fortschreiten. 

Der Satz des Bewusstseins* ist bei Reinhold ein Faktum; durch bloße Zergliederung dessen, was in diesem Satze liegt, soll nach seiner Behauptung die ganze Philosophie zustande kommen. Ein Verfahren, das mit Recht zu tadeln ist.

*) "Im Bewußtsein wird die Vorstellung vom Vorstellenden und Vorgestellten unterschieden und auf beides bezogen." in Eisler, Wörterbuch
 
Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies würde eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstruieren; dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tathandlung aus.

Dies Wort wurde nicht verstanden. Es heißt aber und soll nichts anderes heißen, als man soll innerlich handeln und diesem Handeln zusehen. Wer also einem andern die Philosophie vorträgt, der muss ihn auffordern, diese Handlung vorzunehmen, er muss also postulieren.


Eine Ursache ist etwas nur so Gefundenes, in der Erfahrung mit Notwendigkeit Vorkommendes, und damit kann man nichts anfangen, als es analysieren, wenn man nich unkonsequent [sic] wird und etwas anderes hinzunimmt, wie Reinhold mit seinem Satze des Bewusstseins tat.
 
Der erste Grundsatz ist ein Postulat. So wie der Unterricht in der Geometrie ausgeht von dem Postulat, den Raum zu beschreiben, so muss auch in der Philosophie der Leser oder Zuhörer so etwas tun. Wer den ersten Satz versteht, der wird in die philosophische Stimmung versetzt.

Postulat.
 
Man denke sich den Begriff Ich und denke dabei an sich selbst. Jeder versteht, was dies heißt, jeder denkt darunter etwas, er fühlt sein Bewusstsein auf eine gewisse Weise bestimmt, //29// dass er sich eines Gewissen bewusst ist. Man bemerke nur, wie man es mache, indem man diesen Begriff denkt.

Man denke sich irgend ein Objekt, z. B. diese Wand, den Ofen. Das Denkende ist das Vernunftwesen, dieses frei Denkende vergisst sich aber dabei, es bemerkt die freie Tätigkeit nicht; dies muss aber geschehen, wenn man sich auf den Gesichtspunkt der Philosophie erheben will: Im Denken des Objekts verschwindet man in demselben, man denkt das Objekt, aber nicht, dass man selbst das Denkende sei. Indem ich z. B. die Wand denke, bin ich das Denkende und die Wand das Gedachte. Ich bin nicht die Wand und die Wand ist nicht Ich, beide - das Denkende und das Gedachte - werden als unterschieden.

Nun soll ich das Ich denken. Ich bin also, wie in allem Denken, das Handelnde. Mit derselben Freiheit, mit der ich die Wand denke, denke ich auch das Ich, beim Denken des Ich wird auch etwas gedacht, es wird aber das Denkende und das Gedachte nicht so unterschieden, wie beim Denken der Wand. Beide sind eins, das Denkende und das Gedachte. Beim Denken der Wand geht meine Tätigkeit auf etwas außer mir, beim Denken des Ich geht sie aber auf Ich zurück. (Der Begriff der Tätigkeit braucht nicht erklärt zu werden, wir sind uns derselben unmittelbar bewusst, sie besteht in einem Anschauen.)

Nota.
- Mit dem Postulat, das Ich zu denken im Unterschied zu allen äußeren Objekten, beginnt das Philosophieren selbst. Ob auch die Darstellung des ganzen Systems einst von einem - und von diesem! - Postulat wird ausgehen müssen, ist eine ganz andere Frage.
JE

Der Begriff oder das Denken des Ich in dem auf-sich-Handeln des Ich selbst und ein Handeln im Handeln auf sich selbst gibt ein Denken des Ich, und nichts anderes. Beide erschöpfen sich gegenseitig. Das Ich ist, was es sich selbst setzt, und weiter nichts, und das, was sich selbst setzt und in sich zurückgeht, wird ein Ich, und nichts anderes.

In sich zurückgehende Tätigkeit und Ich sind eins, beide erschöpfen einander gegenseitig. Dieser Satz könnte Schwie- rigkeiten erregen, wenn man unter dem Ich in dem aufgestellten Satz mehr verstünde, als darunter verstanden wer- den soll.
Nota.
 - Aufmerksamkeit ist gerichtet, sonst wäre sie keine. Richte ich sie auf dieses, ziehe ich sie ab von jenem. Indem ich auf den Gegenstand merke, kann ich nicht auf mich merken, und umgekehrt. Das ist keine Beson-derheit der menschlichen Aufmerksamkeit: Dem Tier geht es nicht anders. Die Besonderheit der menschlichen Aufmerksamkeit ist: Wir können unsere Aufmerksamkeit willkürlich lenken. Das kann das Tier nicht.* Es kann auf sein Ich nicht aufmerksam werden.
*) Es sei denn, wenn es klug ist – wie manche Affen und wohl auch Raben –, im Spiegel.
JE 

Das Ich ist nicht Seele, die Substanz ist; jeder denkt sich bei dem Ich noch etwas im Hinterhalte. Man denkt, ehe ich so und so es machen kann, muss ich sein. Diese Vorstellung muss gehoben werden. Wer dies behauptet, behauptet, dass das Ich unabhängig von seinen Handlungen sei. Oder man sagt ferner: //30// Ehe ich handeln konnte, musste doch ein Objekt sein, auf das ich handelte. 

Aber was will denn dieser Einwurf sagen? Wer macht denn diesen Einwurf? Ich selbst. Ich setzte mich also vorher selbst, und der ganze Einwurf ließe sich auch so ausdrücken: Ich kann das Setzen des Ich nicht vornehmen, ohne eine Gesetztheit des Ich durch sich selbst anzunehmen. 

Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich auf mich zurückgehend handle.
Nota.
 Es ist das Mysterium des AnfangsDer Anfang lässt sich nicht diskursiv denken, nicht begreifen, nämlich nicht auf seine Bedingungen zurückführen, denn die wären 'vor' dem Anfang, was widersinnig ist. Der Anfang lässt sich nur anschauen, nämlich actu: indem ich ihn mache.
Vom Urknall und dem Anfang von Raum und Zeit ist ja hier nicht die Rede. Es geht um den Anfang des Vor- stellens, aus dem Vorstellen tritt die Wissenschaftslehre an keiner Stelle hinaus; sie darf gar nicht anders als immanent argumentieren.
JE
 
Was hat man nun getan, indem man handelte, und wie hat man es getan?

Ich bin mir irgend eines Objekts B bewusst, dessen aber kann ich mir nicht bewusst sein, ohne mir meiner selbst bewusst zu sein, denn B ist nicht Ich, und ich bin nicht B. Ich bin mir aber nur dadurch meines selbst bewusst, dass ich mir des Bewusstseins bewusst bin. Ich muss mir also bewusst sein des Aktes des B, des Bewusstseins vom Bewusstsein. 

Wie werde ich mir dessen bewusst? Dies geht ins Unendliche fort, und auf diese Weise lässt sich das Bewusstsein nicht erklären. Der Hauptgrund ist, dass das Bewusstsein als Zustand des Gemüts, [also] immer als Objekt genommen wurde, wozu es den immer eines anderen Subjektes bedurfte. Wären dies die bisherigen Philosophien inne geworden, so würden sie vielleicht auf den rechten Punkt gekommen sein.

Dieser Einwurf ist nur so zu heben, dass man ein Objekt des Bewusstseins finde, welches zugleich Subjekt wäre; dadurch ein unmittelbares Bewusstsein aufgezeigt würde, ein Objekt, dem man nicht ein neues Subjekt entgegenzusetzen hat.
Nota.
- Bewusst sein ist kein Zustand. 'Sondern ein Akt', müsste hier folgen; actus purus. Aber das ist eher ein Thema der Psychologie und interessiert F. an dieser Stelle nicht. Hier geht es darum: Wenn ich mir das Bewusstsein als einen Zustand vorstelle, erscheint es als ruhendes Objekt eines Vorstellenden und nicht selbst als vorstellend - und folglich als etwas anderes als ich, es kommt niemals in mich hinein und ich nicht in es. Die Vorstellung, dass ich auf bewusste Weise bin, und zwar in der Verlaufsform und nicht als Ruhe, wird so abgeschnitten. Aber dies ist immerhin ein Wink an die empirischen Psychologen, in welcher Richtung sie suchen sollen, und so behauptet die Transzendentalphilosophie immerhin ihren Nutzen als Regulativ der realen Wissenschaften. JE

Antwort auf obige Frage: wie werden wir uns des Handelns bewusst? Wir beobachteten und wurden uns dessen im Handeln bewusst. Ich, der ich handelte, wurde mir bewusst meines Handelns. Das Bewusstsein des Handelns und das Handeln war eins, durch unmittelbares Bewusstsein. In und mit dem Denken wurde ich mir des Denkens bewusst, das heißt ich setze mich als [im] Denken handelnd. Also auch in diesem Bewusstsein setze ich mich selbst als Subjekt und Objekt dasselbe [sic], und dadurch erhielten wir das unmittelbare Bewusst-//31//sein, das wir suchten. Ich setze mich schlechthin. Ein solches Bewusstsein ist Anschauung, und Anschauung ist ein sich-selbst-Setzen, kein bloßes Setzen. 

Alles Vorstellen ist ein sich-Setzen. Vom Ich geht alles aus. Das Ich ist kein Bestandteil der Vorstellung, sondern vom Ich geht alle Vorstellung aus. Alles mögliche Bewusstsein setzt das ursprüngliche Bewusstsein voraus und ist außer dem nicht zu begreifen.
Nota.
 - Das Ich 'ist' ein Noumenon. Ich kann es nicht anschauen, sondern nur denken. Ich schaue an dieses und jenes, namentlich schaue ich an mich als vorstellend. Dass es jemanden gab, der vorstellen können musste, bevor er wirklich vorgestellt hat, kann - und muss - ich mir lediglich hinzudenken. Daher heißt es eingangs ganz richtig: Der Begriff des Ich entsteht dadurch, dass ich mich selbst setze; und nicht: Das Ich entsteht... Nicht das Handeln folgt aus einem Ich, sondern ein Ich muss dem Handeln notwendig vorausgedacht werden. Real ist nur das Handeln, genauer: Nur handeln ist real.
 JE

Die Identität des Gesetzten und des Setzenden ist absolut, sie wird nicht gelernt, nicht erfahren, sie ist das, was erst alles Lernen und Erfahren möglich macht. Das Ich ist gar nicht Subjekt, sondern Subjekt-Objekt: Sollte es bloß Subjekt sein, so fällt man in die Unbegreiflichkeit des Bewusstseins, soll es bloß Objekt sein, so wird man getrieben, ein Subjekt außer ihm zu suchen, das man nie finden wird. Ich, Subjekt, Seele und Gemüt ist nicht dasselbe. Subjekt ist das Ich, inwiefern es etwas setzt in der Vorstellung.

Das Ich setzt sich schlechthin. Dass es sich im unmittelbaren Bewusstsein als Subjektobjekt setze, ist unmittelbar, es kann keine Vernunft darüber hinausgehen; über die anderen Bestimmungen, die im Bewusstsein vorkommen, lassen sich Gründe angeben, von dieser aber nicht. Das unmittelbare Bewusstsein ist selbst der erste Grund, der alles andere begründen soll, bis zu ihm muss man gehen, wenn unser Wissen einen Grund haben soll. 

Wir müssen von diesem Grunde wissen, denn wir sprechen davon, wir kommen dazu durch unmittelbare Anschau- ung, wir schauen unsere unmittelbare Anschauung selbst wieder unmittelbar an; dies wäre unmittelbare Anschauung der Anschauung. Es ist also reine Anschauung des Ich als Subjekt-Objekt möglich, eine solche heißt, da sie keinen Stoff an sich hat, mit Recht: intellektuelle Anschauung.
Nota.
 - An anderer Stelle habe ich als ersten, letzten Grund unseres Vorstellens und Denkens die Idee des 'Wahren' oder 'Absoluten' bezeichnet, das habe ich nicht vergessen. Es scheint das genaue Gegenteil zu besagen; tut es auch, denn es handelt sich um zwei einander entgegengesetzte Betrachtungsweisen: Hier spricht der Transzendentalphilosoph, der den wirklichen vorstellenden Individuen zusieht und berichtet, was er sie tun sieht; dort ist die Rede von ebendiesem Individuum, das in seine tatsächlichen Vorstellungen Sinn und Ordnung bringen will.
JE
 
Kant leugnet die intellektuelle Anschauung, aber er bestimmt den Begriff der Anschauung so, dass sie nur sinnlich sein kann, und darum sagt er: Diese sinnliche Anschauung kann nicht intellektuell sein. Wenn einer behauptet, er //32// schaue das Ich an als ein Ding, wie Platner, oder wenn einer eine unmittelbare Offenbarung in sich anzuschauen glaubt, gegen den hat Kant recht.

In der sinnlichen Anschauung wird etwas Fixiertes, Ruhendes, gewöhnlich im Raume angeschaut, aber in unserer intellektuellen Anschauung wurde nur ein Handeln angeschaut. Kant hatte sie, nur reflektierte er nicht darauf; Kants ganze Philosophie ist ein Resultat dieser Anschauung, denn er behauptet, dass die notwendigen Vorstellungen Produkte eines Handelns des Vernunftwesens sei, und nicht des Leidens.

Dies konnte er doch nur durch Anschauung haben. Bei Kant findet Selbstbewusstsein statt; Bewusstsein des Anschauens in der Zeit; wie kommt er dazu? Doch nur durch eine Anschauung, und diese ist doch wohl eine intellektuelle.
Nota. I
- Den sinnlichen Anteil an der Anschauung nennt Fichte Gefühl, Leiden: ein unfreier Zustand. Anschauen ist - als ein Reflektieren auf das Gefühl - ein Handeln, und geschieht aus Freiheit. (Kant hatte zwischen Anschauung und Sinnlichkeit noch nicht unterschieden.)
Nota II.
- Die intellektuelle Anschauung gehört zu dem an seiner Stelle so genannten unmittelbaren Bewusstsein. Dieses finde statt im Handeln selbst, aber um sich 'anzuschauen', müsste es sich erst noch 'gegen sich selbst wenden', müsste sich repräsentieren und würde ipso facto mittelbar. Dies eben wäre intellektuelle Anschauung.
Das kann es an dieser Stelle noch nicht; um sich 'selbst' zu setzen, muss er sich ein Objekt entgegen gesetzt haben. Vorher ist er nicht Ich und kann auf sich nicht reflektieren und sich selbst zum Gegenstand wählen: Es muss das sinnliche Gefühl dazwischen getreten sein. Intellektuelle Anschauung ist erst als willkürlich freier Akt möglich; als der Entschluss, zu philosophieren.
Gegenstand der 'intellektuellen Anschauung' ist ja das 'unmittelbare Bewusstsein', aber nicht als Akt, im Moment seines Geschehens, sondern schon in der Reflexion, als ein längst Geschehenes. Es kann überhaupt nur 'als Begriff angeschaut' werden - was eigentlich ein Paradox ist.
JE
Nicht so vernunftmäßig wie Kant verstehen diejenigen, welche die intellektuelle Anschauung hinterher leugneten, nachdem sie ihnen doch vorher deduziert worden war (der Rezensent über Schellings Ich, vide Allgemeine Zeitung, 1798) sie werden sich ihrer Freiheit im Denken nie bewusst [sic].

Wer sich das Ich zuerst dachte, der hatte einen Begriff davon. Wie kommt dieser Begriff zustande?

Um mich selbst als mich selbst wahrnehmen zu können, müsste ich mich schon als gesetzt voraussetzen. Zu der Tätigkeit, mit der ich mich setze, ging ich über von einer Ruhe, Untätigkeit, die ich er Tätigkeit entgegensetze. Anders konnte man die Vorstellung der Tätigkeit nicht bemerken; sie ist ein Losreißen von einer Ruhe, von welcher zur Tätigkeit übergegangen wird. Also nur durch Gegensatz war ich vermögend, mir meiner Tätigkeit klar bewusst zu werden und eine Anschauung derselben zu bekommen.

Handeln ist gleichsam Agilität, Übergehen im geistigen Sinne, dieser Agilität wird im Bewusstsein entgegengesetzt ein Fixiertsein, ein Beruhen. Umgekehrt kann ich mir auch der Ruhe nicht bewusst werden, ohne dass ich mir der Tätigkeit bewusst bin. Man muss daher beide zugleich ansehen, um eine von beiden einzeln ansehen zu können. Nur durch Gegensatz ist eine bestimmtes klares Bewusstsein möglich.Wir haben es hier aber nicht mit diesem Satze überhaupt, sondern mit dem einzelnen bestimmten Falle zu tun, der hier in Frage kommt.

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, //33// in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes. Es bleibt keine Tätigkeit mehr, es wird ein Produkt; aber nicht etwa ein anderes Produkt, als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor der Tätigkeit des Ich vorherging; sondern bloß das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert. So etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.

In dieser in sich zurückgehenden Tätigkeit, als ruhend angeschaut, fällt Subjekt und Objekt zusammen, und dadurch entsteht das Positive, Fixierte. Dieses Zusammenfallen beider, und wie dadurch die Anschauung in einen Begriff verwandelt wird, lässt sich nicht anschauen, sondern nur denken. Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen. Dies bestätigt die oben aufgestellte Theorie des Bewusstseins.
Nota:
- 'Als ruhend' heißt: außerhalb des Zeitverlaufs; bloß im Raum heißt: als reine Form der Tätigkeit. - Es ist überhaupt nur dieses Vermögen, ein Tun 'als ruhend', als bloße Form aufzufassen und zum Begriff zu bilden, das die Vorstellung von einem An sich möglich macht.
JE

In dieser in sich zurückgehenden Tätigkeit, als ruhend angeschaut, fällt Subjekt und Objekt zusammen, und dadurch entsteht das Positive, Fixierte. Dieses Zusammenfallen beider, und wie dadurch die Anschauung in einen Begriff verwandelt wird, lässt sich nicht anschauen, sondern nur denken. Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen. Dies bestätigt die oben aufgestellte Theorie des Bewusstseins.
Nota I.
- Die Scheidelinie zwischen den beiden markiert der Begriff. Und zwar nicht, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle anderen in derselben Situation; sondern sobald ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung gefasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die vertrüge nämlich keine (Re-) Konstruktionsvorschrift
Empirisch handelt es sich wohl um den Akt der Digitalisierung. Jedoch: Die Transzendentalphilosophie beschreibt nicht einfach, was geschieht, sondern will seinen Sinn deuten. Das ist kein bloßes Übersetzen aus der einen Sprache in die andere. Es ist - übrigens in beiden Richtungen - mehr als das.
Nota II.
- Und nie vergessen: Wir treten in der Wissenschaftslehre aus der Vorstellung nie hinaus. Sie bleibt überall immanent, sie ist Selbstaufklärung des Vorstellens. (Aber außerhalb des Vorstellens ist nichts weiter. - Oder alles, was es gibt, gibt es in der Vorstellung und durch die Vorstellung. Was ich mir nicht vorstellen kann, kann ich mir nicht einmal vorstellen.)
JE


Bewusstsein der Anschauung haben ist philosophisches Genie. Alles Denken geht von der Anschauung aus, sonach muss auch alles Philosophieren von der Anschauung ausgehen. 

Bei Kant heißt die Philosophie eine Vernunfterkenntnis aus Begriffen, dies kann aber bei ihm selbst nicht so sein, denn nach ihm ist jeder Begriff ohne Anschauung leer. Auch spricht er von transzendentaler Einbildungs-kraft, diese lässt sich nur anschauen.

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich in demselben Moment und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine An-schauung [rück]beziehen.
Nota.
Die Wissenschaftslehre hat zum Gegenstand das uns heute gegebene System des Wissens. Dieses will sie verstehen: zurückführen auf seine immanenten Prämissen. Sie beschreibt nicht, wie dieses System in der historischen Wirklichkeit entstanden ist. Entstehen konnte es nur, indem aus den wirklich vorkommenden Vorstellungen progressiv alles für die Systembildung Unbrauchbare ausgeschieden wurde. Es ist Material einer historischen Darstellung. In einer Darstellung des fertigen Systems hat es nicht zu suchen.
Der gegenwärtige Teilhaber dieses Systems - einer 'Reihe vernünftiger Wesen' - kann nicht anders, als seine Vorstellungen mit dem ihm als Apriori gegebenen System ins Verhältnis zu setzen: Seine Vorstellungen drängen zum Begriff. Dass sie von ihm "unzertrennlich" wären, trifft aber nur in der einen Richtung zu: Die Begriffe sind von den in ihnen gefassten Vorstellungen unzertrennlich. Doch nicht gilt die Umkehrung. Nicht jede Vorstellung bedarf ihrer Bestimmung; sondern nur diejenige, die mit den Andern (='vernünftigen Wesen') geteilt werden soll. Was ich ganz für mich behalten darf, mag unbestimmt und begriffslos bleiben.
In einer historischen Darstellung müsste gezeigt werden, dass und wie die Vorstellungen zu Begriffen erst wurden - durch progressives Ausscheiden des Unbrauchbaren im Verkehr.
//34//
§1
Postulat.

Den Begriff des Ich zu entwerfen und zu bedenken, wie man dabei verfahre.

Indem man der Aufforderung zu Folge das Verlangte tut, werde man, wurde behauptet, sich tätig finden – und seine Tätigkeit gerichtet finden auf das Tätige selbst. Sonach komme der Begriff des Ich zu Stande nur durch in sich selbst zurückgehende Tätigkeit, und umgekehrt, durch diese Tätigkeit komme kein anderer Begriff zu Stande als dieser. Indem man in dieser Tätigkeit sich beobachte, werde man derselben sich unmittelbar bewusst; oder: man setze sich als setzend.

Dieses als das einzige unmittelbare Bewusstsein sei als Erklärungsgrund alles anderen möglichen Bewusstseins voraus zu setzen.

Es heißt die ursprüngliche Anschauung des Ich (das Wort im sub- und objektiven Sinne genommen; denn Anschauung kann zweierlei heißen, α. Anschauung, die das Ich hat, dann ist das Ich das Subjekt, das Anschauende; oder β. Anschauung, die auf das Ich geht, dann ist die Anschauung das Objektive und das Ich das Angeschaute; hier wird das Wort zugleich in beiden Bedeutungen genommen.)

Man werde ferner bemerken, dass man sich nicht als handeln-könnend setzen könne, ohne diesem Handeln eine Ruhe entgegenzusetzen. Durch Setzen der Ruhe entsteht ein Begriff, und in diesem Falle der Begriff des Ich.“

§1 (Diktiert, 1798) [Zusammenfassung]

Alles Bewusstsein ist begleitet von einem unmittelbaren Selbstbewusstsein, genannt intellektuelle Anschauung, und nur in Voraussetzung dessen denkt man. Das Bewusstsein aber ist Tätigkeit, und das Selbstbewusstsein insbesondere in sich zurückgehende Tätigkeit der Intelligenz, oder reine Reflexion.

Anmerkung. 

Alles zufolge angestellter Selbstbeobachtung. Diese reine Reflexion als Begriff angesehen wird gedacht durch ich. Ich setze mich sonach schlechthin durch mich selbst, und durch dieses Selbstsetzen ist alles andere Bewusstsein bedingt.

In diesem Collegio wird experimentiert, das heißt, die Vernunft wird gezwungen, auf gewisse planmäßige Fragen zu // 35 // antworten, die Resultate unserer Experimente fassen wir dann in Begriffe zum Behuf der Wissenschaft und des Gedächtnisses. 
Nota.
 – Im Begriff wird das, was als tätig angeschaut wurde, als ruhend gedacht – um im Gedächtnis aufbewahrt und andern mitgeteilt zu werden, fügt der Psychologe hinzu; denn als lebendige Tätigkeit war es nur ad hoc wahrnehmbar.
JE

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