S. 120-129



Diese Vorstellung von Kraft lässt sich nur ableiten vom Bewusstsein des Wollens und der mit dem Wollen vereinigten Kausalität. Es ist also zuerst die Frage zu beantworten: Wie finden wir uns denn, indem wir uns wollend finden und diesem Wollen eine Kausalität in der Sinnenwelt zuschreiben? Dieser Punkt kann nicht aus Begriffen abgeleitet werden. Er ist ein weiter nicht abzuleitendes Erstes. – Man muss sich das Wollen überhaupt und die Form des Wollens reproduzieren und sich bei diesem Verfahren beobachten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 123


Nota. - Ein anschauliches Beispiel dafür, inwiefern die genetische Methode der Wissenschaftslehre weder eine logische noch eine historische ist. In der Geschichte unseres Denkens war nicht zuerst eine Idee von wollen da, später kam eine Idee von wirken hinzu, und schließlich ein geistige Bild von Kraft. Und logisch würde man Kraftzuerst in der Physik bestimmen, wollen in der empirischen Psychologie und wirken vielleicht in der Metaphysik. Genetisch setzt dagegen die Vorstellung von Kraft die Vorstellungen von Wille und Wirkung voraus; sie kann nur aus ihnen hergeleitet werden. 
JE



Diese Vorstellung vom inneren Wirken kommt im Bewusst/sein vor als etwas zwischen Gefühl und Gedanken schwebendes, man könnte es nennen ein intelligibles Gefühl. 

Wenn die Einbildungskraft sich selbst überlassen bleibt, so schweift sie herum, und es kostet innere Anstrengung, sie zu binden. Dieses Aktes, des Bindens, werde ich mir unmittelbar bewusst, indem ich ihn vollziehe, und hierdurch lässt sich die intelligible Welt an die Welt der Erscheinungen anknüpfen; was in diesem Gefühle vorkommt, ist die erste innere Kraft, man könnte sie reine Kraft, Kraft auf sich selbst nennen; sie ist Wirkung des Vernunftwesens auf sich selbst.
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Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 126f. 


Nota. - Ich kann meine Aufmerksamkeit richten - und das merke ich.
JE





Der Zustand meines Gefühls verändert sich, wenn ich eine Kausalität wahrnehme; es ist eine stete Fortbewegung von A zu B, in der kein Sprung, kein Hiatus ist. Wenn ich die ge/samte Masse des Gefühls als eine Linie denke, so werde ich keine zunächst liegenden Punkte finden, die ganz entgegengesetzt werden. Nehme ich aber Teile heraus, so sind diese im Ganzen immer entgegengesetzt. 

Z. B. der Zustand des Gefühls, zufolge dessen ich annehmen muss, A sei roher Marmor, verändere sich so, dass ich sonach zufolge des Gefühls A als eine Bildsäule annehmen muss. Dies ist ziemlich unbegreiflich, allein es ist auch nicht Sache des Begreifens (des Denkens), sondern des Anschauens; und wurde nur durch die Ein- bildungskraft so, wie sich das bei der Deduktion der Zeit ergeben hat. 

Der Fortgang soll stetig sein, weil sonst die Einheit des Bewusstseins aufgehoben würde, und sonach bliebe das Bewusstsein, weil das Bewusstsein Einheit ist. Nun sind aber die Gefühle als solche entgegengesetzt und kön- nen ihm Fühlen in derselben Rücksicht nicht stattfinden. Wie soll nun dies Mannigfaltige in der Kausalität ver- einigt werden? Schon oben wurde gesagt: Die Gefühle müssen auf ein in beiden Zuständen fortdauerndes Ge- fühlsvermögen bezogen werden; diese Antwort bekommen wir hier wieder und bestimmte als oben; es liegt daran, dass wir unsere mannigfaltigen Vorstellungen in der Zeit in Eins fassen und uns bei allem Wechsel der Erscheinungen für dasselbe Empfindende halten.
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Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 127f. 









Das Mannigfaltige soll aber nicht nur überhaupt im Bewusstsein vereinigt werden, sondern es soll auch als Wirkung einer einzigen ungeteilten Willensbestimmung gedacht werden, denn nur so wird Kausalität des Willens gedacht.

Diese geforderte Vereinigung ist nur dadurch möglich, dass jedes Einzelne in der ganzen Masse betrachtet werde als bedingt durch das Andere und bedingend ein gewisses Drittes. Jedes mögliche B, das man auffasst, muss angesehen werden als bedingt durch A (umgekehrt könnte A wohl sein, wenn B nicht wäre, B bedingt nicht umgekehrt A, so wie sich A verhält zu B, so B zu C und so fort) und bedingend ein gewisses C. B muss so angesehen werden, dass es nicht sein könnte, wenn nicht ein gewisses A vorausgegangen wäre, und so fort. Dies Verhältnis ist das der Dependenz. Also das Mannigfaltige steht im Verhältnis der Dependenz und kommt dadurch in eine / Reihe. Das beste Beispiel dazu ist Fortbewegung eines Körpers im Raum.

Der Körper stehe in A; ich bewege ihn fort bis in B, in B würde er nicht sein, wenn er nicht in A war, aber es wird nicht gesagt, dass er notwendig aus A in B fortbewegt werden müsste. Jedes vorhergehende Glied verhält sich zu dem folgenden wie das Bestimmbare zum Bedingten (oder Bestimmten), nicht aber wie das Bestim-mende zum Bestimmten.
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Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 129


Nota.  Das ist keine Physik. Hier geht es um die Genesis der Vorstellungen  die Entstehung Dieser aus Jener. Unter der Voraussetzung der Freiheit des Willens lässt sich aus dem Bedingten die Bedingung rekonstruieren: Dieses war nur möglich, wenn vorher Jenes geschehen ist. Das ist der erste, analytische Gang der Wissen-schaftslehre. Der zweite, synthetische Gang muss ihn bewähren.
JE

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