S. 170-179



Wir können nie erfahren, dass wir einen Leib haben. Dies und dass er unser ist müssen wir voraus wissen als Bedingung alles Erfahrens, alles [...] Lernens. Durchs bloße Denken wird dies hervorgebracht, und erst später wirds Gegenstand der Wahrnehmung. 
_______
 S. 171


Nota. - Der Grund ist denkbar einfach: denn nicht anschaulich, sondern durch Reflexion unterscheide 'ich' mich von 'meinem' Körper; vorher waren wir ein und derselbe. 
JE 





...Sein aber ist die Versinnlichung der Beschränkung. 

Aber alle Erkenntnis der freien Wesens bezieht sich notwendig auf sein Wollen und Handeln, es kann also ursprünglich nicht bloßes Bewusstsein eines Seins stattfinden. Es wird nicht erkannt, ohne dass man sich im Handeln danach richte, alle Erkenntnis ist praktisch, nicht nur in Rücksicht der Veranlassung, sondern auch in Absicht des nachmaligen Handelns. Sein und Handeln steht in unablässiger Wechselwirkung, da ja beides nur eins ist, nur angesehen von verschiednen Seiten.
_____
 S. 174


Nota. - Eine Erkenntnis, die nicht praktisch wird, ist noch keine.
JE





Ein Bestimmbares durch meinen Willen gibts nur, in so fern wirklich im Bewusstsein ein bestimmter Wille da ist, denn das Bestimmbare ist nur durch das Bestimmte möglich, und letzteres ist bloß Resultat eines Überge-hens aus der bloßen Bestimmbarkeit, und Bestimmbares ist eben das, wodurch übergegangen wird. Diese beiden müssen schlechthin beisammen sein; hier ist leicht Irrtum möglich, nämlich im Fortgange eines schon angeknüpften Bewusstseins lässt sich ein Bestimmbares denken, ohne daraus zu wählen, aber beim Anfange des Bewusstseins ist eine solche Abstraktion nicht möglich. – 

Bestimmbares und Bestimmtes müssen also notwendig eins sein. Folglich müsste von jeder Erkenntnis vom Objekte (dem Bestimmbaren für ein mögliches Wollen) ein empirisches Wollen in demselben Momente vereinigt sein. Uns im wirklichen Bewusstsein scheint Wahl und Dekret des Willens so, dass die Wahl dem Wollen vorhergeht. – Hier geht das Bestimmbare dem Bestimmten voraus, aber indem ich wähle, weiß ich doch, dass ich wähle; dies heißt nichts anderes, als dass ich meine Deliberation auf ein Wollen beziehe. Aber woher weiß ich denn, was Wollen heißt? Nur, in wiefern ich schon gewollt habe. Diese Form des Wollens beziehe ich demnach auf die Wahl. Das mögliche Wollen kann ich nur durch das wirkliche Wollen kennen. Hier stehen wir aber am Anfange des Bewusstseins, wo die Form des Wollens nicht übertragen werden kann. Hier müsste also Wollen und Deliberieren zusammenfallen.

Ein empirisches Wollen erscheint als Übergehen von der Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit, charakterisiert wird es durch die völlige Kontraktion meines ganzen Wesens auf einen einzigen Punkt, [während] dies beim Denken nicht ist, [wo] man zwischen Entgegengesetzten schwebt. (Alles empirisches Bewusstsein ist etwas bestimmtes, aber es gibt zweierlei Bestimmtheit, unvollendete und vollendete, erstere erscheint dem Denken, letztere dem Wollen; in dem Denken ist noch ein Blick aufs / Entgegengesetzte, aber wenn ich will, will ich dies und nichts anderes, das andere durchs Denken Angeschaute liegt nicht im Wollen.)

Nun erscheint alle Bestimmtheit als Übergehen pp - es gibt also auch zweierlei Bestimmbarkeit: eine fürs Denken und eine fürs Wollen, das Denken selbst ist Bestimmbarkeit des Wollens. Wollen ist quasi die zweite Potenz unseres empirischen Vermögens, Denken ist die erste. Uns ist insbesondere um die Unterscheidung des empirischen Wollens vom reinen zu tun. Alles, worauf die Tätigkeit je reflektieren kann, das höchste Bestimm-bare, ist das reine Wollen. Dieses Ganze wird vor allem bestimmt durch das Denken eines mich beschränken-den Begriffs (Individualität). 

Es sind drei Grade: 

1) reiner Wille, Absolutheit der gesamten Vernunft, des Vernunftreichs, dies ist dass höchste Bestimmbare, wird weiter bestimmt dadurch, dass es aufgefasst  wird durch 

2) Individualität. Dies ist Bestimmbares 

3) für ein einzelnes Moment des Bewusstseins, für eine bestimmten Willen. Das empirische Wollen ist blox Reflexion auf das reine Wollen überhaupt.
________
 S. 175f.


Nota. – Er sagt es mehrfach: Hier ist noch die Rede vom Anheben des Bewusstseins; nicht schon vom täglichen Geschäft des diskursiven Denkens: eines "schon angeknüpften Bewusstseins".


(Übrigens: Während man anderorten den Eindruck hat, Vernunft sei eine übersinnliche, überindividuelle Kraft hinter dem Wollen, klingt es hier so, als sei (das reine) Wollen der Urquell der Vernunft. Solange beide als Noumena, bloße Gedankendinge zu Erklärungszwecken, gefasst bleiben, ist das ja in Ordnung. Wie aber, wenn Das Reine Wollen als ein überpersönliches Seiendes=Wirkendes gefasst würde? – Schopenhauer hat sein Philosophiestudium bei Fichte begonnen.
JE 



Wie wird beschriebene Reflexion* möglich sein? Nur so, dass die Erkenntnis in Beziehung auf eine Beschrän-kung durch einen Begriff nicht möglich sei ohne ein Wollen und umgekehrt. Dies letztere ist deutlich, es gilt durchs ganze Bewusstsein. Aber die erste Hälfte, dass Erkenntnis nicht ohne ein Wollen möglich sei, lässt sich nur so denken: In der Erkenntnis müsste das Wollen drin liegen, es würde nur Bestimmbarkeit des Wollens begriffen, anders könnte es nicht verstanden werden. Dies ist der Begriff der Aufforderung zur freien Tätigkeit.
_____
 S. 176



Nota. – Begreifen ist Fortgang in der Selbstbestimmung des Wollens: Das Wollen 'begreift' immer nur sich – indem es sich bestimmt; und dies immer weiter, Schritt für Schritt. Ein anderes Begreifen gibt es gar nicht.
JE






Das Intelligible ist das einzige Ursprüngliche, die Sinnenwelt ist eine gewisse Ansicht des erstern, mit letzterer haben wir es hier nicht zu tun, wie sich ersteres in letzteres verwandelt vide infra. Aber in wieweit ist das Intelligible bestimmt? –

Es soll ein reiner Wille zu Grunde liegen, nicht ein empirisches Wollen, oder Vernunft überhaupt, oder Abso-lutheit des Vernunftreichs, welches bis jetzt noch unverständlich ist; diese / ist Das Bestimmbare zu einem Bestimmten, letzteres bin ich als Individuum, diese Erkenntnis ist oben [sic] ein Fortgehen vom Bestimmbaren zum Bestimmten, ich bin  ein durch sich selbst herausgegriffener Teil aus dem Vernunftwesen; jetzt wird stille gestanden bei dem Hervorgehen der Individualität aus der Vernunft, welche so hervorgeht, dass ich mich finde als etwas nicht könnend oder dürfend, was doch eigentlich ursprünglich für mich sein muss. Der bestimmte Akt hierbei ist Aufforderung zur freien Tätigkeit, diese kommt her und wird so beurteilt von einem andern vernünftigen Wesen meinesgleichen. Das Selbstbewusstsein hebt also an vom meinem Herausgreifen aus der Masse vernünftiger Wesen überhaupt. –

Dieser Begriff der Selbstheit als Person ist nicht möglich ohne den Begriff einer Vernunft außer uns; dieser Begriff wird also auch konstruiert durch Herausgreifen aus einer höheren weiteren Sphäre. Die erste Vorstellung, die ich haben kann, ist die Aufforderung meiner als Individuum zu einem freien Wollen.
________
 S. 176f.


Nota. – Das hatte ich also bei meinem gestrigen Eintrag übersehen. Er hat den 'Begriff einer Vernunft außer uns' nicht abgeleitet und auch nicht problematisch reklamiert; er hat ihn "konstruiert", aber nicht aus demon-strierten Prämissen, auch nicht aus – anderweitig begründeten – Konsequenzen de- oder reduziert; sondern durch den Begriff eines kollektiven Vernunftwesens unterschoben. Hat er die semantischen Ebenen durcheinandergebracht?

Das Intelligible, nämlich das reine Wollen, war das letzte Ergebnis des analytischen Ersten Gangs der Wissen-schaftslehre gewesen. Ein reines Denkgebilde, das angenommen werden muss, wenn man die Realität der wirk-lich handelnden Menschen verstehen will. Es ist ein Noumenon. Dass ich es jedem Einzelnen zurechnen muss, wenn ich ihn als Vernunftwesen erkennen soll, bedeutet zwar faktisch, dass ich es Allen zurechnen muss; aber dadurch synthetisiert es sich nicht selber zu einem kollektiven Subjektdas ich im weiteren als real tätig annehmen darf; es tut 'selber' gar nichts, denn es war Noumenon und bleibt Noumenon.

– Je weiter sich sein Vortrag nova methodo in den Atheismusstreit hineinschiebt, umso mehr neigt sich die Waag-schale seiner ursprünglich schwankenden Vernunft der dogmatischen der beiden möglichen Varianten zu.
JE 






Dieser Begriff der Selbstheit als Person ist nicht möglich ohne Begriff von einer Vernunft außer uns; dieser Begriff wird also auch konstruiert durch Herausgreifen aus einer höheren, weiteren Sphäre. Die erste Vorstellung, die ich haben kann, ist sie Aufforderung meiner als Individuum zu einem freien Wollen.

Dies ist eine Erkenntnis, wie wir sie suchten, in welcher das Wollen gleich drinnen läge, mit ihrer Erkenntnis ist ein Wille begleitet. Sinnlich betrachtet ist es so: Entweder ich handle nach dem Willen oder nicht; habe ich die Aufforderung verstanden, so entschließe ich mich doch durch Selbstbestimmung, nicht zu handeln, der Aufforderung zu widerstreben, und handle durch Nicht-Handeln.

Freilich muss die Aufforderung verstanden sein, dann muss man aber handeln, auch wenn man ihr nicht gehorcht, in jedem Falle äußere ich meine Freiheit. So müssen wir's uns jetzt denken. Aber man kann höher fragen: Welches ist der transzendentale Grund dieser Behauptung? Der Zweck wird uns mit der Aufforderung gegeben, also die individuelle Vernunft lässt sich aus sich selbst nicht erklären, [das ist] das wichtigste Resultat, es besteht nur im Ganzen durchs Ganze und als Teil des Ganzen; denn wie soll sonst Kenntnis eines Vernunftwesens außer ihm zu erklären [sein,] wenn in ihm keine Mangel ist?

Wir haben uns die Mühe gegeben, den Zweckbegriff zu erklären, da kamen wir in einen Zirkel. Nun aber ist sie beantwortet, denn im Fortlaufe der Vernunft ists damit nicht schwer, es ist nur darum zu tun, den ersten Zweckbegriff dar-/zulegen. Den ersten aber bekommen wir, doch wird uns der Zweck nicht als Bestimmtes, sondern überhaupt der Form nach gegeben, etwas, woraus wir wählen können. ... Kein Individuum kann sich aus sich selbst erklären. Wenn man also auf ein erstes Individuum kommt, worauf man kommen muss, so muss man auch ein noch höheres unbegreifliches Wesen annehmen.
_________
S. 177f.



Nota.I - Wieso aber sollte man das Individuum in und aus der Transzendentalphilosophie erklären wollen? Die Transzendentalphilosophie beschäftigt sich mit dem, was an den Individuen Ichheit ist. Außer Ichheit sind sie auch noch Leib, Stoffwechsel, Leidenschaft und vieles mehr. Reicht das nicht aus, um aus abstrakten Vernunftwesen lebendige Individuen zu machen? 

Es ist wahr, in einem großen Quantum - um im Bilde zu bleiben - von Leib, Stoffwechsel und gar Leidenschaft hat Vernunft nichts zu suchen, es sei denn als ihre Grenze. Und eben darum sind die wirklichen Menschen in der 'Reihe vernünftiger Wesen' unaustauschbare Individuen. Denn historisch ist es ja andersrum: Leib, Stoff- wechsel und Leidenschaften verfolgen vor jeder Vernunft in der sinnlichen Welt ihre Zwecke ohne allen Be- griff. Vernunft und die Erfordernis, ihre Zwecke in Begriffe zu fassen, ergeben sich erst daraus, dass sich in der sinnlichen Welt ihre Wege kreuzen und schon immer gekreuzt haben. Die individuelle Vernunft entsteht dar- aus, dass das sinnliche Individuum von der Reihe der andern freien Wesen zur Vernunft aufgefordert wird; aufgefordert wird, seine Freiheit gegen seine Sinnlichkeit geltend zu machen. Die Individualität ist in der Welt das, was am wenigsten der Erklärung bedarf.

Dass er in der Wissenschaftslehre ein "noch höheres unbegreifliches Wesen" unterbringen will, ist im Übrigen aus dem längst ausgebrochenen Atheismusstreit zu erklären; biographisch, aber nicht logisch.

Nota II. - Das höhere Wesen, das man "annehmen" muss, ist eine bürgerliche Gesellschaft von (zumindest dem Begriff nach) Freien und Gleichen, nämlich Marktsubjekten, und die ist nicht unbegreiflich, sondern, da sie historisch gegeben ist, auch in ihrer tatsächlichen Entstehung beobachtbar. Sie ist die a priori vorausgesetzte Vernünftigkeit, die den empirischen Personen als eine Aufforderung begegnet.
JE



Diese Aufgabe, sich selbst zu beschränken, ist, von einer andern Seite angesehen, Aufforderung zu einer freien Tätigkeit (da sie nicht erscheint als hervorgehend aus dem Individuum, sondern einer Vernunft außer uns; aber sie ist keine Bestimmung durch uns selbst, wenn die nicht durch ein wirkliches Wollen begleitet ist, es schließt sonach das Bewusstsein eines wirklichen Wollens an jene Wahrnehmung einer Aufforderung zur Freiheit sich unabtrennlich an.)

Anmerkung. Die Hauptschwierigkeit war: Das Bewusstsein kann weder durch Wollen noch Erkennen allein angeknüpft werden, sondern von [sic] beiden, aber diese sind voneinander unabhängig? - Allerdings hebt es von beiden an, nur ist die Erkenntnis, von der es anhebt, Aufforderung zur freien Tätigkeit; Kenntnis davon, dass uns ein Zweck gegeben wird, an diese schließt sind demselben Moment ein Wollen an. In diesem X ist Wollen und Erkennen vereint.
______
 S. 178



Nota. - Zuerst zeichnet die Wissenschaftslehre das zeitlose Schema der Vernünftigkeit als Zustand. Es soll doch aber der Zustand von wirklichen Personen sein. Wirkliche Personen sind zuerst einmal in Raum und Zeit: 'Ma-terie'; sind von Naturgesetzen bestimmt und Leidenschaften unterworfen. Wie kommt also dieser Zustand in sie 'hinein'? – Fichtes Antwort: Er war außerhalb der Personen schon vorhanden, er ist ihnen angetragen worden.
JE




Unsere Aufgabe ist längst die: die Bedingungen des Bewusstseins nach den schon bekannten Regeln zusammen zu setzen und das Bewusstsein vor unseren Augen gleichsame zu konstruieren, nur nicht wie der Geometer tut, der sich um die Frage, woher die Fähigkeit, Linien zu ziehen und Raum, herkomme, nicht bekümmert, dieser setzt schon Wissenschaftslehre voraus. 

Denn die Wissenschaftslehre muss das, womit sie / verfährt, sich selbst erkämpfen, und in dieser Rücksicht hat das System bestimmt zwei Teile. Bis dahin, wo gezeigt wurde, reiner Wille ist das wahre Objekt des Bewusst- seins, wurde ausgemittelt, womit verfahren werden sollte. Von da ging der andere Teil an. Wir konstruieren nun wirklich - wir haben nun Feld und Boden gewonnen und nun ein Verfahren zu schildern und anzuwenden. Wir setzen so zusammen: 

Anfangs hatte wir bloße Erkenntnis als Anfangspunkt des Bewusstseins, dann setzten wir hinzu, dass diese nicht ohne ein Wollen möglich sei, i. e. nicht ohne etwas, das [von] dem Vernunftwesen als Wollen gesetzt wird, das nur Erscheinung sei. So ist demanach an das Erstgeschilderte etwas angeknüpft; wir müssen auch eine immer fortfließende Reihe des Bewusstseins beschreiben. 

Was ist denn nun eigentlich das Objekt, das außer uns angenommen werden soll? Hier ist zuerst die Rede von einen Herausgehen aus uns selbst; hier muss streng deduziert werden; den schon angefallenen Punkt müssen wir da näher bestimmen, was in der beschriebenen Erkenntnis für ein Objekt außer uns enthalten ist?
_______
S. 178f.


Nota. - 'Zuerst' verfährt die Wissenschaftslehre analytisch, sie sucht: Von dem Bewusstsein, das sie (historisch) vorfindet, geht sie zurück auf dessen als notwendig eingesehenen Voraussetzungen. So gelangt sie zur Annahme eines reinen Wollens als dem An-sich des Bewusstseins. Von da an verfährt sie synthetisch: Sie konstruiert, sie re konstruiert - nämlich 'wie aus dem Wollen wirkliche Objekte außer uns entstehen'. Aus dem Kreis des Bewusstsein tritt sie nirgends heraus.
JE





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen